Die dunklen Tage des Chuck Kobasew

Der kanadische Stürmer des SC Bern leidet seit über einem halben Jahr an den Nachwirkungen einer Hirnerschütterung. Für diese Zeitung erzählt er seine Leidensgeschichte. «Es gab eine Zeit, da wollte ich niemanden sehen, mit niemandem reden», sagt Kobasew.

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Freitag, Stadionrestaurant in der Postfinance-Arena. Nicolas James «Chuck» Kobasew, Kanadier mit grosser NHL-Erfahrung in Diensten des SC Bern, erscheint in T-Shirt, Bluejeans und Flipflops. Kobasew hat seit dem 3. Oktober und einem Zusammenstoss mit Schiedsrichter Marco Prugger nicht mehr Eishockey gespielt – wegen einer Hirnerschütterung. Es war seine fünfte, die dritte innert 16 Monaten. Jetzt, da die Saison vorbei ist und es ihm etwas besser geht, ist Kobasew bereit, über sein Schicksal zu reden. Der bald 34-Jährige erzählt mit ruhiger Stimme, artikuliert sich gut und weicht keiner Frage aus. Es ist eine berührende Geschichte.

«Jeder Tag ist anders. Manchmal werde ich noch sehr schnell müde, manchmal ist es schon fast wie früher. Ich fühle mich wie auf einer Achterbahn, es geht immer wieder rauf und runter. Im Oktober, November und Dezember gab es Tage, an denen ich 18 Stunden schlief. Ich musste starke Medikamente nehmen, ich musste mich in einem dunklen Raum aufhalten und durfte mich keinerlei Lärm aussetzen. Während der letzten 7 Monate habe ich meine Familie zusammengezählt nur an 2 Monaten gesehen.»

Hirnerschütterungen unterscheiden sich von anderen Verletzungen. Oft schreitet der Genesungsprozess langsam voran. Es gibt keinen Zeitplan. Das macht es für die Betroffenen und auch für das Umfeld schwierig, mit der Situation umzugehen. Immerhin: Kobasew stiess auf Verständnis bei seiner Gattin und seinen Freunden, aber auch beim Arbeitgeber. Trotzdem macht er eine Leidenszeit durch.

«Lärm oder Licht löste intensive Kopfschmerzen respektive eine Migräne aus, oft wurde mir auch schlecht. Das Gehirn ist Teil vieler Systeme, die beeinflussen, wie du dich fühlst. Manchmal ist das Gleichgewichtsorgan betroffen, manchmal die Sehkraft. Es gibt Tage, da wache ich auf und habe das Gefühl, mich in einem dicken Nebel zu befinden.

An 70 oder 80 Prozent der Tage seit dem Zusammenstoss befand ich mich in einem dunklen Raum – mit Ohrenstöpseln. Ich konnte nicht Musik hören, ich konnte nicht mit meinen Kindern spielen, nicht einmal mit ihnen zusammen sein, ich konnte nicht Auto fahren, nicht meine Teamkollegen sehen.»

Kobasew hat viele Ärzte aufgesucht, auch diverse bekannte Spezialisten. Zum Teil wohnte er nach dem Unfall in seinem Sommerhaus in Arizona unweit einer renommierten Klinik für Hirnverletzungen. Obwohl er sich gut betreut fühlt, trat anfänglich kaum Besserung ein. Er fühlte sich so schlecht, dass er seine Kinder (5- und 7-jährig) nicht ertrug. Er lebt daher meistens von seiner Familie getrennt. Lange war er in Arizona, während die Familie in Muri weilte; derzeit ist es umgekehrt.

«Es ist eine schwierige Situation. Meine Kinder wissen ungefähr, was mit mir los ist. Aber es sind Kinder: Sie wollen spielen, sie haben Mühe, zu verstehen, warum ihr Dad nicht mit ihnen zusammen sein will, warum sie nicht herumtollen und Lärm machen dürfen. Meine Frau ist fantastisch. In den 2 Monaten, die wir zusammen verbrachten, ging sie mit den Kids oft aus dem Haus. Ich sah die Kinder ab und zu, sprach ein paar Worte mit ihnen. Aber ich spielte nie mit ihnen, nahm nicht einmal an einer Familienaktivität teil.»

War der zur Untätigkeit verurteilte Eishockeyprofi allein, litt er weniger unter den Symptomen, doch sein Alltag war trostlos, unfassbar trostlos.

«In Arizona war ich allein im Haus. Es waren viele lange, langweilige Tage. Es gab eine Zeit, da wollte ich niemanden sehen, mit niemandem reden. Ich wollte nur allein sein. So etwas hatte ich noch nie erlebt. In den ersten 2 Monaten ging es nur darum auszuruhen. Danach ermunterten mich die Ärzte, mit leichten Aktivitäten anzufangen. Ich gehe oft im Wald spazieren. Am Anfang ging ich vielleicht 10 Minuten, einen Monat später konnte ich an einem guten Tag 30 Minuten spazieren. Manchmal setzte ich mich ganz allein auf eine Parkbank, atmete frische Luft ein – das war der aufregendste Teil meines Tages.»

