Der Kleine mit dem grossen Herz bei den SCL Tigers

66 Tore schoss Kevin Clark in den letzten zwei Jahren in Deutschland, bei den in die NLA zurückgekehrten SCL Tigers gilt er als Hoffnungsträger. Der Kanadier studierte in Alaska, wurde erst mit 22 Profi – und setzt sich für bedürftige Kinder ein.

«Zwei komplett verschiedene Welten»: Kevin Clark posiert in der Emmentaler Idylle mit Blick auf Langnau – angereist ist der Kanadier aus der Metropole Hamburg.

«Zwei komplett verschiedene Welten»: Kevin Clark posiert in der Emmentaler Idylle mit Blick auf Langnau – angereist ist der Kanadier aus der Metropole Hamburg.

(Bild: Andreas Blatter)

Keine Woche war er da, und schon suchte er das Gespräch mit dem Geschäftsführer. Kevin Clark diskutierte also mit Peter Müller, und was der Mitarbeiter der Tigers-Geschäftstelle zu hören bekam, erstaunte ihn ziemlich. Clark, Langnaus Zuzug aus Kanada, wollte zwei Saisonkarten kaufen.

Nicht für sich, sondern für behinderte und sozial benachteiligte Kinder. Solche sollen an jedes Heimspiel eingeladen werden. «Dann haben sie die ganze Woche etwas, worauf sie sich freuen können, gehen mit einem Lächeln durchs Leben», sagt der Flügelstürmer. Egal, wo er spielte, stets verschenkte er Kleider und Schuhe an Bedürftige. «Man kann mit sehr wenig sehr viel bewegen.»

Ein grosses Herz hat Kevin Clark, Teamkollegen bezeichnen ihn als netten Kerl. Auf dem Eis indes hält er wenig von Nächstenliebe. 33 Tore erzielte er in der Saison 2013/2014 für Krefeld, 33 Tore waren es in der Saison 2014/2015 in Diensten Hamburgs – im März dieses Jahres wurde er in Deutschland zum Spieler des Jahres gewählt. Ungefragt hält Clark fest, die Deutsche Liga sei etwas schwächer einzuschätzen als die NLA. Und doch: Seine Ausbeute war formidabel.

Der ständige Kampf

Nicht umsonst also gilt Clark als Hoffnungsträger im Langnauer Aufstiegsteam. Tore und Assists, möglichst viele natürlich, werden von ihm erwartet. Der 27-Jährige versteift sich nicht auf Skorerpunkte respektive Statistiken. «Offenbar gibt es einige, die mir nicht viel zutrauen, meine Leistungen in Deutschland nicht ernst nehmen.

Das spornt mich an – ich will es den Kritikern, aber auch mir selbst beweisen.» Zu kämpfen, das ist der 175 Zentimeter grosse Kevin Clark gewohnt. In Nordamerika galt er nie als grosses Talent, bekam keine besondere Rolle zugeteilt. «Ich wurde immer als der Kleine betrachtet.

Und wenn du nie gedraftet worden bist oder nie in der NHL gespielt hast, musst du dich in Nordamerika hinten anstellen.» In der zweitklassigen AHL sei es nur darum gegangen, es in die Aufstellung fürs nächste Spiel zu schaffen. «Das war zermürbend und nicht mein Ding. Zudem spiele ich lieber auf den grösseren Eisfeldern in Europa.»

Ohnehin ist Kevin Clark ein Spätzünder. Profi wurde er erst mit 22. Zuvor hatte er vier Jahre lang studiert, nebenbei in der besten Collegedivision gespielt. Nach der Juniorenzeit sei er körperlich nicht dazu bereit gewesen, gegen die «Grossen» zu bestehen, «während der Collegezeit formte ich meinen Body so, wie es sich gehört».

Clark wählte die Universität von Anchorage in Alaska – primär darum, weil er dort bereits als 18-Jähriger aufgenommen wurde. Mit dem Klima hatte der Stürmer keine Mühe, stammt er doch aus Winnipeg, «da wird es im Winter ab und zu minus 40 Grad kalt». Er promovierte in Marketing, für die zweite Karriere hat er aber andere Träume: «Beim Radio zu arbeiten, das wäre was. Ich hätte gerne eine eigene Morgenshow.»

Der «verrückte» Nachbar

Von der Natur in Alaska schwärmt Kevin Clark, dem es auch im Emmental mit den vielen Hügeln und grünen Wiesen gefällt. Welch Kontrast zu seiner letzten Station, den Hamburg Freezers, die vergeblich an die finanzielle Schmerzgrenze gingen, um seinen Abgang zu verhindern.

Im pulsierenden Hamburg leben rund 1,8 Millionen Menschen, im beschaulichen Langnau sind es keine 10'000 – «das sind komplett verschiedene Welten», hält der Kanadier fest. Fussball sei natürlich Trumpf in Hamburg, «nach dem HSV und St.Pauli kommen der HSV und St.Pauli – und dann kommt lange nichts».

Die riesige Eishockeybegeisterung in Langnau hat Clark rasch registriert. «Offenbar versteht hier jeder etwas davon, das fiel mir beim Einkaufen auf». Im Dorfkern wohnt er Tür an Tür mit Chris DiDomenico, die Landsleute verstehen sich prächtig, gehen oft gemeinsam mit ihren Hunden spazieren. Der ruhige Clark ist der Gegenpol zum impulsiven und teils unkontrollierbaren DiDomenico (Clark: «Er ist etwas verrückt»).

Auch Clark liess sich früher leicht provozieren, kassierte viele Strafminuten. «Ich verhielt mich dumm, bin aber reifer geworden. Heute lache ich darüber. Und ich werde Chris betreuen, brauche ich ihn doch auf dem Eis, nicht auf der Strafbank.»

Clark seinerseits hat auf Schweizer Eis einiges vor, gerne möchte er länger als nur das eine Vertragsjahr in Langnau bleiben. Seinen wohl grössten Fan, ein Schulbub aus St.John’s auf Neufundland, würde dies kaum freuen.

Der Junge wurde einst während eines Hockeyspiels von Chaoten beschimpft und aus dem Stadion vertrieben; Clark, der auf dem Eis stand, bemerkte dies, stellte später Kontakt zum Opfer her und organisierte Tickets sowie ein Treffen mit dem Team.

Berner Zeitung

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