Letzter Kampf des grossen Kämpfers

Der ehemalige SCB-Spieler Guido Laczko leidet an einer unheilbaren Krankheit.

Guido Laczko kämpft  gegen die unheilbare Nervenkrankheit ALS. Unterstützt wird er dabei von Ehefrau Ruth und Sohn Robin.

Mario Gaccioli

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Die Strassen und Häuser in Märwil sind feierlich geschmückt. Mit der Dämmerung beginnen in der ländlichen Thurgauer Gemeinde Sterne und Kerzen zu leuchten. Im Himmenreich, dem modernen Einfamilienhausquartier nahe der Kirche, ist die Vorweihnachtszeit allgegenwärtig. Auch vor dem Haus Nummer 9, das mit einer grossen im Garten stehenden Tafel zum Verkauf ausgeschrieben ist, brennen Kerzen.

Bis vor wenigen Wochen wussten nur wenige Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen und die Familie Bescheid, welch hartes Schicksal Hausherr Guido Laczko zu tragen hat.

Er ist krank. Unheilbar krank. Er leidet an der Nervenkrankheit ALS (siehe Kasten), die ab der Diagnose eine Lebenserwartung von nur noch zwei bis fünf Jahren vorsieht. Deshalb will der ehemalige Eishockeyprofi, der unter anderem für den SC Bern spielte, auch in Sportlerkreisen unbedingt auf ALS aufmerksam machen. Der NLB-Klub Thurgau bot ihm dafür die Plattform.

Vor drei Wochen widmete er Laczko das Meisterschaftsspiel gegen La Chaux-de-Fonds. Mehr als 2000 Zuschauer kamen in die Güttingersreuti nach Weinfelden – so viele wie seit Jahren nicht mehr. Dies war im Sinne Laczkos, der sich trotz seiner gesundheitlichen Probleme als Beirat für die ALS-Vereinigung einsetzt.

Mitleid möchte Laczko keines. Auch auf persönliche Spenden verzichtet er. Es gebe ALS-Betroffene, die das Spendengeld nötiger hätten als er. Er erklärt weiter, dass sich durch das Benefizspiel einiges verändert habe. Es sei ein emotionaler, schöner Tag gewesen. Der Rummel um seine Person sei seither gross – manchmal für die kleine Familie zu gross.

Besuch in Märwil. Guido Laczko öffnet die Türe des Einfamilienhauses. Seine Augen strahlen. Er freut sich auf seine Gäste und die Grüsse aus seiner Geburtsstadt Chur, die ihm überbracht werden. In der Bündner Metropole ist er aufgewachsen. Freunde und die Eltern leben noch dort. Mit dem Daumen seiner linken Hand zeigt er nach oben. Er kann die Freude nur mit dieser Geste ausdrücken. Die Stimme hat er im Sommer verloren. Seither spricht für ihn eine Stimme aus einem Sprachcomputer. Sie gibt akustisch wieder, was Laczko mit den Fingern der linken Hand mühsam eintippt. Es ist für ihn, der seinen rechten Arm nicht mehr bewegen kann, die einzige Möglichkeit, sich verbal auszudrücken.

An Unterstützung fehlt es dem 43-Jährigen nicht. Ruth Laczko ist eine starke Frau. Die Krankheit ihres Mannes bestimmt ihren Tagesablauf, hat das Leben der gebürtigen Schwyzerin aus Brunnen auf den Kopf gestellt. Nichts ist, wie es noch vor zwei Jahren war. Damals begann Laczko zu lallen. Anfänglich nur ab und zu, mit jedem Tag mehr und öfter. Er und seine Frau dachten an nichts Schlimmes. Trotzdem ging er zum Arzt. Wenige Monate später die Diagnose: ALS. «Zuerst musste ich leer schlucken. Es war ein Schock.» Tränen laufen Guido Laczko über die Wangen. Er versucht, sie zu stoppen. Vergeblich.

Dann erzählt er, dass er wie die meisten Leute bis zu diesem Zeitpunkt nichts über ALS wusste. Im Internet hat er sich dann informiert, und es ist ihm dabei bewusst geworden, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Aufgeben mag er aber nicht, obwohl er weiss, dass es keine medizinische Heilungschance gibt. Laczko ist der Kämpfer geblieben, der er als Eishockeyaner war, als er für Chur, Bern, Zug, Davos, La Chaux-de-Fonds und Thurgau in rund 600 Nationalliga-Partien auf Torjagd ging. Er wolle seinen 80.Geburtstag feiern, erklärt er, wohlwissend, dass dies Wunschdenken ist.

