«Zumindest für einige Minuten sollte man nach einem Sieg glücklich sein»

ZSC-Coach Rikard Grönborg und Kloten-Trainer Per Hanberg unterhalten sich bei einem Lunch über ihre Heimat und das Schweizer Eishockey.

Guten Appetit! Per Hanberg (links) erfreut sich an den Fleischbällchen mit Kartoffeln, Rikard Grönborg hat es der  Fisch angetan. Gemütliches Beisammensein im schwedischen Restaurant Tillsamman in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Guten Appetit! Per Hanberg (links) erfreut sich an den Fleischbällchen mit Kartoffeln, Rikard Grönborg hat es der Fisch angetan. Gemütliches Beisammensein im schwedischen Restaurant Tillsamman in Zürich. Foto: Urs Jaudas

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Die Begrüssung ist herzlich. Rikard Grönborg und Per «Pelle» Hanberg kennen sich schon lange, trafen sich in Karlskrona auch schon zum Lunch und sprachen stundenlang über Eishockey, als der eine Nationaltrainer, der ­andere Coach des lokalen Teams in der höchsten Liga war. Nun coachen beide im Raum Zürich, in unterschiedlichen Ligen: Grönborg führt mit dem ZSC die National League an, Hanberg strebt mit dem EHC Kloten den Wiederaufstieg an. Wir haben beide zum Mittagessen im schwedischen Restaurant Tillsamman in Zürich zusammengeführt.

Per Hanberg, wir haben recherchiert, dass Ihre Frau die besten Zimtschnecken bäckt. Das schrieben Sie auf Twitter. Ist diese Info korrekt?
Per Hanberg: (lacht) Zu 100 Prozent! Wie Sie mir auch gut ansehen können. (tippt auf seinen Bauch) Als ich sie kennen lernte, war ich 15 Kilo leichter.
Rikard Grönborg: Meine Frau bäckt auch vorzügliche Zimtschnecken! American Style. Ich war mal 20 Kilo leichter.

Ist das Geheimnis viel Butter?
Hanberg:Viel Liebe.

Gibt es andere schwedische Traditionen, die Sie in die Schweiz mitgebracht haben?
Grönborg: Meine Frau ist ja Amerikanerin, wir pflegen Traditionen aus beiden Ländern. So ­feiern wir Weihnachten nach schwedischer und amerikanischer Art. In Schweden packt man die Geschenke am 24. Dezember aus, in den USA am Morgen des 25. Zweimal Weihnachten – das freut vor allem unsere ältere Tochter Chloe. (lacht)

Per Hanberg, Sie sind schon zweieinhalb Jahre in der Schweiz. Was ist Ihnen am meisten aufgefallen?
Hanberg: Der Respekt gegenüber anderen Menschen. Wenn ich spaziere, grüssen mich Leute, die ich nie zuvor getroffen habe. In Schweden erlebt man das kaum mehr. In den grösseren Städten getraut man sich abends kaum mehr aus dem Haus. Wie es in der Schweiz jetzt ist, so war es in Schweden vielleicht vor 30, 40 Jahren. Auf eine positive Weise. In Langenthal lassen die Blumengeschäfte die Blumen über Nacht draussen. Das würde in Schweden nicht mehr funktionieren.

«Ich kann nicht genau sagen, wie lange wir uns schon kennen. Vielleicht 40 Jahre. Er ist älter. Das sieht man ja.»Rikard Grönborg

Teilen Sie diesen Eindruck, Rikard Grönborg?
Grönborg: Wir Schweden sind schon etwas reserviert, wenn es darum geht, andere zu grüssen. Meine Frau ist da viel offensiver. Was Schweden betrifft: Natürlich hat es sich verändert. Aber ich fühle mich da immer noch sehr sicher.

Sie stammen beide ausStockholm. Wie lange kennen Sie sich schon?
Grönborg: Ich bin auf der richtigen Seite Stockholms aufgewachsen. (in Huddinge, südwestlich des Zentrums) Hanberg: Nein, ich. (in Solna, im Norden des Zentrums) Aber heute habe ich ein Haus nördlich von Stockholm, 45 Minuten per Auto. Grönborg: Ich kann nicht genau sagen, wie lange wir uns schon kennen. Vielleicht 40 Jahre. Er ist älter. Das sieht man ja.

