«... dann ist das für mich ein totales No-Go»

Nach einer emotionalen Titelfeier und dreieinhalb Stunden Schlaf lobt der 41 Jahre alte SCB-Meistertrainer Lars Leuenberger im Interview den Geist der Mannschaft und kritisiert die fehlende Wertschätzung innerhalb des Klubs.

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Reto Kirchhofer@rek_81

Hat Ihnen Guy Boucher zum Meistertitel gratuliert?Lars Leuenberger: Nein.

Haben sich andere Trainer gemeldet?
Ja, unter anderem Antti Törmänen. Das hat mich gefreut. Enttäuschend war hingegen, dass sich gewisse Personen nicht gemeldet haben.

Wen meinen Sie?
Von Leuten im Klub, die tagtäglich mit mir gearbeitet haben, darf ich wohl erwarten, dass sie nach einem Meistertitel zumindest eine Nachricht schicken.

Hat Ihnen Marc Lüthi gratuliert?
Er hat dann irgendwann versucht, mich anzurufen. Aber lassen wir das Thema.

Zurück zu Boucher: Ihm wurde Mitte November eine Niederlage in Lugano zum Verhängnis. Fünf Monate später feiert Bern an selber Stätte den Titel. Können Sie Revue passieren lassen, was dazwischen passiert ist?Wir verloren wegen Verletzungen mit Marco Bührer den Goalie, mit Eric Blum den Libero, mit Andrew Ebbett den Spielmacher. Das war brutal. Trotzdem hätten wir gut genug sein müssen, um uns irgendwo um Rang 5 oder 6 zu klassieren. Das gelang nicht. Die Resultate waren schlecht, die Spielweise war zeitweise okay. Es gab Spannungen. Aber: Das Team fiel nie auseinander. Dieser Faktor war entscheidend. Und natürlich hatten wir das Glück, dass zum richtigen Zeitpunkt alle Leistungsträger fit waren.

Sie wirkten in der Krise extrem ruhig. Wie sah es innerlich aus?Ich bin generell ruhiger geworden, die Familie hat mich zu einem ausgeglichenen Menschen gemacht. Natürlich hat es ab und an «gchlepft» – aber ich merkte, dass es nichts bringt, Spieler öffentlich zu kritisieren. Wir führten viele Gespräche, der Inhalt blieb intern. Im Final hat Doug Shedden seine Topstürmer öffentlich kritisiert. Gehst du so vor, geben dir die Spieler selten etwas zurück. Ich habe meine Mannschaft immer geschützt, das haben die Spieler geschätzt.

Sie sind Meister, dürfen aber nicht in Bern bleiben. Welches Gefühl überwiegt am Tag nach dem Titel: Euphorie oder Frust?Die Euphorie ist grösser. Meine Hoffnungen auf eine weitere Zusammenarbeit waren von Beginn weg nicht sehr gross gewesen.

Weshalb nicht?Ich spürte früh totale Unruhe und Unzufriedenheit überall im Klub. Zudem kam nie jemand von oben, sprich von der Klubführung oder der Geschäftsstelle, zur Trainercrew. Niemand sagte: «Diesen Weg gehen wir gemeinsam.» Da fühlst du dich unten auf dem Eis im Stich gelassen. Das hat mich enttäuscht. Und ich spreche dabei nicht nur vom Verwaltungsratspräsidenten oder vom CEO. Es gibt auch andere Leute beim SCB, denen ich im Alltag begegnet bin. Sportchef Alex Chatelain nehme ich explizit aus, er war immer für mich da. Es geht mir nicht darum, an dieser Stelle abzurechnen, dafür habe ich beim SCB eine zu schöne Zeit erlebt. Aber es geht mir um Respekt.

Im Februar standen Sie kurz vor der Entlassung.Eine Stunde nach der Niederlage gegen Gottéron kam Alex zu mir und sagte: «Jetzt muss etwas gehen. Sie wollten dich entlassen.» Alex war sehr offen, das habe ich geschätzt. Die Niederlage schmerzte auch mich extrem. Ich verreiste mit der Familie für zwei Tage, brauchte Ruhe. Mir war zu diesem Zeitpunkt klar, dass meine Zukunft sicher nicht beim SCB liegen würde.

Der definitive Entscheid wurde Ihnen kurz vor den Playoffs mitgeteilt. Weshalb wollten Sie den Sachverhalt nach dem Viertel­final öffentlich machen?Weil ich von allen Seiten darauf angesprochen worden war. Ich wollte reinen Tisch machen.

