Justin Krueger: «Beim SCB gefiel meinem Vater alles»

Am Freitag empfängt der SC Bern den HC Davos. Der ehemalige Davoser Junior Justin Krueger spricht vor dem Vergleich über Spielstile, typische Schweizer und seinen Vater Ralph, den langjährigen Schweizer Nationaltrainer.

Justin Krueger über die Achterbahnfahrt des SCB: «Natürlich ist es nicht einfach. Aber wir wachsen zusammen und werden von Tag zu Tag besser.»<p class='credit'>(Bild: Andreas Blatter)</p>

Justin Krueger über die Achterbahnfahrt des SCB: «Natürlich ist es nicht einfach. Aber wir wachsen zusammen und werden von Tag zu Tag besser.»

(Bild: Andreas Blatter)

Reto Kirchhofer@rek_81

Der Saisonstart des SC Bern gleicht einer Achterbahnfahrt. Wie haben Sie die ersten Meisterschaftswochen erlebt? Justin Krueger: Am meisten erstaunt hat mich die unglaubliche Stimmung. Es macht Spass, bei dieser Atmosphäre Eishockey zu spielen.

Trotz Achterbahnfahrt? Natürlich ist es nicht einfach, wir müssen unerwartete Niederlagen akzeptieren. Aber wir wachsen zusammen und werden von Tag zu Tag besser.

Haben Sie Ihre Rolle im Team schon gefunden? Ich benötigte die European Trophy, um mich an das europäische Hockey zu gewöhnen. Gibt es wenige Wechsel, ist es für Neue besonders schwierig, ihre Rolle zu finden; daher hat es etwas gedauert. Priorität hat für mich die Defensivarbeit.

Zuletzt waren Sie in der amerikanischen Collegemeisterschaft engagiert. Worin bestehen die angetönten Unterschiede zum europäischen Eishockey? Im Collegehockey wird mit viel mehr Körperkontakt gespielt. Alle 30 Sekunden gibt es einen harten Check, jeder macht die Checks fertig. Hier liegen die Prioritäten auf der Geschwindigkeit und der Stocktechnik.

War es schwierig, sich dem europäischen Stil anzupassen? Ja, an der European Trophy erhielt ich immer wieder Strafen, verstand aber nicht, warum ich hinausgeschickt wurde. Es hat ein bisschen Zeit gebraucht, ehe ich wusste, was ich tun darf und was ich eher lassen sollte ...

... beispielsweise Faustkämpfe wie jenen vom Dienstag in Freiburg gegen Michael Ngoy? Er attackierte mich von hinten, ich wehrte mich nur. Ich war eigentlich der Ansicht, dass man weiterspielen darf, wenn man die Handschuhe nicht auszieht. Den Ausschluss kann ich nicht nachvollziehen. Solche Zweikämpfe sind nicht schlimm. Es gibt klar gefährlichere Vergehen, die nicht sanktioniert werden.

Zwischen College und NLA bestritten Sie mit Deutschland die WM – und erreichten mit einem durchschnittlich begabten Team die Halbfinals. Wie ist das möglich geworden? Die Mannschaft war in der Vorbereitung sehr gut zusammengewachsen, alles nach dem Motto «Team First» verlaufen. Während der WM war entscheidend, dass wir uns auf uns konzentrierten, die gesamte Energie in das eigene Spiel steckten. Wir wurden immer besser – auch wenn wir unter Druck standen. Ohne diesen Druck wären wir wohl nicht so weit gekommen, ohne unsere Goalies auch nicht.

Hatten Sie vor dem Turnier daran geglaubt, dass es so weit nach vorne reichen könnte? Ich hatte lange Zeit gar nichts gedacht. Ich kam nach Europa, ohne zu wissen, ob ich überhaupt spielen würde. Als ich selektioniert wurde, blieb ich meiner Devise treu, dachte immer nur an das nächste Spiel und gab mein Bestes. Unser Hauptziel war der Viertelfinal...

... in dem Sie mit Deutschland die Schweiz eliminierten und es dann zu einem verbalen wie nonverbalen Schlagabtausch kam. Das war ein unvergessliches Spiel, typisch Schweiz - Deutschland halt, eng und hart umkämpft. Für mich war es insofern speziell, als mein Vater zuvor lange die Schweiz trainiert hatte. Ein super Sieg für uns, eine harte Niederlage für die Schweiz. So ist es halt im Hockey, einer muss verlieren.

Nun spielen Sie mit damaligen Gegnern zusammen. Am Anfang gab es ein paar Sprüche über die WM, aber es ist nicht so, dass ich deswegen mit Plüss oder Ivo (Rüthemann; die Red.) ein Problem hätte (lacht).