Wie viel ein Jahr ausmacht!
Grönborg: (lacht) Genau. Mit 20 habe ich Schweden verlassen, um ins College zu gehen. Es muss vorher gewesen sein. Natürlich kannte ich Pelle von AIK Stockholm. Er war ein guter Spieler.

Per Hanberg ist im Training noch heute ein guter Torschütze. Und Sie?
Grönborg: Aus diesen Dingen halte ich mich raus. Ich war Defensivverteidiger, kein Stürmer. Ich war besser darin, die Gegner ­einzuschüchtern. Aber jetzt bin ich beim ZSC für die Offensive zuständig, das gefällt mir. Im Nationalteam hatte ich einen Coach für die Verteidiger und einen für die Stürmer. Ich liebe den Job beim ZSC, die tägliche Arbeit.
Hanberg: Headcoach zu sein, ist ein Lebensstil. Jeden Tag stellen sich einem neue Herausforderungen. Was mir dabei wichtig ist: Wir arbeiten mit Menschen, die Eishockey spielen, nicht mit Eishockeyspielern. Keiner ist gleich, einige benötigen mehr Zeit, andere weniger. Ich liebe es, zu sehen, wie sie täglich besser werden. Das hat Rikard sicher vermisst, als er Nationalcoach war. Obschon das natürlich der Job ist, von dem alle schwedischen Trainer träumen.

Auch Sie?
Hanberg: Ich weiss, dass man mir den Job nicht anbieten wird. Deshalb mache ich mir darüber keine Gedanken. Es gibt so viele gute Coaches in Schweden. Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich habe. Es ist für mich eine Ehre, hier mit Rikard zu sitzen. Es ist sehr spannend, sich mit Coaches zu unterhalten, die mit den Besten der Welt gearbeitet haben.

Es werden schwedische Köstlichkeiten aufgetischt. Fleischklösschen mit Kartoffeln, eingelegter Hering, Gravadlachs, Saibling. Die beiden Coaches greifen zu.

Grönborg: Wunderbar! Ich war schon am Verhungern.

Was mögen Sie am meisten an der schwedischen Küche?
Grönborg: Es gibt immer frischen Fisch. Und die Kartoffeln, auf verschiedene Art zubereitet, ­gehören dazu. Es werden nicht viele Gewürze verwendet.

«Ein Motto von mir lautet: Was wir nicht akzeptieren, wenn wir verlieren, sollten wir auch nicht ­akzeptieren, wenn wir gewinnen.»Per Hanberg

Haben Sie schon Schweizer Essen entdeckt, das Ihnen besonders schmeckt?
Hanberg: Fondue und Raclette. Raclette ist mein Favorit. Und ich mag auch Fleischvögel.
Grönborg: Ich habe mit Marcus Krüger und Fredrik Pettersson in einem Zürcher Restaurant ein Zürcher Geschnetzeltes für eine TV-Show gekocht, das ist sehr gut herausgekommen. Wir hatten einen Koch, der uns half. Pelle, wie war deine Saison bis jetzt? Du hast nun gegen alle gespielt, wie schätzt du dein Team ein?
Hanberg: Es ist eine Sache, ein gutes Niveau zu erreichen. Aber die Herausforderung ist, das Niveau zu halten. Wir haben es bis jetzt gut gemacht, aber wir können noch besser werden.
Grönborg: Genau so reden Coaches! (lacht) Wir sind nie happy. Aber so ist es: Wir streben immer nach Perfektion. Du kannst ein Spiel gewinnen und bist trotzdem nicht glücklich mit gewissen Dingen. Ich glaube, die Spieler wären auch enttäuscht, wenn ich sagen würde: «Alles ist gut, fahrt einfach so weiter.»

Haben Sie das noch nie gesagt?
Grönborg:Ich sage schon, wenn wir ein gutes Spiel gemacht haben. Aber ich schaue immer genau, was zum Resultat führte. Das ist unser Job. Wir werden die Perfektion nie erreichen. Aber wenn wir sie anstreben, sind wir auf dem richtigen Weg.
Hanberg: Viele sehen nur das Ergebnis. Aber wir müssen analysieren, was auf dem Eis geschah. Als ich jung war, fieberten wir alle mit Ingemar Stenmark mit. Ein grossartiger Skifahrer! Er konnte mit drei Sekunden Vorsprung gewinnen, aber trotzdem nicht zufrieden sein. Weil er dies oder das hätte besser machen können. Und manchmal, wenn er als Zweiter ins Ziel kam, war er ganz happy. Weil er den Eindruck hatte, dass er nicht hätte schneller fahren können. Ein Motto von mir lautet: Was wir nicht akzeptieren, wenn wir verlieren, sollten wir auch nicht ­akzeptieren, wenn wir gewinnen. Nach Siegen ist man versucht, das Spiel nicht so genau zu sezieren. Das ist gefährlich. Aber natürlich sollte man nach einem Sieg auch glücklich sein. Zumindest für einige Minuten.

