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«Die Flyers haben ihr Klischee abgestreift»

André Rötheli (40), ehemaliger Spitzen-Eishockeyaner und TV-Experte, äussert sich zum spannenden Playoff-Final zwischen dem HC Davos und den Kloten Flyers.

Alles oder nichts: Holen Lukas Stoop (l.) und der HCD den Titel, oder erzwingen Kimmo Rintanen und die Flyers eine Belle?
Alles oder nichts: Holen Lukas Stoop (l.) und der HCD den Titel, oder erzwingen Kimmo Rintanen und die Flyers eine Belle?
Keystone

André Rötheli, sind Sie überrascht, dass es heute Abend überhaupt zu einem sechsten Final-Duell zwischen Kloten und Davos kommt? Aus Sicht der Flyers ist das sicher positiv. Nach allen Hochs und Tiefs, die die Mannschaft seit Playoff-Beginn durchgemacht hat, ist das sicher erstaunlich.

Hat man generell nicht die Kampfkraft, Moral und die Leidenschaft der Flyers, die 0:3 in der Finalserie zurücklagen, unterschätzt? Man muss schon sehen, dass in Kloten in den letzten Jahren ein Team aufgebaut wurde. Es hat eine gesunde Mischung zwischen Routiniers und jungen, hungrigen Spielern. Dazu führen seit Jahren Anders Eldebrink und Felix Hollenstein die Mannschaft. Diese Konstanz auf dem Trainerposten zahlt sich nun aus. Die Klotener sind nun nach Jahren zusammengewachsen.

Überrascht war ich schon von der Reaktion im Halbfinal gegen den SC Bern: Dort streiften die Flyers das Klischee vom technisch und läuferisch starken Eisballett ab und bewiesen, dass sie in mentaler und körperlicher Hinsicht in den letzten Jahren Fortschritte erzielt haben. Die Klotener haben sich nicht runterkriegen lassen, als der SCB auf 3:3 aufholen konnte. Sie haben sich trotz einer Niederlagenserie noch einmal aufgerafft und den Final erreicht – in einer schwierigen Situation und mit dem Rücken zur Wand.

Kent Ruhnke, Trainer und Kolumnist, empfiehlt den Flyers in seiner Kolumne des «Tages-Anzeigers», dass sie sich im Playoff in die Grauzone des Erlaubten wagen sollten, die nicht durch die Regeln abgedeckt wird. Was meinen Sie zu Ruhnkes Vorschlag? (schmunzelt) Ich kenne Kent gut, ich habe ja unter ihm gespielt und viel von ihm gelernt. Er vertritt natürlich die kanadische Eishockey-Philosophie. Aber man muss diese Worte auch mit Vorsicht geniessen. Eine Mannschaft darf ihre Spielkultur nicht plötzlich ändern, ihren Weg nicht verlassen. Kloten darf seine Stärken, die nun mal im technischen und läuferischen Bereich liegen, nicht vergessen. Wenn man als Spieler in dieser Grauzone die falsche Ebene erreicht hat, kann dies negative Konsequenzen haben. Man darf in einem solchen wichtigen Finalspiel nicht den Fokus verlieren, schon gar nicht die Nerven. Es bringt einer Mannschaft nichts, wenn sie sich plötzlich ein anderes Klischee zulegen will, dessen Anforderungen sie nicht gewachsen ist. Der Rat von Ruhnke ist nicht jedem Spielertyp gegeben.

Die Leistungen der Heads werden immer mehr kritisiert, je länger diese Serie dauert... Ich finde, sie pfeifen in der Regel gut. Für die Schiedsrichter ist es heikel, die richtige Mischung zu finden, also das Spiel laufen zu lassen, die Härte zu tolerieren und schliesslich doch einzugreifen, damit die Partie nicht ausartet und die Spieler nur noch die Strafbank bevölkern. Ziel eines Heads muss es ja sein, dass er nicht im Mittelpunkt steht, dass man als Zuschauer das Gefühl hat, er steht gar nicht auf dem Eis.

Heute Abend ist ein Hexenkessel in Kloten zu erwarten. Was sind entscheidende Faktoren, die über Sieg und Niederlage entscheiden werden? Gerade die Disziplin und die Coolness sind Faktoren, auf die beide Mannschaften zurückgreifen müssen. Kloten hat jetzt 17 Matches im Playoff hinter sich gebracht, Davos 13; es ist unglaublich, dass den Flyers die Luft nicht ausgeht. Aber sie zeigen viel Moral und Kampfgeist. Beim HCD dagegen habe ich das Gefühl, dass die richtige Betriebstemperatur für einen Playoff-Final noch nicht vorhanden ist. Die Klotener holen ein 0:3 auf, schweben auf Wolke sieben – die Flyers wissen nun, dass sie zu allem fähig sind. Das ist in den Köpfen der Spieler drin. Der HCD muss jetzt aufpassen und sich vornehmen: Wie kann ich den Motor auf die richtige Temperatur bringen?

Sehen wir eine Belle am Donnerstagabend? Das ist durchaus möglich. Die Duelle der beiden momentan besten Mannschaften der Schweiz sind sehr eng. Ich könnte mit einem siebenten Finalmatch gut leben, das Schweizer Eishockey ebenfalls.

Kloten will ganz bestimmt nicht heute beim letzten Heimspiel der Saison den Titel an Davos abgeben. Und sollten die Zürcher den Turnaround tatsächlich schaffen, dann muss ich sagen: Chapeau Kloten. Sollte es zu einer Finalissima kommen, dann tendiere ich eher zum HCD als Meister. Doch Tatsache ist: Die Spieler beider Teams sind mental stark gefordert, sie müssen alles ausreizen.

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