Es klopft. Die Haustür öffnet sich wie von Geisterhand. «Hallo, hallo», ruft eine Männerstimme im Bündner Dialekt. Sekunden später tritt Thomas Laczko, Guidos Bruder, ins Wohnzimmer. Man begrüsst sich, umarmt sich. «Es ist nicht einfach zu verstehen und zu akzeptieren, was mit Guido passiert», erklärt Thomas Laczko, auch er ehemaliger Eishockeyprofi. Er spricht von Ohnmacht, Hilflosigkeit und dass er Guidos Frau Ruth bewundere, die sich jeden Tag liebevoll um seinen Bruder kümmert. «Ich bin da, wenn man mich braucht. Mehr kann ich nicht tun.»

Thomas Laczko ist sich bewusst, dass jeder Besuch einer der letzten sein könnte. Darüber spricht er aber nicht. Den nahenden Tod seines Bruders verdrängt er. «Es ist für unsere Eltern schlimm genug, dass Guido möglicherweise vor ihnen stirbt», sagt er.

Schnell wechselt Thomas Laczko das Thema, erzählt von glücklicheren Jahren. Gemeinsam und gegeneinander seien sie auf dem Eis gestanden. Unvergesslich ist beiden das NLA-Aufstiegsspiel 1986 zwischen Chur und Bern, welches Guido mit den Bündnern gewann. «Zum Glück schafften auch wir am grünen Tisch den Aufstieg. So konnten wir doch gemeinsam feiern», sagt Thomas Laczko.

Der Sport hat das Leben der Laczko-Brüder geprägt. Beide haben ihre Karriere aber früh beendet und danach den Schritt ins Berufsleben gemeistert. «Eishockey hat uns viel gegeben. Gewinnen und verlieren können, dies ist die beste Lebensschule», sagt Thomas Laczko Der Sport helfe seinem Bruder auch jetzt, gegen die Krankheit anzukämpfen. Er sagt dies, obwohl auch er weiss, dass der Kampf hoffnungslos ist. Deshalb würden sie die wenigen gemeinsamen Stunden intensiv geniessen. Im vergangenen März waren sie noch in New York und besuchten gemeinsam NHL-Spiele des Schweizers Mark Streit. «Es war unser letzter Ausflug. Heute wäre ein solcher nicht mehr möglich», sagt Laczko traurig.

Als Spieler war Guido Laczko ein schlechter Verlierer. Auch jetzt sieht er sich nicht als solchen. Weshalb die Krankheit ihn getroffen hat, darüber hat er oft nachgedacht – vor allem zu Beginn. Mittlerweile hat er sich mit seinem Schicksal arrangiert. Er weiss, dass er wegen ALS sterben wird. Ungewiss ist nur der Zeitpunkt. Umso bemerkenswerter ist es, dass er sich dennoch auf die kommenden Festtage freut und sie mit seiner Familie feiern will – so gut dies noch geht. Wie noch vor einem Jahr wird es nicht mehr sein. Essen und trinken fallen weg. Guido Laczko wird seit einigen Wochen über eine Magensonde ernährt, nachdem er zuvor mehr als 25 Kilogramm an Gewicht verloren hatte. «Dank der Sonde kann ich mein Gewicht nun wenigstens halten.»

Die Frage nach Träumen löst bei Laczko abermals Tränen aus. Es sind bittere Tränen. Sie trocknen erst, als er sich zu Sohn Robin auf den Boden setzt. Seinen 15 Monate alten Sprössling im Arm haltend, kann er das ganze Leid für kurze Zeit vergessen. Die Lähmungserscheinungen werden aber mehr, und sogar das Spielen mit Robin wird langsam zu einer grossen Herausforderung. Gedanken, dass ihn die Krankheit weiter schwächen und an den Rollstuhl binden wird, verdrängt Laczko. «Ich werde es nehmen, wie es kommt.» Aus diesem Grund hat er für Weihnachten nur einen einzigen Wunsch: «Ich möchte noch möglichst lange mit meiner Frau und meinem Sohn zusammen sein.» Wieder kullern Tränen über seine Wangen. Es sind diesmal Freudentränen. Robin hat sich soeben an ihn geklammert.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 23.12.2009, 07:40 Uhr

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