Am Anfang war ein Bluterguss

Derzeit erholt sich Beat Gerber von seiner «mit Abstand schlimmsten Verletzung». Der Rekordmeister des SC Bern ist hart im Nehmen, doch drei Operationen innert fünf Tagen haben auch ihn an die Grenzen gebracht.

Pedalen mit wenig Widerstand: Beat Gerber muss seinen Oberschenkel schonen.

Pedalen mit wenig Widerstand: Beat Gerber muss seinen Oberschenkel schonen.

(Bild: Christain Pfander)

Adrian Ruch

Als Beat Gerber am 2. Oktober noch in der Nacht aus der Narkose erwachte, erlebte er, was man im Volksmund einen Schock nennt: Sein rechter Oberschenkel war aufgeschlitzt worden – auf einer Länge von 35 Zentimetern! Und: Er war nicht zugenäht!

Dabei hatte sich Gerber nach dem Check eines Gegenspielers ein paar Stunden vorher «nichts Böses gedacht», wie er rückblickend erzählt. Das Knie eines Gottéron-Akteurs hatte einen grossen Bluterguss hinterlassen. Blaue Flecken habe er im Verlauf seiner Karriere «schon 10000-mal gehabt», sagt der Verteidiger des SC Bern. Das ist eine Übertreibung, aber wohl keine allzu massive.

Der 37-Jährige hat bisher 1084 NLA-Partien absolviert, und er ist einer, der sich und seinen Körper nicht schont. Der ehemalige Nationalspieler steigt resolut in die Zweikämpfe und stellt sich mutig in die Schusslinien. Blutergüsse gehören zum Eishockeyalltag des Routiniers, der beim SCB «der Krieger» genannt wird. Der Übername zeugt von Respekt und Ehrfurcht.

«Wettlauf gegen die Zeit»

Gerber spielte in Freiburg nach dem Check, den er als «etwas spät, aber nicht mit böser Absicht angesetzt» bezeichnet, vorerst weiter. Erst im letzten Drittel musste er klein beigeben. Der Bluterguss wurde wie üblich mit einem Gerät behandelt, das für eine Kompression sorgt und sie mit Kälte kombiniert. «Doch der Oberschenkel wurde immer grösser», berichtet Gerber.

Nach der Rückkehr begab sich der Eishockeyprofi ins Inselspital. «Und dann ging alles schnell; eine halbe Stunde nach meiner Ankunft wurde ich bereits operiert.» Die Ärzte hatten ein Logensyndrom festgestellt, das zu Schäden an Blutgefässen, Muskeln und Nerven führen kann. «Zum Glück wurde sofort reagiert; es war ein Wettlauf gegen die Zeit.»

Und dann kam es zum eingangs erwähnten bösen Erwachen. Ein Vakuumverband mit integrierter Pumpe umschloss den Oberschenkel. In den nächsten 48 Stunden wurden nicht weniger als 3,5 Liter Blut abgepumpt. Danach war ein zweiter Eingriff nötig, wobei nur etwa 10 der 35 Zentimeter langen Wunde zugenäht wurden.

Doch der Druck im Bein war nach wie vor fast unerträglich. «Solche Schmerzen hatte ich in meiner ganzen Karriere nie verspürt», sagt Gerber. «Selbst im Bett tat jede Bewegung weh.» Folgerichtig spricht er «von meiner mit Abstand schlimmsten Verletzung».

Der Verteidiger spielt seit zwei Jahrzehnten in der höchsten Liga; war immer mal wieder ausgefallen, aber nie allzu lange. Adduktorenprobleme, Hirnerschütterungen und einmal eine Knochenabsplitterung am Wadenbein verhinderten Einsätze. Im Playoff 2015 rissen im Ellbogen Bänder. Gerber biss auf die Zähne und liess sich erst nach dem Saisonende operieren.

Das war bis am 2. Oktober 2019 die einzige Operation gewesen. Doch diesmal kam es knüppeldick. Erst beim dritten Eingriff konnte der Oberschenkel zugenäht werden, mit 35 Stichen. Die drei Vollnarkosen überstand der Haudegen gut, doch moralisch war er angeschlagen. Aufwärts ging es erst, als er das Spital nach sechs Tagen verlassen und nach Heimenschwand heimkehren konnte.

«Gesamtpaket stimmt nicht»

Seither sind dreieinhalb Wochen vergangen. Beat Gerber ist wieder guten Mutes. Er darf auf dem Hometrainer bei geringem Widerstand in die Pedale treten, ohne Gewichte Rumpfbeugen machen und den Oberkörper kräftigen. «Und mit einem Fahrrad, das man mit den Armen bedient, kann ich die Ausdauer trainieren.» Zudem lässt er sich ausgiebig von Physiotherapeuten und einem Osteopathen behandeln. Der SCB-Rekordmeister sagt, er fühle sich schon wieder ziemlich gut.

Schmerzhaft ist für ihn derzeit nur das Zuschauen, wenn seine Teamkollegen um Punkte kämpfen. Das Team Kari Jalonens ist vor dem heutigen Gastspiel in Lausanne unter dem Strich klassiert. «Manchmal schiessen wir keine Tore, manchmal lassen wir zu viele Tore zu. Das Gesamtpaket stimmt derzeit nicht. Wichtig ist, dass wir positiv gestimmt bleiben. Das Schlimmste ist, wenn eine Mannschaft auseinanderfällt. Das ist nicht der Fall, das Kämpferherz ist bei allen vorhanden.»

Es ist für den 37-Jährigen hart, dem Team auf dem Eis nicht helfen zu können. Vorläufig muss sich der Routinier noch gedulden. Die Mediziner haben ihm klargemacht, dass er nach der letzten Operation das Bein während sechs Wochen nicht belasten darf. Teamarzt Martin Schär ermahnte ihn in den letzten Tagen, er müsse diese Ruhezeit unbedingt einhalten.

Das Comeback ist für Anfang Dezember geplant. Gerber wird sich den Pucks entgegenwerfen und kompromisslos in die Zweikämpfe steigen, so wie er das immer gemacht hat. «Wenn ich mich wieder 100-prozentig ‹zwäg› fühle, werde ich mein Spiel nicht ändern. Warum sollte ich?» Der Schock ist längst überwunden.

Gerber will weiterspielen, Spiller hilft aus

Beat Gerbers Vertrag läuft im Frühjahr 2020 aus. Solange er sich fit fühlt, will er weiterspielen. Das hat er den Entscheidungsträgern des SCB mitgeteilt. Nächste Woche wird der Verteidiger mit seinem Berater und Alex Chatelain zusammensitzen, um über die Zukunft zu sprechen.

Der SCB-Sportchef lässt sich nicht in die Karten blicken. Gerber sagt, er wisse nicht, was der Plan des SCB sei. Würde er mit dannzumal 38 Jahren noch den Club wechseln? «Diese Frage will ich nicht beantworten.»

Der SCB hat auf den personellen Engpass reagiert und von Rapperswil-Jona Andri Spiller ausgeliehen. Der 24-jährige Flügel steht dem SCB bis zum 15. Januar 2020 zur Verfügung.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...