Rikard Grönborg, wie lange sind Sie glücklich nach Siegen?
Grönborg: Das kommt aufs Spiel an. Was ich nie mache: Ich gehe nie unmittelbar nach dem Spiel in die Garderobe. Ob wir gewonnen oder verloren haben. Du bist so beeinflusst vom Resultat. Ich schaue mir zuerst das Video an, um zu sehen, was wirklich passiert ist. Wenn du direkt nach dem Spiel in die Kabine stürmst, sagst du vielleicht ein paar verrückte Dinge, die sich so gar nicht zugetragen haben.

Per Hanberg, sind Sie auch so emotional nach Spielen?
Hanberg: Ich arbeite daran. Wir lernen das ganze Leben lang hinzu. Auch, wie mit Frustration oder Wut umgehen. Während eines Spiels staut sich viel in einem auf. Ein kluger Kopf sagte zu mir: Triff keine wichtigen Entscheidungen nach 22 Uhr.

Daumen hoch fürs schwedische Essen: Rikard Grönborg (rechts) und Per Hanberg. Foto: Urs Jaudas

Die Schweizer Mentalität ist im Sport nicht die positivste. Wie gehen Sie damit um?
Grönborg: Mit dem Begriff «Schweizer Mentalität» kann ich nicht viel anfangen. Ich habe ja in den USA einen Master-Abschluss in Leadership gemacht und gerade in diesem Jahr meinen Studienkredit abbezahlt. Mit 51. Ich habe mich stark mit der Frage befasst, was Leute antreibt. Es gibt viele Studien. Der grösste Motivationsfaktor ist Verantwortung. Nicht Geld oder Ruhm. Mein Job ist es, den Spielern Verantwortung zu übertragen. Als ich aufwuchs, drehte sich im Coaching alles um Kontrolle. Natürlich ist es wichtig, Vorgaben zu machen. Wie wir forechecken, etwa. Aber noch wichtiger ist die Entwicklung der Spieler und der Gruppe. In Zürich habe ich bis jetzt nur erfreuliche Erfahrungen gemacht.

Was war Ihr speziellstes Hockey-Erlebnis in der Schweiz?
Hanberg: In Visp haben sie jetzt eine schöne neue Arena. Die alte war kalt, alles war sehr alt. Und die Banden schlecht. Wir haben da jeweils unserem Goalie gesagt, dass er besser im Tor bleibt, weil der Puck in unberechen­baren Winkeln von der Bande ­zurückprallt. Speziell ist es auch gegen die Farmteams. In der grossen Zuger Arena verlieren sich 200 Zuschauer, bei den ­Ticino Rockets 150, bei den GCK Lions vielleicht 150 und zwei Hunde. In Olten sind es 6000. Die Unterschiede sind riesig.

Wie war es in Ambri, Rikard Grönborg?
Grönborg: Wunderbar! Ich liebe die Ambri-Fans, wie sie mitgehen. Wenn du Leidenschaft fürs Eishockey hast, musst du das mögen. Es ist laut, es ist kalt.
Hanberg: Du musst einfach lange Unterhosen mitnehmen.

Dafür sind die Busreisen hier nicht so lang wie in Schweden.
Hanberg: Die Fahrt zum Spiel in Ajoie dauert zwei Stunden, aber wir stoppen dennoch für eine 30-minütige Kaffeepause. Da musste ich schmunzeln. In Schweden fliegen viele Teams die langen Strecken. Aber in der zweiten Liga ist es normal, sechs bis acht Stunden im Bus zu reisen. Wir sind lange Fahrten gewohnt. In der Schweiz fühlt es sich an wie Ferien. Grönborg: Mein längster Bustrip dauerte 36 Stunden. Von Zentraltexas bis nach British Columbia. Ein Weg. Und wir mussten die Reise in jener Saison viermal ­absolvieren. Im Bus gab es keine Betten. Wir schalteten nur einen Stopp ein, um zu trainieren. Das wars. Wenn jemand jammert über eine Busreise, krame ich ­jeweils diese Geschichte hervor.

