Blaue Flecken als Gütesiegel

Die Fortschritte der SCL Tigers sind fast in allen Bereichen frappant. Prunkstück ist die Defensive: Kein anderes Team lässt weniger Schüsse zu.

Mit letztem Einsatz: Topskorer Harri Pesonen wirft sich in einen Schuss.

Mit letztem Einsatz: Topskorer Harri Pesonen wirft sich in einen Schuss.

(Bild: Estelle Vagne (freshfocus))

Er hatte private Probleme und musste fliehen. Nach Weihnachten verliess Ville Koistinen die SCL Tigers Knall auf Fall, der Club akzeptierte den Vertragsbruch, verlor damit seinen besten Verteidiger. Koistinen war Schwerarbeiter, Abwehrchef, Stratege im Powerplay. Ersatz für ihn gab es nicht, und noch vor kurzem wurde Langnaus Sportchef Marco Bayer belächelt, wenn er über seine No-Name-Defensive sprach. «Unsere Verteidigung erhielt vor der Saison kaum Kredit», meint Bayer.

Nur Langnau kommt ohne ausländischen Abwehrspieler aus, von den Schweizern hat keiner über längere Zeit eine dominante Rolle in der National League eingenommen. «Die Verantwortung ist auf viele Schultern verteilt, keiner kann sich verstecken – das ist unser Erfolgsrezept», sagt Bayer. Prächtig haben sich die Zuzüge entwickelt, Andrea Glauser etwa, der unlängst im Nationalteam debütierte, oder Claudio Cadonau, der aus der NLB kam. Nur der SCB (28) hat nach 17 Runden weniger Gegentore zugelassen als die Tigers (36). Vor Jahresfrist waren es nach selbem Pensum deren 53 gewesen.

Der SCB als Vorbild

Der Blick zurück ist erhellend (siehe Tabelle), und hätte Langnau die letzten zwei Spiele nicht verloren, wäre der Fortschritt noch deutlicher ersichtlich. Seit Einführung der Dreipunkteregel 2006 sind die Emmentaler nie besser gestartet, mal abgesehen von den gestiegenen Strafminuten haben sie sich in sämtlichen relevanten Bereichen gesteigert. Was die Statistik nicht auszudrücken vermag, ist die Solidarität, mit der die Equipe von Heinz Ehlers ans Werk geht. Langnau lässt am wenigsten Schüsse aufs Tor zu (durchschnittlich 26 pro Partie), vor allem am wenigsten Abschlüsse aus dem Slot.

Von «erhöhter Opferbereitschaft» spricht Trainer Heinz Ehlers, derweil Marco Bayer einen Wandel bezüglich der Einstellung festgestellt hat. «Die Detailanalyse der vergangenen Saison ergab, dass wir viel zu wenig Schüsse blockten, uns zu wenig in die Pucks warfen. Wir orientierten uns dann am SC Bern, der in dieser Hinsicht vorbildlich agierte.» Es habe im Team keinen Platz mehr für Egoismus, sagt Bayer, in der Garderobe sehe er nun lauter Spieler mit blauen Flecken. Als Musterbeispiel gilt Yannick Blaser: 56 Schüsse hat der robuste Verteidiger geblockt, es handelt sich mit grossem Abstand um den Ligabestwert.

Ein wenig vereinfacht hat sich dadurch gewiss die Aufgabe der Torhüter. Ivars Punnenovs und Damiano Ciaccio sind in glänzender Verfassung; Letzterer, als klare Nummer 2 gestartet, ist einer der Aufsteiger dieser Qualifikation. Ehlers weist derweil auf die Bedeutung des funktionierenden Boxplays hin (zweitbeste Quote in der National League). «Bei uns ist alles auf harte Arbeit ausgerichtet. Von diesem Weg dürfen wir nicht abkommen.» Apropos: Für den Dänen dürfte die Reise in Langnau weitergehen, so jedenfalls sind die jüngsten Signale zu deuten. Vertragsgespräche folgen bald.

Ein Quartett auf dem Radar

Als clever hat sich der Schachzug erwiesen, mit fünf ausländischen Stürmern in die Saison zu steigen. Ein wenig unberechenbarer sind die Tigers geworden im Angriff, dem es im Quervergleich nach wie vor an Talent mangelt. Rückkehrer Chris DiDomenico hat nach Anlaufschwierigkeiten in die Spur gefunden, Topskorer Harri Pesonen gehört zu den besten Spielern der Liga, Mikael Johansson bereichert als Organisator das Powerplay.

War das miserable Überzahlspiel der Hauptgrund fürs Verpassen der Playoffs gewesen im letzten Winter, funktioniert es nun überdurchschnittlich gut. Und doch gilt es die zuweilen mangelhafte Effizienz im Angriff als Tolggen im Reinheft zu erwähnen. Ehlers wünscht sich Alternativen im knapp besetzten Sturm, der Markt aber gibt kaum etwas her. Hinsichtlich der nächsten Spielzeit gelten Sven Senteler (Zug), Alain Berger (Bern), aber auch Julian Schmutz und Fabian Lüthi (Biel) als Transferkandidaten.

Auf acht Punkte beläuft sich Langnaus Reserve auf den Strich, am Freitag (19.45 Uhr) gastiert Lugano in der Ilfishalle, am Samstag spielen die Tigers in Freiburg. Er habe zuletzt viele verschlüsselte Komplimente erhalten, sagt Bayer. «Wir sind offenbar ein ziemlich mühsamer Gegner geworden.» Das Lachen ist der Konkurrenz längst vergangen.

Berner Zeitung

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