Auswärts auffällig anfällig

In der Langnauer Ilfishalle haben die SCL Tigers 12 von 21 möglichen Punkten gewonnen, auswärts gerade mal 2 von 21. Die Ursachen­forschung für die Diskrepanz gestaltet sich vor dem heutigen Spiel in Zug schwierig.

In der Fremde jubeln gegen die Langnauer meistens die Gastgeber – hier der EHC Biel.

In der Fremde jubeln gegen die Langnauer meistens die Gastgeber – hier der EHC Biel.

(Bild: EQ Images)

Dass ausgerechnet der als Motivationskünstler bekannte Ralph Krueger verbal komplett danebengriff und das Unwort des Jahres kreierte, erstaunte doch ziemlich. An der Weltmeisterschaft 2009 in Bern beschwor der Nationalcoach den Heimnachteil her­auf, begründete das unerwartete Schweizer Scheitern in der Zwischenrunde mit der zu grossen Erwartungshaltung, dem immensen Druck, der riesigen Last, vor den eigenen Fans zu spielen.

Für seine Erklärung erntete Krueger Häme und Kritik. Denn die These sei gewagt: Würde man sämtliche Profis im Land befragen, ob sie lieber zu Hause oder auswärts antreten, die Antwort wäre in 99,9 Prozent der Fälle die gleiche – zu Hause.

Bei den SCL Tigers ist die Heimstärke bekannt respektive die Auswärtsschwäche frappant. Lediglich 2 ihrer 14 Punkte hat die Equipe Heinz Ehlers’ in dieser Saison auf fremdem Eis gewonnen, in den letzten zehn Meisterschaften war die Ausbeute ausserhalb Langnaus immer geringer als in der Ilfishalle (siehe Kasten).

Die Heimatliebe mag eine Emmentaler Konstante sein, und von Ambri und Zug abgesehen, haben in der laufenden Qualifikation sämtliche Teams mehr Zähler vor eigenem Publikum geholt als auswärts. Das Verhältnis jedoch ist vorab in Langnau extrem. Weshalb sich die Frage aufdrängt: Gibt es den Heimvorteil wirklich?

Die Vorsicht

Die Wissenschaft hegt keinerlei Zweifel daran. In den meisten Teamsportarten beläuft sich der Anteil der Partien, welche zu Hause gewonnen werden, auf über 50 Prozent. Gemäss Studien von Sozialpsychologen haben Faktoren wie Reisestress, Vertrautheit mit der eigenen Arena und deren Tücken, Lärmpegel (der sich auf die Entscheidungen der Unparteiischen auswirken kann) sowie tatsächlich Testosteron Einfluss.

Umfangreiche Tests ergaben, dass Spieler vor Heimpublikum höhere Werte erreichten. Testosteron wird bei Aggressivität ausgeschüttet; bei manch einem Akteur ist das Gefühl, das eigene Territorium verteidigen zu müssen, besonders ausgeprägt.

Eine richtige Erklärung, weshalb es auswärts nicht läuft, kann allerdings kein Langnauer liefern. Die Stürmer Roland Gerber und Raphael Kuonen sprechen jedenfalls von Ratlosigkeit. Das Thema sei in der Garderobe präsent, meint derweil Verteidiger Miro Zryd, «es ist jedoch nicht so, dass wir ängstlich in die Auswärtsspiele steigen würden».

Zu Hause versuche die Mannschaft sogleich, den Tarif durchzugeben. «Aber das ist die Taktik von jedem Heimteam, deshalb warten wir als Gast jeweils eher ein wenig ab.» Sportchef Jörg Reber kritisiert ebendiese Vorsicht, «manchmal scheint sich die Equipe zu wenig zuzutrauen. Ich erwarte mehr Entschlossenheit.»

Der Wohlfühlfaktor

Reber, erst vor viereinhalb Jahren zurückgetreten, nennt den Wohlfühlfaktor als wesentliches Kriterium. «Daheim ist alles komfortabler, und viele Gegner kommen nicht sonderlich gern zu uns.» Gerber teilt die Sichtweise des Sportchefs, wobei er sich ein Kopfschütteln nicht verkneifen kann. «Eigentlich ist es Unsinn. Eis bleibt Eis, ob in Langnau, Lugano oder Davos. Aber irgendwie ist es halt doch nicht das Gleiche.»

Daheim fühle man sich sicherer, irgendwie stärker, sagt Gerber, «der Antrieb, den eigenen Fans etwas Besonderes zu bieten, ist grösser als anderswo». Angreifer Thomas Nüssli hält die Ambiance in der Halle durchaus für leistungsfördernd. «Zu Hause haben wir viel eher das Gefühl, gegen Topteams mithalten zu können. Das ist im Hinterkopf präsent.» Nicht entscheidend dagegen ist offenbar die Reiserei.

Für peripher gelegene Vereine wie Davos, Lugano und Genf sind die Busfahrten weitaus strapaziöser. Der Langnauer Teamcar ist komfortabel ausgestattet; die Spieler können Musik hören und fernsehen, einzig Telefonieren ist untersagt. «Wenn du am Samstagabend ein Spiel bestritten hast und tags darauf in Davos aus dem Bus steigst, spürst du die müden Beine natürlich», sagt Thomas Nüssli. «Aber spätestens nach dem Einlaufen auf dem Eis ist alles wieder gut.»

Heute (19.45 Uhr) bestreiten die Tigers in Zug ihr achtes Auswärtsspiel der Saison (1 Sieg). Der Blick auf die Statistik dürfte Mut machen, haben die Emmentaler doch zwei der drei letzten Partien beim Playoff-Finalisten für sich entschieden. Ein Erfolgserlebnis käme gelegen, meint doch Roland Gerber: «Nach einem Sieg kommt dir die Heimfahrt halb so lange vor wie nach einer Niederlage.»

Berner Zeitung

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