«Nino ist ein grossartiger Transfer für uns»

Er trifft und trifft – schon vier Tore für den neuen Club. Warum ein seltsamer Transfer Nino Niederreiter viele Vorteile bringt.

Sebastian Aho gab den Pass, Nino Niederreiter (rechts) feiert sein erstes Tor für Carolina.

Sebastian Aho gab den Pass, Nino Niederreiter (rechts) feiert sein erstes Tor für Carolina.

(Bild: Reuters Walter Tychnowicz)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

Als hätte er es geahnt. Letzten Sommer, als er seinen 26-Millionen-Dollar schweren neuen 5-Jahres-Vertrag unterschrieb, wünschte sich Nino Niederreiter explizit keine Klausel, die einen Transfer verunmöglichen würde. Den Status, diese so genannte «No Trade Clause» zu verlangen, hat sich der Bündner Stürmer in der NHL längst erarbeitet.

Doch er sagte damals dies: «Falls Minnesota mich irgendwann vielleicht nicht mehr will, soll ein Wechsel zu einem anderen Club nicht wegen so einer Klausel scheitern. Das ist für beide Seiten besser.»

Es lag nun tatsächlich lange in der Luft. Wie oft hatte der Bündner schon ruhig erklärt, immer dann, wenn die Wechselgerüchte wieder aufkamen: Über Dinge, die er nicht beeinflussen könne, lohne es nicht, sich den Kopf zu zerbrechen.

Doch als er nun tatsächlich Teil eines Spielertauschs wurde, der ihn von den Minnesota Wild zu den Carolina Hurricanes brachte, sah auch er ein: «Wirklich vorbereiten kannst du dich nicht auf diesen Moment.»

Minnesotas Matt Dumba ist unglücklich über Niederreiters Abgang – zum Abschied stellte er den gemeinsamen Handschlag-Jubel der beiden auf Twitter. (Quelle: Twitter)

Fast eine Woche ist nun seit dem Tauschgeschäft vergangen und Niederreiter sagt, den Trade nun verdaut zu haben: «Mehr oder weniger.» Spannend und intensiv seien diese Tage gewesen, der 26-jährige Churer durfte sie mit Mutter Ruth und Vater René erleben, die gerade zu Besuch weilten, weil auf dem Spielplan der Minnesota Wild mehrere Heimspiele hintereinander standen.

Unerwartete Reiserei auch für die Eltern

Vom Wechsel erfuhr Niederreiter am Nachmittag vor einer dieser Partien – telefonisch von Minnesotas General Manager Paul Fenton. Wie unpersönlich es immer noch zu und hergehen kann im rauen NHL-Business, zeigt dieses Beispiel. Das Gespräch, das keine Minute dauerte, war eines der ersten überhaupt zwischen den beiden. Fenton ist seit Mai 2018 im Amt, Niederreiter stand in seiner sechsten Saison bei den Wild.

Auch die Eltern bekamen somit das Erlebnis «Trade» und wie dieses alle kurzfristigen Pläne ändert, hautnah mit. Sie flogen gleichentags mit nach Raleigh in North Carolina, wo die Hurricanes beheimatet sind, um am nächsten Tag das erste Heimspiel ihres Sohnes im neuen Club live zu sehen.

Nino Niederreiter bei seinem Debüt mit den Carolina Hurricanes am 18. Januar 2019 in den speziellen schwarzen, sogenannten «3rd Jerseys». Neben ihm Captain Justin Williams, der Dritte im Bunde der aktuellen ersten Linie mit dem Schweizer und Sebastian Aho. (Bild: Karl B. DeBlaker/Keystone)

Den Road Trip an die über 4000 Kilometer entfernte Westküste Kanadas, der einen weiteren Tag später begann und nach drei Spielen in vier Tagen in Edmonton, Calgary und Vancouver in der Nacht auf Donnerstag endete, machten sie dann aber nicht mehr mit.

Macht der Trade Sinn für Minnesota?

Am Tage des Wechsels sprach Niederreiter noch vom «Viehmarkt». Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet. Nein, er sei Fenton nicht böse, sagt Niederreiter. So sei das Business: «Ich war offenbar ganz einfach nicht mehr in jenem Teil des Teams, den er zusammenhalten will.»

Ein Nachgeschmack bleibt dennoch.

Denn selbst wenn der Trade nicht durch die Schweizer Brille hindurch betrachtet wird, macht er aus Sicht Minnesotas weder beim ersten noch beim zweiten Blick wirklich Sinn.

Der Schweizer Stürmer spielte zwar bis zum Trade nicht seine beste Saison (9 Tore, 14 Assists in 46 Spielen für Minnesota), doch das trifft auf Victor Rask, der im Tauschhandel den umgekehrten Weg ging, erst recht zu: Der schwedische Center hat bislang ein Saisontor erzielt, er gilt auf NHL-Niveau als eher langsamer Stürmer, die Minnesota Wild zudem als eines der langsamsten Teams der Liga. Darum wundert sich auch in Nordamerika die Eishockey-Gemeinde: Warum machte Minnesota diesen Transfer?

Die Suche nach Gründen

Lag es am Trainer? Bruce Boudreau kommentierte den Abgang des Flügelstürmers gegenüber nordamerikanischen Medien mit merkwürdigen Sätzen: Auf der rechten Seite sei Linksschütze Niederreiter zu wenig gut, denn da müsse er Backhandpässe spielen – diese würden ihm Mühe bereiten von rechts. Und links sei der Schweizer nur vierte Wahl bei Minnesota, und einen Viertlinienspieler für teure 5,5 Millionen Jahressalär zu haben, sei ebenfalls keine gute Sache. Hoppla.

