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«Berner sind nicht langsam, sie sind gemütlich»

Simon Bodenmann tritt im Playoff-Halbfinal mit dem SC Bern gegen seinen künftigen Club, den ZSC, an. Merkwürdiges findet er das nicht.

«Kari Jalonen gelingt es, das Optimum aus jedem Einzelnen herauszuholen»: Simon Bodenmann.
«Kari Jalonen gelingt es, das Optimum aus jedem Einzelnen herauszuholen»: Simon Bodenmann.
Raphael Moser

Sie sagen von sich selber, Sie seien ein sehr schlechter Verlierer. Wie zeigt sich das?

Simon Bodenmann: In der Laune; Niederlagen schlagen mir aufs Gemüt.

Wie gehen Sie mit einer verlorenen Playoff-Partie wie zuletzt mit jener in Genf um?

Im Playoff gilt die Devise «short memory»; du musst das Negative sofort vergessen.

Gerade während des Playoffs gilt es allzu starke Stimmungsschwankungen zu vermeiden. Gönnen Sie sich nach einem Sieg trotzdem etwas?

Es ist allgemein mein Credo, die emotionalen Extreme zu vermeiden. Aber gegen Servette zeigten wir gute Leistungen, beendeten die Serie in fünf Spielen und hatten danach zwei Tage frei. Da gönnten wir uns nach dem Match schon ein, zwei Bierchen.

Sie werden noch maximal einen Monat für den SCB spielen. Verspüren Sie Wehmut?

Nein, eigentlich nicht. Jetzt, wo Sie das sagen, wird mir erstmals bewusst, wie bald meine Zeit hier ablaufen wird. Ich versuche derzeit, ganz im Moment zu leben. Aber als klar gewesen war, dass ich den Club verlassen würde, nahm ich mir vor, die Zeit hier noch richtig zu geniessen.

Was kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie an den SCB denken?

Beim SCB ist alles gross. Der Club ist ein riesiges Unternehmen, und doch ist die Atmosphäre sehr familiär. Du hörst immer wieder von Leuten, die sich SCB-Spiele anschauen, seit sie gehen können. Du fühlst dich als Teil einer grossen Familie.

Und was zeichnet die Mannschaft aus?

Der Erfolgshunger; jeder Einzelne macht wirklich alles für den Erfolg. In unserer Garderobe hat es so viele unterschiedliche Typen, verschiedene Charaktere, und doch haben wir auf dem Eis alle das gleiche Ziel vor Augen.

Was werden Sie nach Ihrem Abgang am meisten vermissen?

Oft merkst du erst im Nachhinein, was du nicht mehr hast. Aber vermissen werde ich sicher das Zwischenmenschliche in diesem Team. Zu Beginn meiner Zeit in Bern mussten wir viel einstecken, und in den letzten zwei Jahren erreichten wir sehr viel – das schweisst schon zusammen.

In Bern Fort­schritte erzielt: «Ich habe an Erfahrung und mentaler Stärke zugelegt», sagt Simon Bodenmann.
In Bern Fort­schritte erzielt: «Ich habe an Erfahrung und mentaler Stärke zugelegt», sagt Simon Bodenmann.

Welche Vorurteile über Bern haben sich in ihren drei Jahren hier bestätigt, welche mussten Sie als Zürcher revidieren?

Es gibt das Vorurteil der Langsamkeit. Doch Berner sind nicht langsam, sie sind gemütlich – das trifft es eher. Ich habe mittlerweile einige Berner kennen gelernt, die noch mehr reden als wir Zürcher. Der Groove in der Stadt wird von der Gemütlichkeit geprägt; man geniesst das Leben. Und das finde ich megacool.

Haben Sie sich die Lebensweise der Berner etwas angeeignet?

(lacht) Ich weiss es nicht, ich hatte es schon vorher gern gemütlich. Ich mag es, wenn nicht immer Stress herrscht.

Was hat für den Wechsel zu den ZSC Lions den Ausschlag gegeben?