Ihre Teams spielen in unterschiedlichen Ligen, sind aber ähnlich unterwegs. Beide haben 2,11 Punkte pro Spiel geholt.
Grönborg: Ihr habt mit der Einladung für dieses Mittagessen so lange gewartet, bis wir beide ­genau gleich weit sind, oder?

Genau.
Grönborg: Zum Glück haben wir in Ambri kurz vor Schluss noch das Siegestor geschossen. Im Ernst: Jede Partie in unserer Liga ist eine ganz enge Angelegenheit. Ambri ist Letzter, aber das war ein unglaublich harter Kampf! Für die Fans ist das wunderbar. Jeder kann jeden schlagen. Mit Ausnahme von drei Spielen haben wir immer gepunktet, diese Kontinuität freut mich sehr.
Hanberg: Wir haben von den letzten 14 Spielen nur zwei verloren. Beim 5:1 über Langenthal waren wir fast über 60 Minuten perfekt, das war unser bester Auftritt. Ich mag mein Team, meine Spieler lieben es, zuzuhören, etwas zu versuchen. Und sie können auch ein Spiel drehen, in dem sie schlecht begonnen haben. Das macht mich stolz.

«Ich weiss nur: Ich trinke morgen um 6.30 wieder den ersten Kaffee im Trainerbüro.»Rikard Grönborg

Wird es nächste Saison wieder ein Zürcher Derby geben in der National League?
Hanberg: Jeder Kloten-Fan hofft das, ich auch. Wir befinden uns in einem Prozess. Das Ziel ist, Kloten wieder gross zu machen. Die Vision des Clubs ist klar. Und im Sport ist nichts unmöglich. Wir werden sehen, wie gut wir im Frühling sind. Ein Zürcher Derby, das wäre natürlich grossartig! Oder nicht, Rikard?
Grönborg: Das wäre genial. ­Kloten mit seiner Tradition und der ­Rivalität zu uns, mich würde das sehr freuen. Und Kloten ist in ­guten Händen bei Pelle.

Wohin führt die Reise des ZSC in dieser Saison?
Grönborg:Das ist der Unterschied zwischen einem Journalisten und einem Coach. Der Journalist spekuliert darüber, ob wir die Meisterschaft gewinnen können. Das Einzige, was ich weiss: Ich werde morgen wieder um 6 Uhr aufwachen und um 6.30 Uhr meinen ersten Kaffee im Trainerbüro trinken. Ich kann nur ­versprechen, dass ich mein absolut Bestes gebe, um die Spieler besser zu machen. Wo diese Reise endet, wissen wir nicht. Aber bis jetzt bin ich sehr zufrieden, und ich habe auch gute Rückmeldungen von den Spielern erhalten.

Und nun zur entscheidenden Frage: Wie gut haben Ihnen diese Zimtschneckengeschmeckt?
Grönborg:(flüstert) Die meiner Frau sind besser.
Hanberg: Rang 2 für diese hier. (lacht)
Grönborg:Das Essen war ausgezeichnet. Alles auf authentische schwedische Weise zubereitet.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 12.11.2019, 11:48 Uhr

Per Hanberg (52)

Mit dem kleinen Karlskrona schaffte Per Hanberg 2015 den Aufstieg in die schwedische Eliteklasse, in der Folgesaison hielt er das Team oben und wurde zum Coach des Jahres ausgezeichnet, als Nachfolger von Hans Wallson. 2017 kam er nach Langenthal, mit dem er im zweiten Jahr die Swiss League gewann. Auf diese Saison wechselte er zu Kloten. Hanberg ist verheiratet und Vater von sieben Söhnen zwischen 16 und 36 Jahren. (jch)

Rikard Grönborg (51)

Beharrlichkeit ist Rikard Grönborgs Markenzeichen. Er spielte, studierte und coachte 20 Jahre in Übersee, ehe er 2006 nach Schweden zurückkehrte und sich beim Verband bis zum Headcoach des A-Nationalteams hocharbeitete. 2017 und 2018 wurde er Weltmeister, im Mai dieses Jahres unterschrieb er beim ZSC. Er ist verheiratet mit der Amerikanerin Dawnie, hat mit ihr die Töchter Chloe (7) und Grace (15 Monate). (sg.)

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