Und Sie wollten sich natürlich ins Gespräch bringen.Absolut: Ende April läuft mein Vertrag aus. Also war es wichtig, dass mögliche Interessenten früh wussten, was Sache ist.

Langnau ist keine Option mehr.Während der Playoffs wollte ich nicht direkt verhandeln. Ich dachte, nächste Woche würde sich vielleicht ein Gespräch ergeben. Das ist nun nicht der Fall.

Sind Sie unter Druck, möglichst bald einen Job zu finden, oder geben Sie sich genügend Zeit?Diese Frage kann ich noch nicht beantworten. Ich muss in den nächsten Tagen überlegen, was ich will und was nicht. Klar ist: Meine Familie und ich, wir fühlen uns wohl in der Region. Und von der Familie getrennt zu sein, das ist keine Option – sie ist das Wichtigste in meinem Leben.

Zur Familie gehört Ihr Bruder Sven. Ist der Titelgewinn auch sein Verdienst?Er muss auch sein Verdienst sein! Was Sven im November gemacht hat, war wahnsinnig: Er verzichtete auf sein Amt als Sportchef, um mir den Job als Headcoach zu ermöglichen. Obwohl er nicht wusste, wohin das führen würde. Nun konnten wir ihm beweisen, dass er richtig entschieden hatte. Zudem hat Sven die Meistermannschaft zusammengestellt. Er wäre auch schuld gewesen, hätte es nicht geklappt.

Sie verlassen den SC Bern. Bei Ihrem Bruder ist der Abschied ­zumindest ein Thema.Gewisse Leute sollten sich gut überlegen, ob sie auf so viel Know-how verzichten wollen. Das wäre ein Fehler. Sven war im Sportbereich während 10 Jahren die Nummer 1. Es gibt nicht viele im Klub, die das 24/7-Prinzip ähnlich gelebt haben wie er. Wenn ich dann vom CEO die Aussage lesen muss, man habe für Sven keine passende Funktion und er solle sich auf dem Markt umsehen, dann ist das für mich ein totales No-Go. Aber eben: Lassen wir das.

Zurück zum Sportlichen: Der Spruch vom guten Teamgeist war mehr als eine Floskel.Definitiv. Ich erwähne Trevor Smith als Beispiel. Er hat seine Rolle als Überzähliger jeden Tag akzeptiert. In den Playoffs kam er zu mir und fragte: «Hey, was kann ich beisteuern? Ist es okay, wenn ich beim Aufwärmen an die rote Linie stehe und jeden Gegenspieler wütend mache?» Smith hat sich mit Herzblut eingesetzt, obwohl es ihn schmerzte, konnte er nie spielen. Ich habe oft Überzählige erlebt, die im Team negative Stimmung verbreiteten. Dieses Mal zog jeder mit.

Trotz Meistertitel müssen wir über die Qualifikation sprechen.Auf jeden Fall. Da lief bei uns einiges schief.

In der Krise mangelte es an ­Führungsspielern.Das ist richtig. Nach den verpassten Playoffs vor 2 Jahren wurde bilanziert, dass es im Team an ­Typen mangelt, die den Laden schmeissen, wenn der Trainer nicht da ist. Schweizer Spieler von solchem Format findest du nicht von heute auf morgen. Also wurde bei den Ausländern der Fokus darauf gerichtet: Zuerst kam Kobasew, Ebbett und Smith folgten. Leider fielen gleich alle drei über längere Zeit aus.

Es gäbe doch genügend erfahrene Schweizer Spieler im Team.Es gibt Spieler, die seit Jahren da sind, aber keine Führungsspieler sein können. Wenn es läuft, ist es einfach, vorne hinzustehen. Aber als es blitzte und donnerte, standen im Klub die wenigsten mit dem Trainerstab an Deck und versuchten, das Boot auf Kurs zu halten. Das darf trotz des Titels nicht vergessen werden.

Mit den Abgängen Marco Bührers, Pascal Bergers und Timo Helblings geht viel Erfahrung verloren. Kann das zum Problem werden?(überlegt) Vielleicht interessiert mich das nicht mehr so sehr.

Sie haben die Beziehung zwischen Ihnen und dem SCB einst als Hassliebe bezeichnet. Zu diesem Begriff passt Ihr Abgang.Absolut. Ich habe die Hälfte meines Lebens in diesem Klub verbracht, bin dankbar, durfte ich vor 10 Jahren im Nachwuchsbereich anfangen und Schritt für Schritt nach oben klettern. Es ist ein schönes Gefühl, kann ich zum Abschied sagen: «Jungs, ich habe es geschafft. Ich habe euch den Titel nach Hause gebracht.»

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