Der Lehrling will den Chefposten

In Freiburg war Andrea Glauser ein Mitläufer, in Langnaus Defensive übernimmt er viel Verantwortung – was selbst Nationaltrainer Patrick Fischer nicht verborgen geblieben ist.

Andrea Glauser würde gerne des Öftern den Nationaldress überstreifen.

Andrea Glauser würde gerne des Öftern den Nationaldress überstreifen.

(Bild: Vedi Galijas (freshfocus))

Es gibt Eishockeyprofis, die träumen vom Meistertitel. Vom gelben Topskorer-Helm vielleicht. Von einem grossen Transfer. Und es gibt Andrea Glauser, der davon träumt, auf den Mond zu fliegen.

Er sei schon immer ein Träumer gewesen, sagt der Verteidiger. Den Planeten verlassen wird er so schnell zwar kaum, allein der Gedanke daran aber spiegelt seinen Charakter. «Man sollte sich viel vornehmen im Leben, sich keine Grenzen setzen», meint der 22-Jährige. Glauser tut genau das; im Hinterkopf geistert die Idee herum vom Wechsel nach Nordamerika, davon, dereinst eine bedeutende Rolle zu spielen im Nationalteam, in welchem er vor zwei Wochen debütierte. Glauser ist keiner, der sich mit der Rolle des Mitläufers arrangieren will. Deshalb ist er ausgezogen aus dem gemachten Nest, hat seine Schriften im Frühling nach Langnau verlegt.

Abschied mit Nebengeräuschen

Aufgewachsen ist Glauser in Düdingen. Mit 12 wechselte er nach Freiburg. Gottéron, es ist der Club seines Herzens, Eltern und Bekannte sind leidenschaftliche Anhänger. Ende 2015 debütierte er in der damaligen NLA, Eiszeit und Verantwortung blieben aber bis in den vergangenen Winter hinein überschaubar. Den Vertrag hätte er verlängern können, das Eigengewächs aber lehnte ab. Freiburgs Verantwortliche reagierten gleichermassen erstaunt und verärgert, der Missmut war zwischen den Zeilen des Transfer-Communiqués zu lesen.

«Dann braucht es allenfalls sogar einen wie den kleinen Glauser.»Andrea Glauser

Dankbar für alles sei er dem Verein, sagt Glauser, aber zuletzt sei er eher gebremst denn gefördert worden. «Die Gefahr hätte bestanden, dass ich für immer der Lehrling geblieben wäre.» Eine Veränderung sei nötig gewesen, sagt Glauser, dem auch eine Offerte aus Rapperswil vorgelegen war. Nun sagt er: «Ich bin froh, diesen Entscheid getroffen zu haben.»

Auch wenn es früh sein mag, nach zwei Fünfteln der Qualifikation Bilanz zu ziehen, so lässt sich festhalten, dass der Wechsel ins Emmental ein cleverer Schachzug gewesen ist. Von Langnaus Verteidigern erhält einzig Federico Lardi minim mehr Eiszeit als der Sensler, der im Powerplay Stammkraft ist und künftig noch mehr Einfluss nehmen will.

In Langnau gefällt es Glauser, der im Dorf wohnt, nach einer gewonnenen Partie auch mal einen Schluck aus dem Bierbecher eines Fans zu trinken. «Nähe vermitteln», nennt er das, was in einem Dorfclub besonders wichtig sei. «Wir Spieler sollten uns Zeit nehmen für die treuen Fans, uns nicht für etwas Besseres halten.»

Weiterbildungswochen in Florida

Besser geht es aus Tigers-Sicht bestimmt als zuletzt in Freiburg, die 3:10-Klatsche gegen Gottéron bedurfte einer gründlichen Aufarbeitung. Heute gegen den abgeschlagenen Aufsteiger Rapperswil ist ein Heimsieg Pflicht; nach den Ausfällen von Yannick Blaser und Samuel Erni wird Andrea Glauser in der Abwehr noch mehr Verantwortung übernehmen können.

Viel hatte er investiert im Sommer, machte Zusatzeinheiten im Kraftraum, weil er im physischen Bereich noch einiges aufzuholen habe, wie er festhält. Er reiste nach Tampa im Sommer, während vier Wochen arbeitete er in einem Camp unter anderen an den läuferischen Fähigkeiten und seinem Schuss.

Belohnt wurde Glauser mit dem Aufgebot für den Deutschland-Cup. Nach der Partie gegen Russland wurde er zum besten Spieler gewählt, Trainer Patrick Fischer geizte weder im 4-Augen-Gespräch noch in der Öffentlichkeit mit Lob. Ein guter Anfang sei es gewesen, sagt Glauser, nicht mehr und nicht weniger.

Er hofft auf weitere Berücksichtigungen, irgendwo schwirrt der Gedanke an die WM vom kommenden Mai in der Slowakei herum. «Es könnten sich Verteidiger verletzen, andere könnten absagen, vielleicht ist dann die Türe einen winzigen Spalt offen – und dann braucht es allenfalls sogar einen wie den kleinen Glauser», meint er lächelnd. Träumen ist erlaubt.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt