Immer diese Ausländer!

Einige Schweizer Eishockeyclubs würden gerne die Ausländerregel lockern. Besser wäre, man zwingt sie, mehr junge Schweizer einzusetzen.

Illustration Kornel Stadler

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Sechs Ausländer statt vier. Oder gar acht. Noch wird bei den National-League-Clubs bloss laut darüber nachgedacht. Doch machen wir uns nichts vor. Die Lockerung der Regel dürfte kommen, eher früher als später. Einer der Befürworter ist der SC Bern, ein grosser Meinungsmacher in der Liga. Man kennt die Abläufe.

Und es werden vordergründig ja hehre Ziele angeführt: mehr Ausländer gleich weniger teure Schweizer Spieler. Tiefere Löhne gleich weniger Ausgaben. Und sparen, das kann ja nichts Verkehrtes sein, denn Geiz ist ja so was von geil.

Doch, mit Verlaub: Die Ausländerregel zu lockern, wäre fatal für das Schweizer Eishockey. Und ist der Zeitpunkt dieser Gedankengänge nicht wunderbar ironisch? Während der Verband ganztägige Diskussionsrunden mit Trainern, Funktionären, Schiedsrichtern und Medienvertretern organisiert, um neue Ideen für das Schweizer Eishockey zu sammeln und für Aufbruchstimmung in bessere Zeiten zu sorgen, wollen die Clubs … mehr Ausländer.

Der Drang zur peniblen Unterscheidung

Schweizer und Ausländer, das ist hierzulande, wenn es um die grossen Teamsportarten Eishockey und Fussball geht, so eine Sache. Der Schweizer hat da den sonderbaren Drang, penibelst zu unterscheiden zwischen Schweizern und Ausländern. Ja, sogar zwischen «echten» und anderen Schweizern: also «falschen» Schweizern, Eingebürgerten, Doppelbürgern, was auch immer.

Rund um die Fussballnationalmannschaft sorgten zuletzt zu viele angeblich «unechte» Schweizer für emotionale Diskussionen. Diese will der kleine Bruder, der Eishockeyverband, natürlich ausnützen, um selbst zu punkten, und setzt bei der im Moment im Volk eher populäreren «Nati» auf «SwissMadeHockey» – eine neue Werbekampagne, Bilder mit Rütlischwur-Symbolik inklusive. Kann man machen, klar. Ob man aber nur das wirklich gewollte Publikum damit anspricht? Aber das ist eine andere Geschichte.

Als sich auch Kevin Klein wunderte

Ich Schweizer, du Ausländer. Als der Kanadier Kevin Klein, der frischgebackene MVP des Playoff 2018 vor einem Jahr nach Zürich kam, mutete ihm diese betonte Unterscheidung in der Schweiz seltsam an. Er kannte das bislang anders: «Bei uns gibts einfach Spieler, nicht Nordamerikaner und Importe.»

Klein brachte mit seinem Satz ungewollt eine der Baustellen im Schweizer Eishockey auf den Punkt. Schweizer Spieler und Importspieler werden anders beurteilt. Der Satz vom «Ausländer, der schuld ist, weil er keine Tore schiesst», ist stark in der Schweizer Eishockey-Rhetorik verankert. Wie oft werden vergleichsweise Schweizer für ausbleibende Treffer kritisiert?

Das ist kein neues Phänomen in der Schweiz. Als Kleins Schweizer Teamkollege Severin Blindenbacher ein Jahr in der SHL bei Färjestad spielte, staunte und mochte er, dass es diese Unterscheidung kaum gab: «Ich wurde wie ein Schwede beurteilt.» Neun Jahre ist das schon her.

Nicht billiger, teurer

Von den Ausländern werden in der Schweizer Meisterschaft Wunderdinge erwartet. Nun sollen sie also auch noch die Lösung für die zu hoch gewordenen Löhne der Schweizer Spieler sein. Von «Billig-Ausländern» ist die Rede. Bloss, warum sollen diese billig sein?

Ein Ausländer kostet den Club grundsätzlich das Doppelte seines Bruttosalärs – mindestens. Billig werden sie nicht sein, höchstens durchschnittlich begabt. Und die Schweizer Spieler? Wenn es auf einen Schlag 24 oder gar 48 Plätze weniger für sie geben sollte, werden die wirklich Guten noch begehrter, werden ihre Preise noch mehr steigen.

Die Angst vor der Goaliemisere

Nein, es geht um etwas anderes als das vorgeschobene Sparen. Der Grund für den Wunsch nach mehr Ausländern ist die Angst vor der Schweizer Goaliemisere. Diese rückt zwar schleichend, aber dennoch immer näher. Jahrelang war der Torhüter die kleinste Schweizer Sorge im Eishockey. Doch was folgt auf die Generation der rund 30-jährigen Genoni, Berra, Flüeler? Dahinter droht die grosse Leere.

Der HC Davos, auch ein Befürworter einer neuen Ausländerregel, setzt bereits diese Saison auf einen ausländischen Goalie, nächste Saison werden mindestens der SCB, wahrscheinlich auch Lugano folgen. Sie dürften nicht die Einzigen bleiben.

