Der letzte WM-Auftritt im letzten Hemd

Der Coup bleibt aus. Die Schweiz unterliegt dem Gruppensieger Tschechien 4:5 und scheidet an der WM in Moskau nach der Vorrunde aus. Cheftrainer Patrick Fischer gibt sich selbstkritisch – und dürfte trotz allem im Amt bleiben.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Patrick Fischer blickt nach oben – aber es kommt keine Hilfe. Soeben haben die Tschechen zum 5:2 ins verlassene Schweizer Tor getroffen. Spätestens jetzt, fünf Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit, weiss auch der Schweizer Trainer: Das Ziel Viertelfinal ist endgültig ausser Reichweite. Zwar gelingen den Schweizern durch Noah Schneeberger und Sven Andrighetto noch zwei Treffer, doch für Rang vier hätten sie einen Sieg nach 60 Minuten und somit zwei weitere Tore benötigt. «Es ist ein trauriger Tag», sagte Fischer nach dem letzten Gruppenspiel, passte die Mimik den Worten an.

«Das Ausscheiden schmerzt. Wir haben gekämpft, aber es war nicht genug.»Der letzte Auftritt der Schweizer war ein Sinnbild für die Leistungen während des Turniers. Der Start missglückte, die Schweizer agierten defensiv instabil, verzeichneten viele Puckverluste, kassierten ein Tor in Unterzahl. Das Boxplay war mit 66 Prozent Erfolgsquote das schlechteste aller 16 Mannschaften. Und nachdem Andrighetto im Mitteldrittel bei seinem Pfostenschuss Pech bekundet hatte, gelang den starken Tschechen quasi im Gegenzug ein Tor.

Lukas Kaspar verwertete einen Penalty. Reto Berras Abwehrquote bei Penaltys sank auf schwache 40 Prozent. Einmal mehr stemmte sich die Mannschaft mit Wille und Leidenschaft gegen die drohende Niederlage, kämpfte sich angeführt von den Zugpferden Nino Niederreiter, Simon Moser und Andrighetto zurück. Doch es reichte nicht mehr. «Die Enttäuschung ist riesig. Am Ende fehlen uns die Punkte aus dem Auftaktmatch», sagte Moser. «Es gibt keine Ausreden: Wir haben das Ziel nicht erreicht und versagt.»

Seit Tag eins unter Zugzwang

Auch Fischer erwähnte in seinem Rückblick die Startniederlage gegen den Auf- und späteren Absteiger Kasachstan. «Diesen Punkten rannten wir hinterher. Im Prinzip waren wir seit dem ersten Tag unter Druck.» Die Bilanz fällt mit nur einem Sieg nach 60 Minuten über Lettland schlecht aus. Im Tor genügte Berras Leistung selten Viertelfinal­ansprüchen, in der Abwehr war Defensivverteidiger Patrick Gee­ring der Beste.

Eric Blum und Raphael Diaz verbuchten derweil wichtige Tore und Vorlagen. Im Angriff setzten vornehmlich die physisch starken Akteure die Akzente. Zu schwach besetzt war die Mittelachse. So musste Morris Trachsler, bei den ZSC Lions ein zuverlässiger Defensivcenter in den hinteren Reihen, zwischen Niederreiter und Moser im ersten Sturm aushelfen.

Auf Einzelkritik verzichtete ­Fischer. «Jeder Spieler hat sein letztes Hemd hergegeben.» Dafür sparte er nicht mit Selbstkritik: «Wir haben nie aus den Fehlern gelernt: Es gab von Anfang bis Ende zu viele Strafen, zu viele Scheibenverluste in der Mittelzone. Und das Boxplay war sehr schlecht. Dafür tragen wir Trainer die Verantwortung.»

Entscheid bis Mitte Juni

Neben Fischer sass Raeto Raffainer, Direktor der Nationalmannschaften. Der frühere SCB-Stürmer führte die fehlende Effizienz im Abschluss ins Feld und versprach, in diesem Bereich auf allen Stufen den Hebel anzusetzen. Künftig soll Ex-Profi Michel Riesen die Nachwuchsauswahlen als Schusstrainer unterstützen. Natürlich wurde Raffainer auch mit der Frage nach dem Nationaltrainer der Zukunft konfrontiert: «Es wäre unseriös, würde ich mich kurz nach dem Ausscheiden zu diesem Thema äussern.

Wir werden in den nächsten Tagen mit allen Beteiligten Gespräche führen.» Ziel sei es, bis Mitte Juni den Cheftrainer der A-Nationalmannschaft und der U-20-Auswahl bestimmt zu haben. Wer Raffainers Worten folgte («Ich bin stolz auf den Mut der Trainer, dass sie auf acht Neulinge gesetzt haben und offensiv spielen liessen»), konnte erahnen, dass Fischers Chancen auf eine Vertragsverlängerung trotz verpasstem Viertelfinal gut stehen. Der Cheftrainer hielt fest: «Ich würde unglaublich gerne weitermachen.» Offen ist, ob die Assistenten Felix Hollenstein und Reto von Arx dieses Commitment ­teilen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.05.2016, 20:28 Uhr

Artikel zum Thema

Patrick Fischer geniesst trotz allem Goodwill

Sportredaktor Reto Kirchhofer über das frühe Ausscheiden der Schweizer Nationalmannschaft an der Eishockey-WM in Moskau. Mehr...

Das Wunder von Moskau bleibt aus

Trotz vier Treffern unterliegt die Schweiz den starken Tschechen mit 4:5 und muss die Heimreise bereits nach der WM-Vorrunde antreten. Mehr...

«Nicht rechnen, sondern angreifen»

Stürmer Julian Walker sorgt an der Weltmeisterschaft weder für Tore noch für Schlagzeilen. Dennoch ist der 29 Jahre alte Berner im Schweizer Nationalteam eine wichtige Konstante. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...