In den letzen Jahren brachten sich in den USA einige ehemalige Footballspieler und «Goons» (Eishockeyprofis, die in erster ­Linie die Stars beschützen und Faustkämpfe austragen) um. Nachträglich wurde jeweils eine starke Degenerierung des Hirns festgestellt. Hat Kobasew deswegen ein wenig Angst vor der Zukunft?

«Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte nie an diese Geschichten gedacht. Wenn du monatelang in einem dunklen Zimmer bist, wirst du depressiv. Du drehst durch, weil du nicht du selber sein kannst, weil du nicht mit anderen Menschen zusammen sein kannst. Ich kann nachvollziehen, wie es zu diesen Selbsttötungen kommen kann. Aber ich habe Glück: Ich habe eine wundervolle Familie, gute Leute um mich herum. Ich arbeite mit Psychologen zusammen, die mich begleiten. Hätte ich diese Unterstützung nicht und wäre mit meiner Depression allein, wüsste ich nicht, was mit mir passieren würde.»

Trotz der Gefahren, trotz der ­Beschwerden: Der Kanadier hat Mühe, mit dem Eishockey abzuschliessen. Seinen Rücktritt hat er bisher nicht erklärt.

«Ich vertraue den Ärzten, sie sind die Experten. Ich trage die Hoffnung in mir, wieder spielen zu können, das wäre mein Traum. Ich liebe es, Eishockey zu spielen, das mache ich, seit ich ein kleiner Bub war. Ich weiss, dass ein Comeback mit Risiken verbunden wäre. Ich habe eine Familie, ich will für meine Kinder da sein. Ich werde auf den Rat der Ärzte hören. Aber sollten sie sagen, ich könne wieder Eishockey spielen, muss ich diese Entscheidung treffen.»

Kobasew befindet sich auf dem Weg der Besserung. Noch Anfang Februar war er nicht in der Lage, sich am TV einen SCB-Match anzuschauen; sein Hirn konnte mit den Reizen und den Emotionen nicht umgehen. Mittlerweile trainiert er fast täglich auf dem Hometrainer. Während der Playoffs war er nahe beim Team.

«Im Halbfinal gegen Davos versuchte ich erstmals seit dem Zwischenfall, einen Match live zu verfolgen. Doch es war zu laut, es war zu viel los – es ging einfach noch nicht. Am Dienstag reiste ich dann mit dem Team nach Lugano, weil ich unbedingt dabei sein wollte. Ich sass auf der Tribüne, trug ­Ohrenstöpsel. Aber nach etwa 10 Spielminuten hielt ich es nicht mehr aus. Den Rest der Partie verfolgte ich gemeinsam mit Trevor Smith in der Garderobe.»

Eishockey ist sein Leben. Es ist zu spüren, wie gut ihm der Kontakt zu den Teamkollegen getan hat. Der Stürmer hat versucht, seinen Mitspielern zu helfen – nicht mit Checks, Pässen und Toren, aber mit Worten. Er war Motivator und Berater.

«Ich vermisse das Eishockey wahnsinnig. Wie die Jungs zuletzt spielten, machte mich glücklich. Ich stand zwar selber nie auf dem Eis, während der Playoffs war ich aber jeden Tag bei der Mannschaft. Ich lebte durch meine Teamkollegen. Sie gaben mir das Gefühl dazuzugehören. Für die Siegerehrung holte mich Captain Martin Plüss aufs Eis und stemmte gemeinsam mit mir den Pokal in die Höhe. Das war für mich ein ganz besonderer Moment; ich trug zwar keine Schlittschuhe, fühlte mich aber als Teil des Teams.»

Chuck Kobasews Zuversicht ist zurückgekehrt. Zukunftspläne hat er zwar noch keine geschmiedet, aber er verströmt drei Tage nachdem er mit dem SCB Schweizer Meister geworden ist, so etwas wie Lebensfreude.

«Mittlerweile geht es mir wieder so gut, dass ich fast täglich etwas unternehmen kann. Ich kann zum Beispiel wieder in einem Lebensmittelladen einkaufen. Ich bin wieder ein besseres Ich, als ich noch vor 2 Monaten war. Ich plane, nächste Woche nach Arizona zurückzugehen. Ich habe meine Familie sieben, acht Wochen lang nur über das Smartphone gesehen. Ich freue mich extrem darauf, meine Kids wieder erleben zu dürfen, ­ihnen beim Fussballspielen, Golfspielen und Schwimmen zuzusehen. Das ist nun wieder möglich.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 15.04.2016, 11:40 Uhr

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