Die grosse Enttäuschung ist ein gutes Zeichen

Die Schweiz scheidet gegen Kanada dramatisch aus. Dennoch hat das Team einen weiteren Schritt nach vorne gemacht.

Die fatale letzte Sekunde: Die Schweizer verlieren in Kosice gegen Kanada nach einer 2:1-Führung bis 0,4 Sekunden vor Schluss mit 2:3 nach Verlängerung. Video: SRF
Reto Kirchhofer@rek_81

Der DJ in der Steel-Arena hält die Schweizer Hymne bereit. Es braucht nur noch den Knopfdruck. Aber am Schluss erklingt «O Canada». Oh Kanada, musste das sein? Der 26-fache Weltmeister hat in letzter Sekunde ein Novum verhindert: Noch nie hat die Schweiz zweimal in Folge um WM-Medaillen gespielt. Es bleibt dabei. Und so schleichen die Schweizer nach dem 2:3 vom Eis: bitter enttäuscht, frustriert, ihres Ziels beraubt – ein Moment voller Emotionen, der sich kaum in Worten festhalten lässt.

Stone beendet die Schweizer Medaillen-Träume in der Verlängerung. (Quelle: SRF)

Wer das Abschneiden der Schweizer an dieser Weltmeisterschaft frei von Emotionen einschätzen will, kann die Vergangenheit bemühen. Der Viertelfinal definiert traditionell die Bilanz: erreicht = Daumen hoch, verpasst = Daumen runter. Und der Viertelfinal ist für die Schweizer eine schwer zu überspringende Hürde: In 15 Anläufen sind nur drei Siege geglückt: 1992 gegen Deutschland (3:1), 2013 gegen Tschechien (2:1), 2018 gegen Finnland (3:2). Das triviale Fazit nach den Titelkämpfen lautet demnach: Ziel erreicht, Coup verpasst.

Diese Mannschaft wollte mehr – und sie hätte gemessen am Potenzial mehr erreichen können.

Nur: Von erreichten Zielen spricht keiner der Beteiligten – erst recht nicht nach einem solch bitteren Ende. Und das ist richtig so. Dieses Denken zeugt vom neuen Selbstverständnis im Nationalteam. Diese Mannschaft wollte mehr, sie hätte gemessen am Potenzial mehr erreichen können. Deshalb fällt die Bilanz zwiespältig aus.

Da waren die Siege über tiefer eingestufte Mannschaften zu Beginn. Sie wurden mit einer Souveränität erspielt, die Schweizer Auswahlen in der Vergangenheit fremd gewesen war. Da waren auch die Niederlagen gegen die Topnationen Schweden, Russland und Tschechien. Der Trainer suchte nach der idealen Zusammensetzung der Linien, die Spieler fanden im Powerplay das Tor nicht. Es zeigte sich in dieser Phase, dass die Schweiz selbst nahezu in Bestbesetzung (noch) nicht zur Elite zählt. Aber sie hat unter Coach Fischer dreimal in Folge die K.-o.-Phase erreicht und den Anschluss zu den Top-6 hergestellt.

Augenfällig ist die Entwicklung im spielerischen Bereich: Die Schweizer mögen nicht zu den Grossen im Welteishockey zählen, aber sie spielen wie die Grossen: selbstbewusst, den eigenen Stärken vertrauend. Dass Fischer das Nationalteam revitalisiert und für die Spieler wieder attraktiv gemacht hat, ist keine neue Erkenntnis. Aber sie wurde bestätigt. Als Exempel dienen Andrighetto und Fiala, deren NHL-Verträge auslaufen. Sie wollten unbedingt für die Schweiz spielen, nahmen dafür das Risiko einer Verletzung und eines Einnahmeausfalls in Kauf.

Die Schweizer mögen nicht zu den Grossen zählen, aber sie spielen wie die Grossen.

Das Konzept der Swissness wurde als Effekthascherei abgetan. Längst tragen es alle Beteiligten. Absagen sind nicht mehr Usus, fadenscheinig begründete haben Konsequenzen: Malgin, Herzog und Schlumpf wissen Bescheid. Teamdirektor Raeto Raffainer und Fischer haben für ein Klima der Verbindlichkeit gesorgt, welches durch die Perspektive Heim-WM 2020 begünstigt wird. Raffainer erwähnt häufig den Begriff Commitment. Das Wort kommt im Vokabular des Nationalteams nicht unter C, sondern an erster Stelle. Nur die Bereitschaft und Anwesenheit der besten Spieler erlaubt es dem Schweizer Eishockey weiterhin gross zu denken.

Ausgerechnet ein Jahr vor der Heim-WM kommt es im Umfeld des Teams zur Zäsur. Raffainer und Assistenzcoach Wohlwend verlassen den Verband. Es bleibt Assistent Albelin, der defensiv die Zügel anzieht, wenn beim offensiv ausgerichteten Chef die Pferde durchzubrennen drohen. Und es bleibt Fischer. Im Februar 2018 wünschten ihn nach der Olympiapleite viele ins Pfefferland. Nun steht oder fällt das Konstrukt mit seiner Person. Die Zeit vergeht schnell, im Sport noch etwas schneller – und doch manchmal nicht schnell genug.

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