Das unterscheidet ihn von Kevin Schläpfer

André Rötheli ist zum ersten Mal in seiner Karriere Headcoach in der höchsten Liga. Er hat einen anderen Ansatz als sein Vorgänger.

Ein Teamplayer auch als Trainer: André Rötheli (47). Foto: Urs Jaudas

Ein Teamplayer auch als Trainer: André Rötheli (47). Foto: Urs Jaudas

Manchmal frage er sich schon: «Weisst du eigentlich, auf was du dich da eingelassen hast?» André Rötheli meint damit nicht, dass die Herausforderung für ihn zu gross sein könnte. Sondern dass er vor der Klotener Eishalle in der Sonne sitzen und feststellen kann, dass er in den letzten Tagen gar nicht nervös ­gewesen ist.

Dabei ist er doch erst seit knapp einer Woche und zum ersten Mal verantwortlicher Trainer in der National League. Nicht bei einem Verein, der viel gewinnen, sondern vor allem sehr viel ver­lieren kann. Der dienstälteste Club der National League ist arg gefährdet, der 47-Jährige soll dafür sorgen, dass das Schlimmste nicht eintrifft. Der EHC Kloten soll sich gegen die Rapperswil-Jona Lakers in der höchsten Liga halten.

Die Gelassenheit von «Roots», wie er überall genannt wird, ist nicht gespielt. Denn er fühlt sich in dieser aussergewöhnlichen Situation sehr wohl. Obwohl er das Sagen hat in Kloten, ist er umgeben von Leuten, die mithelfen. Felix Hollenstein, die Klotener Legende, Niklas Gällstedt, der schwedische Assistent, Thomas Derungs, der Trainer der Novizen Elite. Auch Romano Lemm, der verletzte Stürmer, engagiert sich. «In einem Team kann ich viel besser leben.» Alleine arbeiten, wie Kevin Schläpfer das getan habe, das könne er nicht. Da wäre er dauernd am Anschlag.

Rötheli war ein Mittelstürmer mit feinen Händen und starkem Handgelenkschuss. 

«Ich war ein Teamplayer. Ich verfügte zwar über Talent, das andere nicht hatten, aber ich habe stets versucht, die Mitspieler zu integrieren.» Ja, Rötheli, der Spieler. 1998 gewann der Mittelstürmer den Titel mit dem EV Zug, 2003 mit dem HC Lugano und 2004 mit dem SC Bern. 2007 endete seine Karriere in der höchsten Liga. Rötheli war ein Mittelstürmer mit feinen Händen und starkem Handgelenkschuss.

In Hägendorf, wo er heute eine kleine Sportsbar besitzt, begann alles. Roots spielte Fussball, in Olten lockte das Eisfeld. Seine Mutter sah eines Tages mit Schrecken, wie ihr Sohn dort von einem Mann angesprochen wurde, und eilte herbei. Doch der vermeintliche Bösewicht war ein Eishockeytrainer, dem aufgefallen war, dass der Bursche sehr gut Schlittschuh lief.

Rötheli stieg in die Schülermannschaft ein. Ein Angebot, nach Davos zu wechseln, schlug die Familie aus. Es herrschte damals die Meinung vor, dass Sohn André wenn immer möglich eine Lehre in der Heimat absolvieren sollte. Der Urgrossvater war Zimmermann, Rötheli fand in Wangen eine Lehrstelle für diesen Beruf. Trainer Kent Ruhnke beförderte ihn 1987 in die erste Mannschaft des EHC Olten, der im Frühjahr 1988 aufstieg. Es passt zur ­Serie, die am Donnerstag in Kloten beginnt, dass der damalige Gegner Rapperswil-Jona hiess. Während der Saison verlor sein Team alle Spiele gegen die St. Galler; als es wichtig war, gewann Olten die Halbfinalserie Richtung NLA 3:0.

Es würde ab und zu «bolle»

In Zug kritisierte ihn vor 18 Jahren die amerikanische Verstärkung Chris Tancill: «Wenn du nur ein bisschen mehr Biss gehabt hättest, hättest du in der NHL spielen können.» Dieser Biss, denkt Rötheli heute, sei bei ihm zu wenig geschult worden. Denn er sei ja «wie durch Butter» die Juniorenstufen hinaufgestiegen.

Zu Röthelis Zeit war der Kraftraum zwar durchaus ein Thema, «aber ich war nicht der, der dort die Gewichte durch die Gegend geworfen hat». Heute verlangt er die Arbeit an Gewichten. Als Trainer sei er ganz anders denn als Spieler. Was zur Frage führt: Würde eine ­Zusammenarbeit zwischen Rötheli, dem Coach, und Rötheli, dem Spieler, überhaupt funktionieren? Es würde ab und zu «bolle», sagt Rötheli. Er denkt, dass er zuerst hätte fünf Jahre als Coach arbeiten und erst dann seine Spielerkarriere hätte beginnen sollen. «Mein ­damaliger Fitnesszustand würde heute nicht genügen.» Seine Fähigkeiten als Playmaker dagegen, «die nicht wie Sand am Meer gestreut sind», könnte man jetzt noch gebrauchen.

Seinen Platz gefunden

Gut gebrauchen hätten die Zuger André Rötheli auch nach 2001 können. Damals stellte der Club eine Taskforce zusammen, um die Schuldigen für eine misslungene Saison zu finden. «Es war eine Angelegenheit von Leuten mit einer Profilierungsneurose.» Die Spieler Rötheli, André Künzi, Patrick Sutter und Dino Kessler wurden an den Pranger gestellt. Rötheli reichte seine Kündigung ein, wechselte nach Lugano. Und in Zug lief es nicht mehr gut.

Die zweite Kündigung in seiner Karriere ging leiser vonstatten. Als Kloten 2012 den Mann mit 910 NLA-Spielen als Sportchef aus Olten holte, gab es keine Ungereimtheiten. Der neue Job sei zwar durchaus interessant gewesen, blickt Rötheli zurück. Doch die Situation in Kloten war schon damals hektisch, seine Scheidung belastete ihn – Rötheli lebte fast nur im Auto.

Heute wohnt er mit seiner Partnerin in Winterthur. Der Job als Trainer der Elite-Junioren befriedige ihn enorm. Er hat seinen Platz gefunden, im Privatleben wie im Sport. «So, wie es ist, ist es gut», sagt er. Er tritt in der Serie gegen Rapperswil-Jona nicht an, um sich als Headcoach für die nächste Saison zu empfehlen. Er will sich weiterentwickeln. «Ich hatte so viele Trainer in meiner Karriere, ich wäre gescheiter ab und zu früher nach Hause gegangen und hätte mir ­einige Übungen notiert.»

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