Natürlich liegt die schnelle Lösung da auf der Hand: Warum nicht für den Goalieposten einen zusätzlichen Ausländer erlauben? Und wenn wir schon die Regel lockern – warum nicht gleich noch mehr ausländische Feldspieler ermöglichen? Das ist kurzfristiges, egoistisches Club-Denken. Es verleitet auch nicht gerade dazu, sich vermehrt Gedanken darüber zu machen, wie in der drohenden Goaliemisere ein Gegentrend gesetzt werden könnte.

Fragen über Fragen

Doch tut das dem Schweizer Eishockey wirklich gut, wenn «Billig-Ausländer» die Liga erobern? Gerade in einer Zeit, in der auf den Nachwuchsstufen U-20 und U-18 die Kluft zu den Top-Nationen wieder erschreckend grösser geworden ist und Kanterniederlagen wieder alltäglich zu werden drohen?

Setzen bereits jetzt schon nicht viel zu wenige National-League-Clubs auf junge Schweizer Spieler? Forcieren nicht jetzt schon zu viele Coaches ihr ausländisches Personal in den Schlüsselsituationen?

Und ist die deutsche DEL mit ihrer viel lockereren Ausländerregelung und entsprechender Fluktuation nicht abschreckendes Beispiel genug?

Es geht um Breite, nicht die Jahrzehnte-Talente

Klar sorgt der grössere Konkurrenzkampf dafür (und das ist der vielleicht einzige positive Effekt einer von vielen Ausländern geprägten Liga), dass sich die mit eisernem Willen gesegneten einheimischen Ausnahmetalente durchsetzen.

Doch tun die das nicht sowieso? Wie Nino Niederreiter, der Schweizer Stürmer-Pionier, der seinen Weg unbeirrt ging. Die Schweiz hat ja sogar Nico Hischier, einen Nummer-1-Draft. Und wenn wir die DEL schon tadelten: Deutschland hat trotzdem Leon Draisaitl, einen jungen NHL-Starstürmer, der diese Bezeichnung auch wirklich verdient. (Dass der Kölner gar nie DEL spielte, sondern via kanadische Juniorenliga in die beste Liga der Welt kam, unterschlagen wir jetzt mal kurz…)

Die wenigen hochbegabten Ausnahmespieler sagen generell wenig bis nichts über die Qualität der Ausbildung in einem Land aus. Oder schlägt jemand ernsthaft vor, den Slowenen nachzueifern, bloss weil diese mit Anze Kopitar einen echten NHL-Superstar hervorgebracht haben? Einen, wie ihn vorerst weder die Schweiz noch Deutschland hat?

Nein, die Breite macht es aus. Schweden hatte alleine im NHL-Draft 2018 28 Spieler, sechs davon in Runde 1! Das ist Breite. Das sind Zahlen, die etwas aussagen.

Der Salary Cap wäre toll, aber …

Doch wie sollen mehr junge Schweizer Spieler auf National-League-Stufe Chancen erhalten? Und wie die stets steigenden Lohnkosten in den Griff bekommen? Immer wieder bringen Fans, Medien, aber auch Clubvertreter das in Nordamerika praktizierte Modell des «Salary Cap» ins Spiel, eine für alle Teams gleich hohe Lohnobergrenze. Eine tolle Sache. Bloss: Wie soll das mit unserem Arbeitsrecht in Einklang gebracht werden? Per Gentlemen’s Agreement? Das wäre naiv und lässt sich unmöglich verlässlich kontrollieren.

Auch die Ausländerbegrenzung ist am Ende nichts anderes als ein Gentlemen’s Agreement. Allerdings ein einfach zu überprüfendes. Warum also nicht ein weiteres ähnliches Modell? Problemlos zu kontrollieren wäre auch der Zwang, junge Schweizer einsetzen zu müssen.

Und warum nicht gleich radikal? Fünf mit standardisierten Ausbildungsverträgen ausgestattete U-21-Spieler, die jeder Club auf einem Matchblatt haben muss. Ein ganzer Block! Weil dann auch der konservativste Coach gezwungen ist, seine Youngsters einigermassen regelmässig einzusetzen und sie nicht bloss auf der Bank sitzen zu lassen. Es wäre auch ein Zeichen an die Nachwuchstrainer, an die Ausbildner: Schaut, eure Arbeit ist wichtig!

Unmöglich?

In der Theorie nicht: Ein Marco Miranda oder ein Raphael Prassl beispielsweise waren alles andere als Bremsklötze beim Meisterrun des ZSC, es sollte keine Utopie sein, dass jeder NL-Club über fünf Elite-Junioren verfügt, die in einem Match bei den Erwachsenen verheben.

In der Praxis wahrscheinlich schon: Es sind die Clubs und nicht der Verband, die über solche Änderungen entscheiden.

Einen Versuch wäre es dennoch wert – und sinnvoller und nachhaltiger als die Öffnung der Billig-Ausländer-Schleuse allemal. Und erst noch billiger.

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In der Rubrik «Crosscheck» äussert sich die Eishockey-Redaktion von Tamedia regelmässig zu Themen der schnellsten Mannschaftssportart der Welt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.09.2018, 16:31 Uhr

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