Der SCB-Captain in der Brockenstube

Eric Blum ist ein etwas anderer Eishockeyprofi. Die BZ hat den 28-Jährigen vor der Begegnung mit seinem Ex-Team Kloten Flyers bei einem Brockenstubenbesuch in Bümpliz begleitet.

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Reto Kirchhofer@rek_81

Die Musiktruhe lässt ihm keine Ruhe. Eric Ray Blum mustert das antike Möbel, prüft die Anschlüsse, dreht am Radioknopf, hebt den Tonabnehmer am Plattenspieler. Das Einzige, was ihm missfällt, ist der gelbe Notizzettel mit der Aufschrift: «Ausstellungsstück». Noch steht die Antiquität in der Bümplizer Brockenstube nicht zum Verkauf. Flugs wendet sich der Captain des SC Bern an einen Verkäufer, fragt nach der Verfügbarkeit, dem Preis, und sagt: «Ich werde womöglich wiederkommen.»

Das Schmuckstück hat Blums Neugierde aus zweierlei Gründen geweckt: Einerseits schätzt der 28-Jährige Altwaren aller Art, anderseits ist die Musik von jeher sein treuer Begleiter. Dass Blum mehr als nur passabel Gitarre spielt, ist seit seinem TV-Auftritt mit Sänger Bastian Baker bei den Sports Awards im Dezember 2013 einem Millionenpublikum bekannt. Er ist Mitglied der Band «We and the Bulls» – Roman Wick (ZSC Lions), Romano Lemm (Kloten) sowie der Zuger Tim Ramholt gehören ebenfalls dazu.

Seit der Gitarrist die Region Zürich in Richtung Bern verlassen hat, sind die Proben selten geworden. «Wir machen weiter, bis wir das erste Album veröffentlicht haben – egal, wie es klingen wird», sagt Blum. Die Passion für die Musik wurde ihm zwar nicht wortwörtlich in die Wiege gelegt, aber dennoch bei der Geburt mit auf den Lebensweg gegeben. «Meine Mutter flippte aus, als sie Eric Clapton an einem Konzert in Japan sah. Deshalb wählte sie den Namen Eric.»

Eric Clapton wäre womöglich im Schallplattenregal zu finden. Doch es sind Kliby und Caroline, die Begeisterung und Erinnerungen an die Kindheit wecken. Blum wuchs in Zürich auf, wurde früh von seinem multikulturellen Umfeld geprägt. Die Wurzeln mütterlicherseits reichen nach Japan und Korea, jene des Vaters in die Schweiz und nach Deutschland. Von den Grosseltern erbte er das Interesse für das Zusammenspiel zwischen Handwerk und kreativer Arbeit, von entfernten Verwandten in Spanien das Flair fürs Kochen und die Tapaskultur. «Ich erhielt Einblick in völlig verschiedene Welten.» Die Jugendjahre hätten ihn geprägt, seinen Horizont erweitert.

Heute verkörpert Blum den Typen der Moderne – als Sportler und Musiker mit extrovertiertem Charakter und exotischem Äusseren. Anderseits ist da sein Flair für das Antiquierte; für Brockenstuben, Flohmärkte und Handwerkerberufe wie jener des Schuh- oder Hutmachers, die vom Aussterben bedroht sind. «Heute wird vieles von Maschinen produziert. Mich faszinieren jene Produkte, die mit minutiöser Arbeit von Hand gefertigt wurden.» Ein Stuhl eines Schreiners etwa habe «viel mehr Herz und Seele» als jener eines Grossverteilers.

Blum schlendert durch die Möbelabteilung. Die neueren Tische mit glatten Flächen lässt er links wie rechts liegen. Lieber verweilt der 28-Jährige bei einem alten Holzteil, studiert die Struktur. Unlängst fand er im Hinterhof einer Schreinerei im Engadin ein verstaubtes Stück Massivholz. Der Schreiner fand im SCB-Verteidiger den dankbaren Abnehmer. In einem Schulhaus stiess Blum auf alte Stühle, montierte die Metallbeine ab, zimmerte sich eine Küchenbank zusammen. Sie ist ebenso Teil seiner Wohnung im Ostring wie ein alter Plattenspieler, ein Chesterfield-Sofa, ein Perserteppich und weitere Erwerbe aus Brockenstuben und Flohmärkten.

Seine Bleibe hat er entgegen der gängigen Praxis nicht vom Klub suchen lassen, sondern selbst ausgewählt. «Ich weiss am besten, was meinem Geschmack entspricht.» In Zürich hat Blum mit einer Kollegin ein Atelier gemietet, wo er nach Lust und Laune basteln kann. Er sei aber kein Heimwerkerkönig, «ich bin wohl mehr Künstler als Handwerker».

Der Begriff des Künstlers schlägt die Brücke zum Eishockey. Blum greift nach einem alten Paar Schlittschuhen. «Mit solchen Dingern habe ich angefangen.» Als Neunjähriger begleitete er seinen Vater an einen Eishockeymatch; einen Monat später begann bei den GC-Zürich-Bambini seine Karriere. Die erste NLA-Saison bestritt Blum 2006/2007 mit den SCL Tigers. 2010 erfolgte der Wechsel nach Kloten, 2014 die Rückkehr ins Bernbiet, zum SCB. Er habe zwar zahlreiche Hobbys und Interessen, «aber der Sport ist mit Abstand das Wichtigste in meinem Leben».

Der Zürcher betreibt ihn mit grossem Ehrgeiz. Die Spielweise spiegelt den Charakter: Auch auf dem Eis ist Blum ein Künstler; einer, der lieber kreiert statt verhindert. Den Part des Offensivverteidigers erfüllt er zur vollsten Zufriedenheit der SCB-Verantwortlichen, sagt aber: «Ich spiele noch nicht jenes Hockey, welches mir vorschwebt. Aber ich werde wohl nie ganz zufrieden sein.»

Blum und Bern, das passt. Vor und nach seiner Vertragsunterschrift äusserten etliche Beobachter Zweifel, ob sich der Stadtzürcher – der «Big City Boy», wie Blum sagt – im beschaulichen Bern und der zuweilen als farblos verschmähten SCB-Equipe wohl fühlen werde. «Ich hatte nie Bedenken», sagt Blum. Das Teamleben beim SCB unterscheide sich nicht von jenem der anderen Mannschaften. Zudem behage ihm die Eigenart des Berners. In Zürich sei der Stress überall präsent, «in Bern hingegen nimmt sich die Kassiererin beim Einkauf Zeit für einen kurzen Schwatz.

Diese Gemütlichkeit ist mehr als ein doofes Klischee. Ich mag sie sehr.» Derzeit ist der SCB-Captain in der Hauptstadt rundum zufrieden; er hat seine Vertragsklausel für einen Wechsel in die russische KHL verstreichen lassen und wird auch in der kommenden Saison fix in Bern engagiert sein. Das Ziel ist klar: Nach zwei Playoff-Final-Niederlagen mit Kloten und WM-Silber mit der Schweiz 2013 will Blum endlich ganz oben stehen – getreu der Bedeutung seines zweiten Vornamens: Ray stammt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie «Gipfel des Berges».

Berner Zeitung

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