Der kleine Finne und die grosse Ruhe

Der EHC Biel empfängt im Playoff-Halbfinal Lugano. Wer den wundersamen Aufstieg der Seeländer verstehen will, muss sich an Toni Rajala orientieren.

Der strahlende Finne: Toni Rajala ist das Gesicht des derzeit erfolgreichen EHC Biel.

Der strahlende Finne: Toni Rajala ist das Gesicht des derzeit erfolgreichen EHC Biel.

Marco Oppliger@BernerZeitung

Euphorie? Weit gefehlt! Wer in diesen Tagen durch Biel fährt, erhält kaum den Eindruck, dass hier etwas Aussergewöhnliches vor sich gehen würde. Selbst im Osten der Stadt, wo die Tissot-Arena seit 2 Jahren thront, herrscht grosse Ruhe. Was einigermassen überrascht, schliesslich spielt sich hier durchaus Aussergewöhnliches ab: Heute Dienstag empfängt der EHC Biel den HC Lugano zum Auftakt des Halbfinals. Zum ersten Mal seit 28 Jahren stehen die Bieler wieder in der zweiten Playoff-Runde. Natürlich ist die Partie ausverkauft, ebenso das zweite Heimspiel am Samstag. Ansonsten allerdings scheint alles so wie immer.

Im Vorjahr war dies ganz anders. Vier Runden vor Schluss hatte Biel die Playoff-Qualifikation sichergestellt, worauf sich Stadtpräsident Erich Fehr – ein grosser EHCB-Fan – ins Stadion begab, um der Mannschaft zu gratulieren. Es herrschte nach einer turbulenten Saison Euphorie, und vor allem Zufriedenheit. In der Folge gewannen die Bieler nur noch ein Spiel – Playoff inklusive.

«Nun haben wir klargemacht, das jetzt nicht der Zeitpunkt ist für Euphorie», hält Sportchef Martin Steinegger fest. Oder um es in den Worten von Toni Rajala zu sagen: «Für die Menschen in der Stadt ist die Halbfinalteilnahme vielleicht eine grosse Sache, aber wir Spieler sind noch nicht glücklich.» Der Finne ist Biels Spieler der Stunde, im Viertelfinal gegen Davos gelangen ihm 6 Tore. Und er ist das Musterbeispiel für den wundersamen Aufstieg des EHCB.

Ein Kunststück

Es war Anfang Dezember, als Biel in Bern nach einem 0:3-Rückstand 5:4 nach Penaltyschiessen gewann – weil Rajala mit dem letzten Versuch einhändig und backhand via Lattenunterkante getroffen hatte. Zuvor hatte der Stürmer über zwei Monate lang nicht mehr reüssiert, wie das ganze Team war er nach gutem Saisonstart in die Krise geraten. «Natürlich gab mir dieser Penalty Selbstvertrauen», hält der Finne lächelnd fest.

Am Anfang stand ein Penalty: Rajala bezwingt SCB-Goalie Leonardo Genoni. Quelle: Youtube/SwissHabs

Er entspricht so gar nicht dem Bild, das gemeinhin von seinen Landsleuten gezeichnet wird. Rajala ist weder wortkarg noch verschlossen. «Er ist immer entspannt und fröhlich, deswegen ist er im Team sehr beliebt», erzählt Antti Törmänen. «Raju» nennen sie den Stürmer in seiner Heimat. «Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wieso», sagt der Bieler Coach. Dann kramt er sein Handy hervor und startet ein Übersetzungsprogramm.

Raju bedeutet frei übersetzt: gewalttätig. Mit 1,78 Metern und 76 Kilogramm sowie seinem sonnigen Gemüt entspricht Rajala ziemlich genau dem Gegenteil. Seine Stärke ist nicht das Körperspiel, er besticht durch seine stupende Technik. Nach Rajalas Penalty liess Steinegger, damals Interimscoach, die Spieler des Finnen Kunstwerk im Training nachführen. Nur die Hälfte brachte den Puck über das aufgestellte Hindernis.

Seit 2016 spielt Rajala für Biel. Und weil er sofort skorte, verlängerte Steinegger den Vertrag mit ihm vorzeitig um zwei weitere Saisons. Er sah im Flügel Potenzial, «und ich hatte das Gefühl: Wenn er durchstartet, ist er bald weg.» Es sollte anders kommen. Rajala durchlief letzte und diese Saison Dursttrecken, traf längere Zeit nicht. «Er ist noch nicht so konstant, aber er ist auch noch relativ jung und muss als Ausländer bereits viel Verantwortung übernehmen», sagt Steinegger.

Ein eigener Fansong

Am Donnerstag wird Rajala 27-jährig, ein erstes Highlight in dieser speziellen Woche liegt jedoch bereits hinter ihm. Am Sonntag durfte er auf dem weissen Sofa im «Sportpanorama» Platz nehmen. Zur besten Sendezeit bot er damit dem EHC Biel, der sonst in den nationalen Medien wenig Beachtung findet, eine ausgezeichnete Plattform. Eine gute Erfahrung sei es gewesen, erzählt Rajala, «auch wenn ich ziemlich nervös war».

In Biel haben sie den Finnen längst ins Herz geschlossen, für «Tönu» gar einen eigenen Fansong kreiert. Rajala fühlt sich im Seeland wohl, auch wenn er oft alleine unterwegs ist, weil die Freundin wegen des Studiums in Finnland geblieben ist. «Als Antti kam, begann für mich und das Team alles besser zu werden», hält er fest. Zwar sei das Verhältnis zum Coach nicht speziell. «Aber mein Selbstvertrauen nahm zu, und so triffst du auch öfters. Zuvor hatte ich zwar oft geschossen, aber er ging nie rein.»

Die Form Rajalas widerspiegelt sich abermals im Team. Die Bieler strahlen viel Selbstvertrauen aus, sie überzeugen durch mannschaftliche Geschlossenheit. Im Viertelfinal gegen Davos trafen alle vier Sturmlinien. Deshalb kann Biel dem HC Lugano auf Augenhöhe begegnen, so jedenfalls sieht es Rajala. «Wir wollen in den Final», betont er. Es wird nicht zuletzt an ihm liegen, dass dieser Coup gelingt.

Berner Zeitung

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