Niederreiter will nicht zurückschiessen, eigentlich sei ihm das mittlerweile egal. Er sagt nur: «Vielleicht hatte Bruce einen schlechten Moment, als er das sagte. Sein volles Vertrauen spürte ich aber eh nie.»

Mehr freuten den Schweizer die Reaktionen, die er von den Teamkollegen zum Abschied erhielt. Fast jeder habe ihm eine Nachricht geschrieben.

Der «The Athletic»-Journalist Michael Russo ist seit Jahren an fast jedem Spiel Minnesotas dabei – auch er bedauert Niederreiters Abgang. (Quelle: Twitter)

Und Matt Dumba, einer der prominentesten Spieler des Teams, tat seine Trauer über den Abgang eines seiner besten Kollegen via soziale Medien kund. Ähnliches machten nicht nur viele Fans Minnesotas, sondern auch jener Journalist, der die Wild seit Jahren am intensivsten betreut. Nein, Niederreiter war alles andere als unbeliebt in Minnesota.

Neben dem «Lieblingsspieler»

Und der Schweizer tat vieles, um seine Popularität auch beim neuen Arbeitgeber gleich in die Höhe schnellen zu lassen. Im zweiten Spiel gelangen ihm beim 7:4-Sieg in Edmonton zwei Tore. Zwar ärgerte den Schweizer, auch bei zwei Gegentreffern auf dem Eis gestanden zu haben - wovon das zweite erst noch von seinem direkten Gegenspieler erzielt wurde. Doch die Freude überwog: «Es war mein 500. NHL-Spiel, und ich konnte dabei Tore schiessen, das war schön.»

Eine von vielen traurigen Fan-Bekundungen in Minnesota zum Abgang Niederreiters. (Quelle: Twitter)

Auch wenn die Hurricanes in der Tabelle schlechter dastehen als sein altes Team und hart um einen Playoff-Platz kämpfen müssen. Der Wechsel vom drittältesten zum drittjüngsten NHL-Team könnte Niederreiter grosse Vorteile bescheren. Er darf in der ersten Linie Carolinas ran, wo er mit dem jungen Finnen Sebastian Aho einen der besten Playmaker der Liga an seiner Seite weiss.

Einen Nebenspieler mit dieser Genialität, bei dem auch Mitspieler ständig bereit für den unerwarteten Pass sein müssen, hatte der Schweizer bei Minnesota nicht. Auch Niederreiter gerät bei Aho ins Schwärmen: «Einer meiner Lieblingsspieler, ich habe ihm schon immer gerne zugeschaut.»

Es war erneut Aho, der Niederreiter in Szene setzte, als dieser am Mittwoch in Vancouver auch noch seine Tore 3 und 4 für den neuen Arbeitgeber schoss. Amüsant und wie ein kleiner Gruss Richtung Minnesota und Ex-Trainer Boudreau: Am Ursprung des zweiten Tores stand ein Backhand-Pass Niederreiters auf Aho – von rechts …

Eines dieser Pässchen Sebastian Ahos ermöglicht Nino Niederreiter das erste Tor als Hurricane beim Spiel in Edmonton. (Video: nhl.com)

Und wieder die beiden, diesmal in Vancouver: Niederreiter per Backhand-Pass auf Aho, zurück zu Niederreiter – Tor! (Video: nhl.com)

Der neue Trainer ist begeistert: «Ein grossartiger Transfer für uns»

Niederreiters neuer Trainer ist Rod Brind’Amour, er wurde in Carolina als Spieler zur Clublegende und steht in seiner ersten Saison als Headcoach. Der Kanadier hat auch in der Schweiz seine Spuren hinterlassen, war beim NHL-Lockout 2004/05 ganz kurz Gast in Kloten. Er hält offenbar mehr von Niederreiter als Boudreau: «Nino wird bei uns eine Top-Rolle und viele Minuten Eiszeit erhalten. Das ist ein grossartiger Transfer für uns.»

Die Voraussetzungen, eine persönlich bislang mässige Saison zu retten, sind also geschaffen für Niederreiter. Nun muss er die Chance packen – er ist auf sehr gutem Weg.

Niederreiter sagt, er habe einen guten ersten Eindruck erhalten beim Gespräch mit Brind’Amour: «Er sagte, dass er in erster Linie nicht auf meine Skorerpunkte schauen werde. Wichtig sei, dass ich hart arbeite, dann würden wir es gut haben miteinander.»

Vorerst wird Niederreiter aber gebremst. Die Hurricanes spielen erst am 1. Februar wieder, sie beziehen nun ihre für jedes Team einmal pro Saison obligatorische «Bye-Woche», in der weder gespielt noch trainiert werden darf.

Der Schweizer kann sich nun um private Dinge kümmern. Zum Beispiel die Verfrachtung seines Hab und Guts von Minneapolis nach Raleigh organisieren – auch das ist mühsamer Teil eines Trades. Eine neue Wohnung hat er vorerst nicht. Denn wie in den «Bye-Wochen» für Spieler üblich, verreist auch Niederreiter in den Kurz-Urlaub – Jamaika ruft.

Danach ist wieder Hektik Trumpf: «Am 31. Januar haben wir erstmals wieder Training – am Nachmittag», sagt Niederreiter. «Am Vormittag suche ich mir eine Wohnung.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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