Der SCB hat alles ­versucht, aber nicht alles richtig gemacht

Der SCB hat die Wichtigkeit des Torhütertrainers unterschätzt, schreibt Sportredaktor Reto Kirchhofer.

Sportredaktor Reto Kirchhofer  schreibt über den Abgang von Leonardo Genoni.

Sportredaktor Reto Kirchhofer schreibt über den Abgang von Leonardo Genoni. Bild: Raphael Moser

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Es ist Freitag, kurz vor Mitternacht, als Marc Lüthi auf der Kursaal-Terrasse Leonardo Genoni zum Gespräch bittet. Zuvor wurde der Tor­hüter des SC Bern an der Gala «Hockey Awards» mit dem Schweizer Nationalteam für den Gewinn von WM-Silber geehrt.

Genoni ist festlich gekleidet, Lüthi chic – die Feierlaune mag sich beim Berner Geschäftsführer nach dem Tête-à-Tête mit dem Goalie nicht einstellen. Normalerweise mische er sich nicht ein, meint Lüthi. Er ist keiner, der Leute zum Bleiben überredet. Er funktioniert eher nach dem Motto: «Wär nid wott, het gha». – «Aber das hier ist speziell», sagt er.

Wenn sich der Berner Geschäftsführer untreu wird, dann muss es fürwahr um etwas Besonderes gehen. Lüthis Last-Minute-Versuch war ein weiterer Beleg für den Wert des Torhüters Genoni. Dessen Verpflichtung galt im Oktober 2015 als grösster Berner Transfercoup seit dem Engagement von Martin Plüss 2008. Der konstanteste und beste Torhüter der Liga sollte in Bern die Tradition grosser Goalies weiterführen.

Nun wird der Abgang des einstigen Königstransfers zur Herkulesaufgabe für Sportchef Alex Chatelain: Er muss jemanden ersetzen, der kaum zu ersetzen sein wird. Zwar laufen im Frühling etwa die Verträge von Jonas Hiller (Biel) und Elvis Merzlikins (Lugano) aus. Doch Hiller wird nächstes Jahr 37 Jahre alt, Merzlikins zieht es wohl nach Übersee.

Bei jüngeren Kandidaten wie Gilles Senn ­(Davos) stellt sich die Frage nach der Tauglichkeit. Torhüter beim SCB zu sein, kommt einer immensen Herausforderung gleich. Seit dem Wiederaufstieg 1986 hat der Club nur drei Stammkeeper beschäftigt: Renato Tosio, Marco Bührer und Genoni. Mit dessen Abgang endet die Serie der Kontinuität im Tor.

Den SCB-Verantwortlichen ist wichtig zu betonen, alles versucht zu haben. Und dass für Genonis Entscheid, ab 2019 in Zug zu spielen, die Familie den Ausschlag gegeben habe. Tatsächlich war für den Zürcher die Nähe zu Kilchberg ein zentraler Faktor. Die Familie zieht es zurück in die Heimat. Zudem steht das älteste Kind nach Ablauf von Genonis Vertrag in Bern vor dem Schuleintritt. Seinen künftigen Arbeitsort Zug wird der Goalie in knapp einer halben Stunde erreichen.

Alles versucht, sich demnach nichts vorzuwerfen? Damit machen es sich die Berner einfach. Sie haben die Wichtigkeit des Torhütertrainers unterschätzt. Der ruhige Genoni benötigt Vertrauen in seinen engsten Mitarbeiter. In Davos hatte er neun Jahre lang denselben Coach, reifte unter Marcel Kull zum besten Goalie der Liga. In Bern arbeitet er in seiner dritten Saison bereits mit dem dritten Torhütertrainer zusammen.

Sein Missfallen darüber tat der Mann zwischen den Pfosten ab und an zwischen den Zeilen kund, etwa im vergangenen März, als er sagte, er sei nicht zufrieden mit seiner Entwicklung in Bern. Es war ein Zeichen in Richtung Abgang. Fünf Monate danach ist er offiziell.

Mail: reto.kirchhofer@tamedia.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.08.2018, 08:02 Uhr

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