Der Dauerläufer

Kein anderer Profi wird bei den SCL Tigers auch nur annähernd so stark beansprucht wie Ville Koistinen. «Von mir darf man mehr erwarten als von anderen», sagt der Finne. Auch am Freitag in Biel.

Langnaus Schwerarbeiter: Ville Koistinen ist bei den Tigers defensiv wie offensiv gefordert.

Langnaus Schwerarbeiter: Ville Koistinen ist bei den Tigers defensiv wie offensiv gefordert.

(Bild: Andreas Blatter)

In einem Fachportal wird Ville Koistinen von Scouts als genügsame Diva beschrieben. Darauf angesprochen, schüttelt er energisch den Kopf. «Das ist lächerlich. Dem, der das geschrieben hat, passte wohl mein Gesicht nicht.» Man kann den zuweilen unnahbar wirkenden Finnen verstehen. Arbeit jedenfalls scheut er bei den SCL Tigers nicht.

In Langnau ist Koistinen der Vielbeschäftigte, kein anderer Profi wird annähernd so stark beansprucht. Wenngleich der Verteidiger 3 von 40 Qualifikationspartien verpasst hat, totalisiert er 100 Einsatzminuten mehr als seine ersten «Verfolger». Durchschnittlich steht er 24:04 Minuten pro Partie auf dem Eis, nur zwei NLA-Spieler kommen auf einen höheren Wert (siehe Tabellen).

SCL Tigers: Durchschnittliche Einsatzzeit pro Spiel

Bei den Tigers ist Koistinen die Allzweckwaffe – niemand gelangt häufiger im Über- und Unterzahlspiel zum Einsatz. «In einigen Spielen wurde ich sogar während 29 Minuten eingesetzt», sagt der Routinier. «Aber das passt ganz gut. Mit mir möchten viele tauschen, jeder will doch so lange wie möglich spielen. So findest du einfacher den Rhythmus.»

Die fehlende Sauna

Im Vergleich zur Vorsaison werde er noch häufiger aufs Eis beordert, hält Ville Koistinen fest. Er ist 34, weshalb sich die Frage nach Verschleisserscheinungen aufdrängt. Der Abwehrchef schüttelt den Kopf, sagt, er fühle sich jünger, als er sei. «Ich habe sechs, sieben gute Saisons vor mir, ganz bestimmt.»

Natürlich plagt sich der dreifache WM-Teilnehmer wie viele Profis immer wieder mit leichten Blessuren herum, auch jetzt, wobei er nichts Genaues verraten will. «Sonst werde ich zur Zielscheibe.» Alles in allem aber sei die physische Komponente seine Stärke. Er esse viel und besonders energiereich, trage seinem Körper Sorge.

«Ein Finne will jeden Tag in die Sauna gehen.»Ville Koistinen

«Stretching ist mir wichtig, auch in der Freizeit gehe ich ins Fitnesscenter. Und ich achte auf genügend Schlaf.» Nur eines fehlt ihm: «Ein Finne will jeden Tag in die Sauna gehen. Bei uns im Stadion hat es keine – ich werde den Präsidenten mal fragen, ob er eine auftreiben könne», erzählt er lachend.

Die viele Einsatzzeit habe einen weiteren wesentlichen Pluspunkt, meint Koistinen. «Es ist ein Zeichen der Wertschätzung. Du realisiert, dass du wichtig bist.» Der Nordländer betrachtet sich im Tigers-Team als Leader und Wortführer, nur schon aufgrund seiner Vergangenheit. Er hat in Finnland, Schweden, Russland und in der NHL gespielt, mit dem Nationalteam zwei WM-Medaillen gewonnen.

2015 feierte er in Diensten des HC Davos den Meistertitel, mit Trainer Arno Del Curto allerdings hatte er das Heu nicht auf derselben Bühne. Weshalb der Transfer ins Emmental zustande kam. «Von mir darf man in Langnau mehr erwarten als von anderen», hält Koistinen fest.

Der ausgebildete Masseur

Nicht zuletzt weil kein zweiter ausländischer Verteidiger beschäftigt wird, erhält Koistinen bei den SCL Tigers viel Verantwortung. Und es ist nicht übertrieben, auf ein gewisses Abhängigkeitspotenzial hinzuweisen. «Ohne ihn ist die Verteidigung massiv schwächer», meinte der Anfang Oktober freigestellte Coach Scott Beattie. Nachfolger Heinz Ehlers bezeichnet Koistinen derweil als Eckpfeiler. 18 Tore hat dieser vorbereitet; er hält bei einer Plus-11-Bilanz, ein erstaunlicher Wert für einen Akteur eines Teams aus dem hintersten Ranglistenviertel.

«Ich fühle mich wohl hier, brauche keinen Trubel.»Ville Koistinen

Sein Vertrag läuft bis Frühling 2018. «Ich fühle mich wohl hier, brauche keinen Trubel», sagt der Linksschütze. Er möchte länger in der Schweiz bleiben, nochmals die Playoffs bestreiten. Vor dem morgigen (19.45 Uhr) Vergleich in Biel liegen die Tigers acht Punkte hinter Rang 8 zurück. Nach dem Derby folgen fünf Partien gegen direkte Konkurrenten (zweimal Kloten und Gottéron, einmal ­Ambri).

«Von den nächsten sechs Spielen müssen wir mindestens vier gewinnen. Dann liegt etwas drin.» Koistinen dürfte trotz fünf Ausländern im Kader weiterhin gesetzt sein. Und wenn die Wehwehchen aufgrund des strengen Programms grösser werden sollten, weiss sich der Profi bestimmt zu helfen. Denn: Koistinen ist ­gelernter Sportmasseur.

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