Laporte: «Profis sollen schätzen, wie privilegiert sie sind»

Der neue Trainer der SCL Tigers, Benoit Laporte, spricht über Mut, sein Image als «harter Hund» sowie Bedrohungen durch Fans. Der 54-jährige sagt sogar, dass er Aufsteiger Langnau in die Playoffs führen will.

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Ihr Mut ist beachtenswert! Benoît Laporte: Warum denn das?

Die SCL Tigers gewannen in der letzten Saison fast immer, stiegen souverän in die NLA auf. Ist es nicht kühn, diese Trainerstelle anzunehmen? (lacht) Sehr viele Leute denken wie Sie, ich bekam einige amüsante E-Mails. Selbst gute Freunde von mir fragten, «Benoît, warum machst du das? Du bist doch völlig verrückt! Warte doch, es wird bessere Angebote geben.» Aber Langnau und ich – das passt. Ich war Coach in Asiago, in Ambri; das sind Orte wie hier, wo die Gemeinde voll hinter dem Eishockey steht. Ich sehe das also ganz anders als Sie.

Auf den ersten Blick können Sie fast nur verlieren. Ich liebe Druck, er gibt mir Kraft. Die SCL Tigers hatten eine fantastische Saison. Aber das war die NLB, nun kommt die NLA. Lausanne wechselte nach dem Aufstieg 2013 auch den Trainer, und wie wir wissen, ist es ziemlich gut rausgekommen. Ich bin überzeugt, hier etwas bewegen, meinen Enthusiasmus teilen zu können. Die Verantwortlichen wollen eine Mannschaft am Werk sehen, die in jedem Spiel an ihre Grenzen geht, Leidenschaft zeigt. Das ist meine Philosophie, deshalb habe ich zugesagt.

Aber Sie waren schon überrascht, dass der Vertrag mit Erfolgscoach Bengt-Ake Gustafsson nicht verlängert wurde? Doch, ja. Aber ich sah in Langnau nicht hinter die Kulissen, konnte die Lage nicht beurteilen. Als ich im März kontaktiert wurde, befand ich mich auf einer Kreuzfahrt (lacht). Es gab dann einige gute Gespräche, im Playoff-Final gegen Olten habe ich ein paar Spiele im Stadion gesehen...

...stand es zur Diskussion, dass Sie das Team bereits im Final übernehmen? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es einen Wechsel gegeben hätte, wäre Langnau im NLB-Final 0:2 in Rückstand geraten. Ich war jedenfalls bereit.

Gustafsson wurde für seinen passiven Coachingstil kritisiert, dafür, dass er sehr stark auf die Eigenverantwortung der Profis setzte. Wie würden Sie sich charakterisieren? Ich bin einer, der intensiv mit den Spielern kommuniziert. Während Trainings und Matchs bin ich aktiv, ich lebe das Ganze voll mit, bin emotional – und wenn es vorbei ist, total erschöpft. Diese Leidenschaft ist meine Stärke. Sollte ich sie irgendwann nicht mehr spüren, höre ich sofort auf und trainiere nur noch kleine Kinder.

Was wollen Sie in Langnau verändern? Entschuldigung, etwas muss ich noch anfügen: Ich wurde früher als harter Hund bezeichnet. Aber ich bin nicht böse zu den Spielern. Am Morgen stehe ich um 6 Uhr auf, gehe 5 Kilometer laufen. Habe ich Schmerzen, höre ich nicht nach 4,5 Kilometern auf, nein, ich laufe 5 Kilometer, egal wie. Was ich sagen will: Es braucht Durchhaltewillen – und ich verlange, dass die Profis schätzen, wie privilegiert sie eigentlich sind. Wenn einer am Morgen müde zum Training erscheint, mir aber erklärt, sein krankes Baby habe die ganze Nacht hindurch geschrien, dann verstehe ich das. Gibt aber einer grundlos nicht sein Bestes, dann habe ich grosse Mühe. Aber wie war nochmals Ihre Frage?

Welche Veränderungen Sie vornehmen wollen. Nun, ich werde ein anderes System spielen lassen. Ich will an dieser Stelle keine Details verraten, aber wir werden sicher aggressiver spielen als zuletzt.

Am Montag stellten Sie sich der Mannschaft vor. Welches waren Ihre ersten Worte? Ich gratulierte den Spielern zum Aufstieg. Und ich sagte ihnen, dass ich nicht hier bin, um reich zu werden, sondern um Erfolg zu haben, hohe Ziele zu erreichen. Mit jedem Einzelnen habe ich dann eine Viertelstunde lang unter vier Augen gesprochen, über Stärken und Schwächen, über Philosophien und so weiter. Der Prozess des Kennenlernens sollte nicht unterschätzt werden.

Was sind denn Ihre Ziele? Ich will über Jahre hinweg hier arbeiten. Ich möchte, dass die Leute hier an mich glauben, überzeugt sind, dass es mit mir gut kommt. Und ja, ich spreche auch von den Playoffs. Ich bin nicht nach Langnau gekommen, um dann am Ende der Saison irgendwie in der NLA zu bleiben. Die Mannschaft ist konkurrenzfähig, die Liga ausgeglichen. Ich bin nicht grössenwahnsinnig, nur optimistisch.

Die SCL Tigers sind ein Dorfverein, zu vergleichen mit Ambri-Piotta. In der Leventina wurden Sie 2010 nach dem schlechtesten Saisonstart in der Vereinsgeschichte entlassen. (überlegt) Mit Nürnberg erreichte ich 2007 den Playoff-Final, wurde zum Trainer des Jahres ausgezeichnet. Bei Ingolstadt lief es dann nicht nach Wunsch, wohl auch, weil ich mich mitten in der Scheidung befand. In Ambri wollte ich es zu gut machen, die Mentalität ändern. Aber ich fiel mit der Tür ins Haus, war ungeduldig und machte Fehler. Und ich hatte meine Differenzen mit Starspieler Erik Westrum – das war in der Region quasi eine «Volkskatastrophe».

Von einigen «Fans» wurden Sie massiv bedroht. Ja, die Episode mit dem Koffer, der während eines Spiels aufs Eis fiel und mir galt, ist hierzulande, soviel ich weiss, unvergessen. Unangenehm wurde es, als mit Kreide nicht druckreife Sprüche an meine Haustüre geschrieben wurden. Aber irgendwie muss man die Fans doch auch verstehen. Sie bezahlen viel Geld und leiden mit – da kann ein erfolgloser Coach kaum geliebt werden.

In Langnau leben 9731 –Menschen – quasi 9731 Eishockeyexperten... ...das ist mir bewusst! Aber wissen Sie, ich stamme aus Montreal. Dort ist Eishockey eine Art Religion. Also bin ich bestimmt etwas abgehärtet.

Berner Zeitung

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