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Das Problem lässt sich nicht von heute auf morgen lösen

Der SC Bern wird wohl auch in der Meisterschaft 2014/2015 kein Spitzenteam stellen. Das Problem: Bis zur nächsten Saison ist keine umfassende Operation mehr möglich, höchstens noch ein kleines Facelifting.

Die schlechte Nachricht für die SCB-Sympathisanten gleich vorneweg: Der SC Bern wird nach menschlichem Ermessen auch in der Meisterschaft 2014/2015 kein Spitzenteam stellen. Die jetzige Mannschaft ist zwar qualitativ nicht so schlecht, wie es der 9.Platz suggeriert, doch sie hat den Zenit überschritten. Der Titelverteidiger litt unter argem Verletzungspech, es gab aber noch diverse andere Gründe, die zur negativen Entwicklung und letztlich gar in die Platzierungsrunde führten: Etliche jüngere Spieler haben keine Fortschritte, zum Teil sogar Rückschritte gemacht, die meisten Routiniers seit dem Titelgewinn im April 2013 stärker abgebaut als erwartet und die Neuzugänge weniger Schwung gebracht als erhofft.

Der jetzigen Equipe fehlt die Identität.Das ist auch die Folge der fehlenden Kontinuität. In den vergangenen zweieinhalb Jahren waren in Bern vier Trainer mit vier unterschiedlichen Philosophien am Werk. Die Mannschaft hat anders als im Frühling 2013 nicht mehr die physische und psychische Präsenz, Siege zu erzwingen. Sie ist körperlich nicht stark genug, den Gegner wegzuarbeiten, sie ist nicht schnell genug, den Widersacher zu überrollen, und spielerisch zu wenig stark, den Opponenten auseinanderzunehmen. Das ist auch Sven Leuenberger klar. Der Sportchef sagt, «wir müssen uns überlegen: Was wollen wir darstellen? Was ist das Gesicht des Teams?» Sein Problem ist: Bis zur nächsten Saison ist keine umfassende Operation mehr möglich, höchstens noch ein kleines Facelifting. Der SCB ist flügellahm; bei den Aussenstürmern fehlt es ihm am meisten an Qualität. Auf dem Schweizer Markt sind keine Offensivspieler mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten verfügbar.

Leuenberger hat also einzig die Möglichkeit, das Team durch neue Ausländer zu verstärken. Im Hinblick auf die übernächste Meisterschaft ist der Spielraum, aber auch die Herausforderung deutlich grösser, laufen doch gleich vierzehn Verträge aus. Die Situation ist auch deshalb unangenehm, weil Leuenberger in den letzten Jahren auf dem Transfermarkt einige teure Fehlgriffe unterlaufen sind (z.B. Thomas Déruns, Daniel Rubin, Nicklas Danielsson, Mikko Lehtonen). Auf der anderen Seite hatte er auch Pech. Die These sei gewagt: Mit Kevin Lötscher und Simon Moser in der Aufstellung hätte der SCB kein Mangel an gefährlichen Flügeln und würde sich derzeit auf die Playoffs vorbereiten.

Das kommerzielle Modell ist Stärke und Schwäche zugleich. Weil CEO Marc Lüthi kein Defizit zulässt, steht der Verein wirtschaftlich auf stabilen Füssen. Die Eishockeyprofis wissen, dass ihr Arbeitgeber nicht von einem privaten Geldgeber abhängig ist und sie deshalb stets pünktlich ihren Lohn erhalten. Anderseits sitzt der Sportchef, wenn diverse Klubs um einen Ausnahmekönner buhlen, am kürzeren Hebel, weil er keinen Mäzen im Hintergrund hat, der bereit ist, das Angebot um 100'000 Franken oder auch etwas mehr zu erhöhen. Der SCB ist zudem das Opfer seines eigenen Erfolgs. Spieler, die bei einem Spitzenteam Akzente setzen, sind begehrt. Sie können, wenn der Vertrag ausläuft, nur durch ein erheblich aufgebessertes Salär gehalten werden. Die Konsequenz ist logisch: Es steht weniger Geld für neue Spieler zur Verfügung. Obwohl sie auch Nachteile hat, ist Lüthis klare Linie sinnvoll. Wer sich in der weiten Welt des professionellen Teamsports umsieht, stellt fest, welche Folgen es haben kann, wenn Klubchefs Emotionen höher gewichten als finanzielle Vernunft.

Mit Guy Boucher scheint der SCB einen guten Mann verpflichtet zu haben. Dass der Noch-Meister die Playoffs verpasst hat, ist nicht der Fehler des Kanadiers. Der Equipe ist es mit drei verschiedenen Cheftrainern an der Bande nicht gelungen, ihrem Potenzial entsprechende Leistungen zu erbringen. Gerade mit Blick auf die Unruhe in den letzten Monaten und die schwierige Ausgangslage ist es angezeigt, Boucher genügend Zeit zu geben. Der 42-Jährige ist kompetent und im positiven Sinn eishockeyverrückt. Vom Habitus her passt er zum grossen, stolzen SC Bern, der momentan so klein erscheint. Boucher, mit typisch nordamerikanischem Selbstvertrauen ausgestattet, ist ein guter Rhetoriker. Tritt er gegen innen ähnlich überzeugend und souverän auf wie gegen aussen, wird er den SCB mittelfristig wieder auf Erfolgskurs führen.

Mail: adrian.ruch@bernerzeitung.ch

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