Zwischen Todd Elik und Mutter Teresa

Chris DiDomenico ist Langnaus wichtigster Spieler. Der auf dem Eis so impulsive Kanadier sagt: «Ich habe gelernt, aus einer Diskussion zu fliehen, nicht gleich durchzudrehen.» Heute gastiert er mit den SCL Tigers in Genf bei Servette.

Verehrter Haudegen: In Langnau ist Chris DiDomenico Torgarant, Vorbild – und vor allem Publikumsliebling.

Verehrter Haudegen: In Langnau ist Chris DiDomenico Torgarant, Vorbild – und vor allem Publikumsliebling.

(Bild: Keystone)

Weshalb eigentlich spielt Chris DiDomenico in Langnau? Es war im Februar 2014, kurz vor Transferschluss. Die SCL Tigers lagen in der NLB auf Rang 2, ohne zu überzeugen. Ein neuer Ausländer musste her, einer, der Tore schiesst.

Einen Sportchef beschäftigte der Absteiger damals nicht. Was tun? Verwaltungsrat Karl Brügger und Christoph Bärtschi, seit 18 Jahren auf der Geschäftsstelle arbeitend und gute Seele des Klubs, steckten die Köpfe zusammen.

Bärtschi surfte im Internet, schaute sich Skorerlisten an. In Italien beim HC Asiago fand sich einer mit beeindruckenden Werten, Berichte über den Stürmer in lokalen Zeitungen waren euphorisch verfasst – gemeint ist DiDomenico.

Auf gut Glück setzten sich die Langnauer mit den Venetiern in Verbindung. Der Zufall wollte es, dass Asiago finanzielle Probleme bekundete; eine bescheidene Ablöse reichte, und der Transfer war besiegelt. Die Reaktionen waren eher negativ, handelte es sich doch um einen Zuzug aus der Hockeyprovinz.

«Nicht hinhören, nichts lesen»

Anderthalb Jahre sind vergangen, und aus Spott ist längst Respekt geworden. «DiDo», wie er genannt wird, war ein Glücksgriff. 98 Skorerpunkte steuerte er zum Aufstieg bei, in dieser Saison hält er bei 15 Zählern aus 12 Spielen, nur Zugs Pierre-Marc Bouchard sowie SCB-Stürmer Cory Conacher stehen in der Skorerliste vor ihm.

DiDomenico ist Torgarant, Vorbild, Leitwolf. Die Tigers sind das Tabellenschlusslicht, nicht zuletzt dank dem Angreifer aber in Tuchfühlung mit dem Mittelfeld.

Unverzichtbar sei er, sagen Mitspieler, dabei waren vor der Saison da und dort Zweifel aufgekommen, ob DiDomenico gut genug sei für eine dominante Rolle in der NLA. «Nicht hinhören, nichts lesen, das ist meine Devise. Ich weiss, was ich kann.»

In Langnau vermag DiDomenico Begeisterung zu entfachen. Unvergessen bleibt sein Sprung auf die Bande nach dem verwerteten Penalty in der Verlängerung des zweiten Ligaqualifikationsspiels gegen Rapperswil-Jona.

«Die Leidenschaft, mit der er spielt, ist gewaltig», sagt Coach Benoît Laporte, derweil Stürmer Claudio Moggi meint: «Wäre er mein Sohn, würde ich ihm Ritalin geben. Er ist ständig auf Achse.» DiDomenico ist ein Haudegen, der sich in kein Schema zwängen lässt.

Oft wird er mit Tigers-Kultspieler Todd Elik (der Kanadier sammelte Skorerpunkte und Strafminuten en masse) verglichen. Wie einst Elik ist DiDomenico kein Kind von Traurigkeit, «ich provoziere gerne, würde es hassen, gegen mich zu spielen».

«Ich bete am Abend»

Der Sportler Chris DiDomenico definiert sich über Emotionen. Als Kind zerstörte er haufenweise Stöcke, wenn etwas nicht funktionierte. Spielt er mit Teamkollegen Tischtennis, fliegt der Schläger durch die Gegend. «Ich ertrage es nicht, zu verlieren. Mir bedeutet das Spiel enorm viel.»

Wer diesem wilden Kerl auf dem Eis zuschaut, wird überrascht sein, wenn er sich mit ihm unterhält. Fast schüchtern wirkt der Kanadier, «eigentlich bin ich ein ruhiger Typ.» Oft spaziert er mit seinem Hund durchs Dorf, er schätzt das Landleben, die Abgeschiedenheit.

Und DiDomenico mag sich als «Krieger auf dem Eis» bezeichnen, er kann aber auch anders. «Ich bin gläubig, bete am Abend.» Sein Körperschmuck hat mit dem Glauben zu tun; Engel, Friedenstauben und eine Weisheit von Mutter Teresa hat er sich tätowieren lassen. «Gott gibt mir Kraft. Ich bin ihm dankbar, dass es mir gut geht.»

«So wie ich es mag»

Rang 12 hin oder her – gut läuft es DiDomenico derzeit allemal. Nach der Niederlage vom Dienstag in Freiburg (1:2) folgt heute (19.45 Uhr) das Kräftemessen in Genf, morgen steht das Derby in Langnau gegen den SCB an. Intensive Spiele erwarte er, sagt der Topskorer, «so wie ich es mag».

Meist wird DiDomenico hart angegangen, und es erstaunt, wie souverän er mit den Sticheleien und Hieben umgeht. In der NLB galt der 26-Jährige als Zeitbombe mit kurzer Zündschnur, auch während des Vorbereitungsturniers in Köln im August gingen die Emotionen mit ihm durch.

Sportchef Jörg Reber redete auf ihn ein, die Worte verfehlten die Wirkung nicht. «Ich habe gelernt, aus einer Diskussion zu fliehen, nicht durchzudrehen», sagt DiDomenico. Vergangene Woche wurde sein Vertrag um zwei Jahre bis 2018 verlängert – zu verbesserten Konditionen, versteht sich.

Der Profi ist glücklich mit sich und der Welt. Welch Kontrast zum Sommer 2012, als er in Nordamerika kein vernünftiges Angebot erhielt. Dabei hatte DiDomenico einst als grosses Talent gegolten; er wurde von Toronto gedraftet, spielte mit Stars wie P.K. Subban und John Tavares in Kanadas U-20-Auswahl, welche 2009 Weltmeister wurde.

Danach brach er sich Oberschenkelknochen und Kniescheibe, fiel ein Jahr lang aus. Die millionenschweren Teamkollegen von früher sieht er nun im Fernsehen, wenn NHL-Spiele laufen. Womöglich fragt sich DiDomencio dann und wann: «Wieso spiele ich eigentlich in Langnau?»

Berner Zeitung

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