Für mich kamen nur diese beiden Clubs infrage; ich hatte mir sehr, sehr gut vorstellen können, nochmals beim SCB zu unterschreiben. Ich habe die Zeit hier genossen und finde die Stadt megaschön. Aber schlussendlich ist Eishockey ein Business. Sven Leuenberger hatte grossen Einfluss auf den Entscheid. Er hatte mich schon nach Bern geholt und mir das Vertrauen ausgesprochen. Umso mehr schätzte ich, dass er auch als ZSC-Sportchef noch von meinen Fähigkeiten überzeugt ist und mich als wichtigen Teil der Mannschaft sieht.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie der Halbfinalserie gegen den ZSC entgegen?

Es ist kaum anders als sonst. Ich will einfach unbedingt gewinnen.

Es ist Ihnen also nicht unangenehm, im Playoff gegen den künftigen Club zu spielen?

Nein, überhaupt nicht. Es ist im Hockeybusiness nun mal so, dass man früh weiss, wo man in der nächsten Saison spielen wird. Aber ich empfinde das Duell mit dem ZSC nicht als merkwürdig.

Sind Tore gegen Ihren Kumpel Lukas Flüeler, der bei den Lions zwischen Pfosten steht, etwas Besonderes?

(lacht laut) Zu Beginn unserer Karrieren hatte ich gegen ihn ziemlich viele Tore geschossen. Doch zuletzt traf ich nicht mehr. Ich bin nicht gut, wenn es um Statistiken geht, aber Lukas wird mir schon noch unter die Nase reiben, dass ich ihn in den letzten drei oder vier Saisons nicht mehr bezwungen habe. Daher ist es ein grosses Ziel, ihm einen reinzuhauen.

«Jalonen merkt und sieht alles. Dadurch hält er dich stets auf den Zehenspitzen.»

Simon Bodenmann über den SCB-Trainer

Der ZSC befindet sich in einer ähnlichen Lage wie der SCB 2016, als dieser vom achten Platz aus zum Titel stürmte. Wie kann es Bern gelingen, die beflügelten Zürcher zu stoppen?

Zürich hat ein sehr gutes Team, in der Qualifikation die Qualität aber nicht aufs Eis gebracht. Doch nun nach dem Sieg im Halbfinal gegen Zug werden die Zürcher voller Selbstvertrauen nach Bern kommen. Wir müssen den Höhenflug unbedingt gleich im ersten Spiel stoppen.

SCB-Coach Kari Jalonen hatte fast überall, wo er arbeitete, Erfolg. Was zeichnet ihn aus?

Er hat eine riesengrosse Erfahrung. Und all die Erfolge geben ihm eine grosse Ruhe; er weiss genau, was es braucht. Ich glaube, die drei Finnen im Trainerbüro denken jeden Tag 1000 Sachen durch, aber dem Team gibt Jalonen nur das Wichtigste mit. Er will nichts tun oder sagen, was die Spieler aus dem Konzept werfen könnte. Wenn es gut läuft, spricht er noch weniger, dann lässt er uns machen. Zudem gelingt es ihm, das Optimum aus jedem Einzelnen herauszuholen.

Wie schafft er das?

Jalonen merkt und sieht alles. Dadurch hält er dich stets auf den Zehenspitzen. Du weisst: Es liegt kein schlechter Pass drin. Macht einer etwas nicht, wie er sollte, wird es sofort angesprochen. Jalonen ist sehr unemotional, aber direkt und manchmal auch hart. Er sagt dir ganz sachlich: «Was ist los? Das ist zu wenig.»

Sie haben in der Qualifikation so viele Skorerpunkte gesammelt wie nie zuvor und im Playoff Ihre persönliche Bestmarke bereits egalisiert. Sind Sie so gut wie noch nie?

Das ist schwierig zu sagen, aber ich fühle mich derzeit sehr gut. Ich habe erstmals seit meinem Wechsel zum SCB alle 50 Matches der Qualifikation bestritten; das ist sicher hilfreich. In den vergangenen Jahren hatte ich immer wieder Spiele verpasst, und gerade Hirnerschütterungen werfen dich schon aus der Bahn.

Wenn Sie den Simon Bodenmann, der 2015 von Kloten nach Bern kam, mit jenem von heute vergleichen: In welchen Bereichen haben Sie sich am stärksten entwickelt?

Ich habe an Erfahrung und mentaler Stärke zugelegt. Ich kann Negativerlebnisse besser hinter mir lassen. Vor meinem Wechsel hatte ich gesagt, ich wolle mich sportlich und menschlich weiterentwickeln. Das ist mir gelungen.

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