«Da drehten wir alle durch»

Es war ein Team ohne Stars – und doch holte Finnland an der WM den Titel. Harri Pesonen, Stürmer der SCL Tigers, war mittendrin statt nur dabei.

Finnischer Goldjunge: Harri Pesonen posiert mit der WM-Medaille – aus dem Notnagel ist ein Volksheld geworden.

Finnischer Goldjunge: Harri Pesonen posiert mit der WM-Medaille – aus dem Notnagel ist ein Volksheld geworden. Bild: Anton Nowodereschkin/Keystone

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Harri Pesonen, sahen Sie am Morgen nach dem WM-Final zwei Goldmedaillen auf Ihrem Nachttisch liegen?
Nein, aber die eine bewegte sich (lacht). Es war eine rauschende Nacht, wir feierten eine tolle, intensive Party, typisch finnisch eben. Uns wurde relativ schnell klar, was wir geleistet hatten, was das für Finnlands Sport bedeutet, es ist erst der dritte Titel überhaupt. Die Leute daheim halten uns nun für Stars, entsprechend wurden wir auch behandelt.

Das heisst?
Während dem Heimflug wurden wir von Militärflugzeugen eskortiert, leider realisierten das einige gar nicht, weil sie nach der durchzechten Nacht im Tiefschlaf lagen. In Helsinki warteten etwa 6000 Fans auf uns, Artisten und Musiker traten auf – wir wurden wie Superhelden gefeiert, da drehten wir alle durch.

Dabei hatte die Mannschaft vorab in der Heimat kaum Kredit erhalten. Vor dem Turnier hiess es, nie sei eine schwächer besetzte finnische Auswahl an eine WM gereist.
Es war extrem, wie viele Spieler abgesagt hatten. Wir mussten ohne NHL-Stars auskommen, sogar das Schweizer Team war prominenter besetzt. Keiner glaubte an uns, mal abgesehen von den Trainern. Das stachelte alle an, wir wollten nicht die Loser sein, für die uns alle hielten. Mittlerweile haben sich viele entschuldigt, wahrscheinlich fühlen sie sich schlecht, und den Experten ist es peinlich (lacht).

Immer wieder war vom ausgezeichneten Teamgeist zu hören. Was hatte es damit auf sich?
Einige von uns schafften es nur in die Mannschaft, weil dieser und jener abgesagt hatte. Auch ich profitierte davon und wollte die Chance packen – es fühlte sich so an, als wäre ich ein Auto mit einem 7. Gang. Wir waren ein Team ohne Stars, ein Team ohne ausgeprägte Egos. Jeder hatte eine wichtige Rolle, es gab niemanden, der nur sechs oder sieben Minuten pro Spiel eingesetzt wurde. In der Garderobe und beim Essen wechselten wir immer wieder die Sitzordnung, so gab es nie Grüppchen. Eigentlich war es ähnlich wie in Langnau.

Inwiefern?
Jedem war klar, dass wir nur als Einheit funktionieren können, dass es harte Arbeit braucht. Der Trainer sagte uns: Ihr seid keine Stars, aber ihr habt nun zwei Wochen Zeit, um Stars zu werden. Nehmen wir Captain Marko Antilla: Ihn kannte doch kaum jemand, nun werden sicher zehn Biografien über ihn geschrieben. (Überlegt) Wie in Langnau nahmen wir beim Blocken der Schüsse extreme Schmerzen in Kauf. Und vor allem waren wir demütig, auf und neben dem Eis.

Ganz anders das hoch gehandelte russische Star-Ensemble, welches für viel Geld eine luxuriöse, zweistöckige Garderobe mietete …
… darüber haben sich einige amüsiert. Die Russen haben sogar alles aufwendig dekorieren lassen, offenbar war nur das Allerbeste gut genug. Wir hatten in Bratislava dafür die genau gleiche Garderobe wie 2011, als Finnland letztmals Weltmeister geworden war. Daraus schöpften wir Kraft. Es war fast ein wenig so, als wären wir acht Jahre zurück in die Vergangenheit gereist.

Sie erzielten vier Tore, eines davon im Gruppenspiel gegen die von Tigers-Coach Heinz Ehlers betreuten Dänen. Wie reagierte er?
Die beiden Garderoben lagen nahe beisammen, wir liefen uns oft über den Weg. Es war sehr komisch, gegen Heinz zu spielen. Er meinte, ich hätte den Deal nicht eingehalten, hätte gegen Dänemark kein Tor schiessen dürfen (lacht). Im Ernst: Heinz war stolz auf mich, und auch sonst erhielt ich viele Reaktionen aus dem Emmental. Ich hoffe, dass ich den Pokal irgendwann in die Ilfishalle bringen kann.

Ihren Vertrag bei den SCL Tigers haben Sie Anfang Jahr bis 2021 verlängert – ein paar Monate zu früh?
Sie sind nicht der Erste, der mich darauf anspricht. Solch ein Turnier hatte niemand erwartet können, nie im Leben, und es bedeutet auch nicht, dass nun alles anders wird. Mir gefällt es in Langnau ausgezeichnet, das Team kann den Anschluss ans Mittelfeld schaffen. Und es ist ja auch nicht so, dass ich einen Hungerlohn erhalte. Ich will und muss nicht weg. Dafür bräuchte es schon einen One-Way-Vertrag aus der NHL. Einfach nochmals nach Nordamerika fliegen, ohne Garantie auf Beständigkeit, das würde ich nie mehr machen.

Was ändert sich für Sie durch diesen Titel?
Er hat einen grossen Einfluss aufs Selbstvertrauen. Ich bin zwar nie einer gewesen, der an sich zweifelte oder sich zu wenig zutraute. Aber dieser Erfolg, diese Emotionen, das ist eine ganz andere Dimension. Keine Sorge, mir steigt das alles nicht in den Kopf, aber ich werde mich nun sicher auch nicht kleiner machen, als ich es tatsächlich bin. Für den Rest meiner Karriere könnte der WM-Titel einen grossen Schub geben.

Ferien hatte er noch nicht gebucht. Aber er überlegte bereits, wo es hingehen könnte. Die Reise führte nach Bratislava, Eisstadion statt Palmen, wobei es sich nicht um Urlaub handelte, sondern um harte Arbeit. Etwas überraschend wurde Harri Pesonen fürs finnische WM-Team aufgeboten – und der Stürmer in Diensten der SCL Tigers erlebte ein Traumdebüt. Vier Tore und drei Assists steuerte er zum Weltmeistertitel bei, im Final vor neun Tagen gegen Kanada (3:1) spielte der 30-Jährige in der ersten Linie und erzielte den letzten Treffer. Wie 2011 triumphierten die Finnen in der Slowakei, auch damals stand Coach Jukka Jalonen an der Bande. Pesonen, der Ende Juli nach Langnau zurückkehren wird, meint, nach dem Gewinn der Goldmedaille sei in seiner Heimat der Ausnahmezustand ausgebrochen.

Erstellt: 04.06.2019, 12:06 Uhr

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