Das Dilemma des Coachs

Lars Leuenberger, der letztjährige Meistertrainer des SC Bern, äussert sich einmal wöchentlich zu den Playoffs.

Die Playoffs sind die schönste Eishockeyzeit, daher kommt bei mir schon etwas Wehmut auf, war ich doch in den letzten 22 Jahren immer involviert, entweder auf dem Eis oder an der Bande. Daher tat es mir gut, konnte ich zuletzt eine Woche lang bei Guy Boucher und den Ottawa Senators in der NHL hospitieren.

Es war sehr eindrücklich: Ich war in der Garderobe und bei allen Meetings dabei. Spannend war für mich auch, einmal Teil der «ganz grossen Show» zu sein. Guy selbst erlebte ich viel lockerer als in Bern; man merkt, dass er sich im gewohnten Umfeld bewegt, dass er einen grossen Staff zur Verfügung hat und dass es seinem Team gut läuft.

Trotz meiner Wehmut verfolge ich die NLA-Playoffs auch heuer mit Herzblut. Es ist erstaunlich, wie gut der SCB die Bieler am Dienstag auswärts kontrollierte. Klar, muss man taktisch clever spielen, aber in den Playoffs soll es auch mal knallen. Letztlich geht es auch darum, Emotionen aufkommen zu lassen und den Gegner zu Fehlern zu zwingen. Das bedeutet freilich nicht, dass ich Aktionen wie den Tomahawk-Stockschlag von Servette-Verteidiger Daniel Vukovic gutheisse.

Die Playoffs haben eine härtere Gangart als die Regular Season, das unterstreichen auch die Ausfälle zweier Topspieler schon am ersten Spieltag:Robert Nilsson von den ZSC Lions und Damien Brunner von Lugano. Wenn jemand den Verlust des Topskorers verkraften kann, dann die Zürcher; sie verfügen über ein sehr breites Kader.

Ich denke, im Zusammenhang mit dem ZSC ist der Begriff «Traumsturm» nicht übertrieben. Während eines Matchs ist der Ausfall eines Spielers meistens nicht so tragisch, wenn es nicht gerade den Torhüter betrifft. Langfristig am zweitschlimmsten ist für eine Mannschaft der Ausfall eines Centers, am wenigsten problematisch ist es, einen Flügel zu ersetzen. Diese Rolle kann unter Umständen sogar ein Verteidiger übernehmen.

Fehlt ein Schlüsselspieler, ist der Coach gefordert.Wenn er den Leistungsträger durch einen zuvor Überzähligen ersetzt, wird eine Toplinie massiv geschwächt. Rückt der nächstbeste Akteur auf dieser Position nach, kommt es zum Dominoeffekt. Unter Umständen sind dann alle Linien betroffen. Ich habe immer versucht, möglichst viele Formationen unverändert zu lassen, denn Automatismen sind sehr wichtig. Es erstaunte mich daher nicht, fand sich Simon Bodenmann beim SCB nach seiner Hirnerschütterung sofort gut zurecht: Er und Andrew Ebbett harmonieren aus­gezeichnet.

Es stellt sich für den Trainer auch die Frage, wie er die Ausfälle thematisiert.Da braucht es viel Fingerspitzengefühl. Als vor einem Jahr im Viertelfinal gegen die ZSC Lions Martin Plüss krankheitshalber fehlte und dann mit Derek Roy ein weiterer Center erkrankte, musste ich schon leer schlucken.

Trotzdem beschloss ich, kein grosses Aufsehen zu machen. So gab ich den anderen Spielern indirekt Vertrauen und Sicherheit. Alternativ kann man auch einen Schock und dadurch ein Aufbäumen provozieren. Die Spieler reagieren auf Ausfälle von Kollegen individuell. Die einen denken zuerst ans Kollektiv, andere sehen gleich eine persönliche Chance.

Der Umgang mit Überzähligen, Ver­letzten, Gesperrten muss bedacht werden.Kranke müssen sich wegen der Ansteckungsgefahr vom Team fernhalten, doch ich habe stets versucht, die anderen zu integrieren – vor allem jene, die vielleicht noch einmal zum Einsatz kommen, sollen den Puls der Mannschaft spüren und auch über taktische Änderungen im Bild sein.

Simon ­Bodenmann war am Schluss des Finals gegen Lugano gesperrt. Trotzdem sagte ich ihm, er solle seine Ausrüstung mit ins Tessin nehmen. Er machte dann auch das Aufwärmen mit und beteiligte sich am Kick neben der Halle. Solche vermeintliche Kleinigkeiten können im Eishockey manchmal etwas ausmachen.

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