Plüss wollte «das Drehbuch selbst schreiben»

Im April hat Martin Plüss (40) den SC Bern als Captain zur erfolgreichen Titelverteidigung geführt, sechs Monate später gibt er den Rücktritt bekannt. Beim Kopfmenschen entschied das Bauchgefühl.

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Während Wochen wurde spekuliert, nun ist es offiziell: Sie treten zurück. Sind Sie erleichtert?
Martin Plüss: Ich bin erleichtert, dass es offiziell ist. Ich habe mich im Frühling bewusst für eine Auszeit entschieden, wollte sehen, wie sich ein Leben ohne Spitzensport anfühlt. Es war ein Prozess, aus dem ein fester Entschluss wurde. Am Ende steht der Rücktritt als offizielle Erklärung.

Sie haben bis zuletzt auf höchstem Niveau gespielt, an Interessenten mangelte es nicht. Was gab den Ausschlag, dass Sie sich trotzdem gegen die Fortsetzung der Karriere entschieden?
Ich kann kein spezielles Ereignis oder etwas Ausschlaggebendes nennen. Nach der Titelverteidigung mit dem SCB sagte mir mein Bauchgefühl, dass dies der richtige Moment sein könnte, aufzuhören und die Prioritäten im Leben anders zu setzen. Das Ziel, bis 40 auf meinem Toplevel zu spielen, hatte ich erreicht. Anderseits fühlte ich mich fit, die Leidenschaft war noch voll da. Deshalb wollte ich mir bewusst Zeit lassen und spüren, ob sich das Bauchgefühl vielleicht noch ändern wird.

Das war trotz interessanter Angebote, etwa aus Langnau und aus Kloten, nicht der Fall.
Klar waren die Angebote reizvoll, aber ja, das Bauchgefühl blieb. Könnte ich, würde ich ewig Eishockey spielen. Aber es ist Fakt: Irgendwann ist Schluss; sei es, weil du verletzt bist, weil du körperlich nicht mehr so viele Spiele prästierst oder weil du kein Angebot mehr kriegst. Mein Drehbuch sollte anders aussehen – und vor allem: Ich wollte das Drehbuch selbst schreiben.

Sie haben in den letzten Monaten allein trainiert. Beim SCB ergab ein Fitnesstest bei Ihnen einst ein biologisches Alter von 12. Würden Sie ihn heute und jetzt absolvieren...
...dann wäre es 15 (lacht).

Wären Sie spielbereit?
Im Juli hätte es rund zwei Wochen dafür benötigt, spielbereit zu sein. Nun bräuchte ich vielleicht einen Monat. Aber es ging nie um die Fitness. Weiterfahren oder nicht, dieser Entscheid war letztlich eine Gefühlssache.

Aber hätten Sie sich im Verlauf der letzten Saison mit dem SCB auf eine Vertragsverlängerung einigen können, wären Sie jetzt noch als Spieler dabei.
Das ist reine Spekulation. Die perfekte Lösung gibt es selten.

Der SCB liegt an der Spitze. Haben Sie die Auftritte Ihrer Ex-Teamkollegen verfolgt?
Ich habe den SCB sicher ein wenig verfolgt und mir ab und an auch eine Zusammenfassung angesehen – aber nie ein ganzes Spiel. Gut, das liegt womöglich auch daran, dass wir zu Hause Swisscom TV haben und die Meisterschaftsspiele dort nicht mehr gezeigt werden (lacht).

In Ihrer Rücktrittserklärung halten Sie fest: «The best is yet to come.» Was kommt?
Ich liebe Sport. Ich würde gerne im Sportbereich etwas machen, das Eishockey bietet dazu viele Möglichkeiten. Und mich interessiert es, mit Menschen zu arbeiten, Menschen zu führen. Dementsprechend werde ich mich auch weiterbilden.

Der SCB sucht nach dem Abgang von Ville Peltonen noch einen Assistenztrainer.
(lacht) Klar, und ich könnte die Trainings dann mit der Ausrüstung bestreiten, quasi als Back-up, sollte sich einer verletzen.

Im Ernst: Können Sie sich vorstellen, als Trainer zu arbeiten? Oder interessiert Sie eher die Arbeit des Sportchefs?
In jedem Fall hätte ich das Gefühl, mir zuerst Know-how aneignen zu müssen. Ich schliesse nichts aus, im konkreten Fall müsste ­jede Option analysiert werden. Aber ich erliege sicher nicht der Illusion, ich könne den direkten Umstieg vom Spieler zum Trainer oder zum Sportchef einfach so bewältigen. Zuerst möchte ich mir das entsprechende Rüstzeug aneignen, mein Wissen erweitern. Ich habe zuletzt neun Jahre SCB erlebt und daneben nicht viel anderes gesehen.

Neun Jahre SCB... wärens zehn Saisons gewesen, käme nun Ihr Trikot unters Hallendach, die Nummer würde zurückgezogen, Legendenstatus inklusive.
Es gibt dazu klare Kriterien. Für mich ist das deshalb kein Thema.

Ihre Kinder kommen ins schulpflichtige Alter. Bleibt die Familie Plüss im Bernbiet?
Uns gefällt es. Deshalb kann ich mir sehr gut vorstellen, dass wir in Bern bleiben werden. Aber auch hier gilt: Ich schliesse nichts aus. Klar ist für mich nur, dass die Zukunft gut sein wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.11.2017, 21:38 Uhr

Martin Plüss in Zahlen

NLA-Spiele: 965 (303 Tore, 389 Assists)

Spiele für den SCB: 589 (NLA: 536, 203 Tore, 237 Assists)

Länderspiele: 236 (56 Tore, 78 Assists)

Olympia-Teilnahmen: 4 (2002, 2006, 2010, 2014)

WM-Teilnahmen: 12 (1998, 1999, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2009, 2010, 2011, 2013)

Grösste Erfolge:


  • WM-Silber mit der Schweiz (2013)

  • 4-mal Schweizer Meister mit Bern (2010, 2013, 2016, 2017)

  • 2-mal Schweizer Meister mit Kloten (1995, 1996)

  • 1-mal schwedischer Meister mit Frölunda (2005)

  • 1-mal Schweizer Cupsieger mit Bern (2015)

  • 2-mal NLA-MVP (2000/2001, 2012/2013)

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