Sie sind in Deutschland geboren, in Österreich aufgewachsen, haben in der Schweiz Ihre Jugend verbracht, haben auch einen kanadischen Pass, in den letzten Jahren jedoch in den USA gelebt? Wo fühlen Sie sich zu Hause? Zu Hause ist dort, wo sich die Familie befindet, in meinem Fall in Winnipeg, Kanada; von dort kommen meine Eltern. Im Sommer sind wir alle dort, die ganze Verwandtschaft. Wenn mich hingegen jemand fragt, woher ich komme, sage ich aus Düsseldorf. Dort bin ich geboren, dort hatten meine Grosseltern gelebt, ehe sie auswanderten. Im Moment jedoch lebe ich in Bern und fühle mich wohl.

Welches Land behagt Ihnen am meisten? Jedes hat seinen Reiz, ich kann mich auch gut anpassen. In der Schweiz, das habe ich in den letzten Jahren gemerkt, leben wir auf extrem hohem Niveau. Das merkt man überall, beim Verkehr oder beim Essen, alles funktioniert, alles passt.

Wie würden Sie den typischen Schweizer charakterisieren? Er ist pünktlich, arbeitet hart, geniesst aber auch seine Freizeit. Am Sonntag macht man in der Schweiz nichts. In Amerika hingegen geht man shoppen, der Tag verläuft total anders. Wie haben Sie den Umgang der Schweizer mit Ihrem Vater erlebt? Das Verhältnis zwischen ihm und den Schweizern ist sehr gut. Den meisten Schweizern ist bewusst, dass er gute Arbeit abgeliefert hat. Wenn ich mit ihm unterwegs war, begegneten uns die Leute immer freundlich – auch in harten Zeiten. Ist man in den harten Zeiten stets fair geblieben? Grundsätzlich schon. Aber Sport ist Entertainment, Kritik gibt es immer, auch ungerechtfertigte. Man muss in solchen Momenten versuchen, daraus etwas zu lernen.

Sie sind nach Europa zurückgekehrt, Ihr Vater ist den konträren Weg gegangen und ist nun in der Organisation der Edmonton Oilers engagiert. Welche Rolle spielt er in Ihrem Leben? Er ist nicht nur mein Vater, sondern auch ein guter Freund. Er ist sehr sportlich und versucht immer, mit mir mitzuhalten. Bei uns gibt es in mehreren Sportarten einen Konkurrenzkampf.

Wer hat im Tischtennis die Nase vorn? Da bin ich besser. Aber das würde er jetzt nicht gerne hören (lacht). Noch zur Rolle: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, unterstützen uns gegenseitig, lernen voneinander. Ich profitiere von seinen Tipps, kann aber auch ihm welche geben.

Demnach hört er auch auf Sie. Er will immer etwas lernen, das ist seine Grundhaltung. Ich kann ihm mitteilen, wie sich ein Spieler in bestimmten Situationen fühlt, was er denkt.

Hat er Ihnen geraten, sich dem SC Bern anzuschliessen? Er sagte mir, dass Bern für mich der beste Ort sei, weil in Bern auf allen Ebenen professionell gearbeitet werde. Beim SCB gefiel meinem Vater eigentlich alles.

Sie werden bald 24 Jahre alt, Ihr Ziel ist die NHL. Wie viel Zeit geben Sie sich, um den Traum zu verwirklichen? Kommt die Chance, muss man sie packen. Ob und wann sie kommen wird, lässt sich nicht voraussagen. Mark Streit beispielsweise vermochte sich erst durchzusetzen, als er schon fast 30-jährig war. Er ist für mich ein Vorbild, weil sein Beispiel zeigt, dass sich Geduld auszahlt.

Streit hat sich verletzt, er wird die ganze Saison verpassen. Stehen Sie mit ihm in Kontakt? Nein, seit seiner Abreise nicht mehr. Zuvor hatte er mit uns trainiert. Ich habe auch abseits des Feldes mit ihm gesprochen; es interessiert mich, was er so macht. Das mit seiner Verletzung ist ärgerlich, aber da kann man nichts machen.

Inwiefern müssen Sie sich noch steigern, damit Sie in der NHL bestehen können? In der Defensive muss ich noch hartnäckiger werden, noch härter spielen. In der Offensive muss ich lernen, mitzumachen, das Spiel mitzugestalten. Eigentlich muss ich mich noch in allen Bereichen verbessern.

Am Freitag treffen Sie mit dem SCB auf Davos. Ist das für Sie ein besonderes Spiel? Ja, noch spezieller war aber das Spiel in Davos. Es war komisch, als Gast vor jener Halle anzukommen, in der ich als Junior gespielt hatte. Ich kenne natürlich ein paar Spieler. Als die Partie begann, war es aber einfach Hockey – zwei Teams, die Tore erzielen und verhindern wollten.

Davos hat ein paar Punkte mehr. Was muss der SCB tun, damit er das Eis als Sieger verlassen wird? Wir wissen, dass Davos sehr schnell spielt, sehr gut kontert. Deshalb müssen wir gut absichern und Scheibenverluste im Vorwärtsgang vermeiden. Vorne gilt es, viel zu schiessen und auf den Rebound zu gehen, Druck zu machen. Dann werden wir zu unseren Chancen kommen.

Berner Zeitung

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