«Ich will in meinem Team keine Schläger»

SCB-Coach Kari Jalonen spricht über seinen Umgang mit Niederlagen, über Fair Play und über die Absage von Mark Streit. «Ich verstehe die Entscheidung», sagt der Finne.

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Wie geht es den Spielern nach dem Ausscheiden?
Kari Jalonen: (überlegt lange) Sie sind immer noch schwer enttäuscht. Doch wir trafen uns am Sonntag im Stadtzentrum, und ich bekam das Gefühl, dass sie mit sich im Reinen sind, weil sie alles gegeben haben. Aber es ist hart: Wir haben gemeinsam 260 Tage auf die Titelverteidigung hin­gearbeitet. Es standen 180 Eistrainings auf dem Programm, und die Olympiateilnehmer bestritten rund 95 Partien. Die Spieler kamen jeden Tag mit dem Willen ins Stadion, besser zu werden.

Und doch hat es nicht gereicht.
Deshalb fühlen wir uns nicht gut, mir geht es gleich wie den Spielern. Aber so ist der Sport; es gibt immer Sieger und Verlierer. Wir haben zwei Jahre lang fast nur gewonnen, trotzdem: Wir haben gewusst, dass früher oder später der Tag kommen würde, an dem wir verlieren. Dieser Tag kam am letzten Samstag.

«Wir haben ge­wusst, dass früher oder später der Tag kommen würde, an dem wir verlieren.»Kari Jalonen

Wie gehen Sie persönlich mit Niederlagen um?
Hässig werde ich nicht, aber die Emotionen sind stark. Ich brauche etwas Zeit zum Verarbeiten der Enttäuschung. Vielleicht hätten wir etwas anders, besser machen können. Aber nur vielleicht, ich habe mir in dieser Hinsicht noch keine Gedanken gemacht.

Meiner Ansicht nach scheiterte der SCB, weil er den ZSC Lions zu viele Geschenke machte. Wissen Sie, weshalb Ihren Spielern all diese Fehler unterliefen?
Nein, ich kenne die Gründe nicht. Einfluss hatte sicher, dass wir auf eine solide, starke Mannschaft trafen. Doch das allein reicht nicht als Erklärung, wenn man drei Shorthander und zwei Ge­gentore wegen schlechter Spielerwechsel erhält. Die Zürcher schenkten uns keinen einzigen solchen Treffer.

Waren die Spieler nach den vielen Siegen in den letzten Jahren den Druck nicht mehr gewohnt?
Das glaube ich nicht. Im Profisport stehst du stets unter Druck, er gehört zu diesem Geschäft, ist also nichts Aussergewöhnliches. Fragt mich jemand danach, antworte ich immer: «Ich verspüre keinen Druck, ich geniesse meinen Job.» Nehmen wir die Serie gegen Zürich: Volle Stadien, tolle Stimmung, spannende Spiele – das ist doch die schönste Zeit.

Die jungen Spieler erhielten nicht allzu viel Eiszeit. Haben Sie sich nicht wie gewünscht entwickelt?
Doch, doch. André Heim bestritt über 30 Spiele, er dürfte nächste Saison zu einem guten Viert­liniencenter werden. Yanik Burren kam sogar noch etwas mehr zum Einsatz. Wir durften sie nicht zu stark forcieren; sie be­nötigen Zeit, sich an das Niveau der Liga anzupassen. Beide haben uns gezeigt, dass sie in der Lage sind, in der National League zu spielen. Nun müssen sie damit beginnen, wirklich hart zu arbeiten. Der nächste Schritt wird für sie sein, Match für Match eine gute Leistung abzurufen.

Der SCB totalisiert mit Abstand am wenigsten Strafminuten aller NL-Teams. Wie haben Sie das erreicht?
Letztlich geht es ums Gewinnen, und je seltener meine Spieler auf der Strafbank sitzen, desto grösser sind unsere Siegchancen. Strafen vermeiden ist eine Qualität, das versuche ich den Spielern einzutrichtern. Es wird immer Strafen geben, aber es ist dumm, sich unnötig Strafen einzuhandeln. Ich toleriere im Training kein Haken und Beinstellen – das sind schlechte Angewohnheiten.

Geht es Ihnen nur ums Resultat, oder ist Ihnen Fair Play auch wichtig?
(überlegt kurz) Natürlich geht es auch um Fair Play.

Fehlen deshalb im SCB-Kader Akteure, die zuweilen darauf abzielen, sich zu prügeln?
Ich will in meinem Team keine Schläger. Logisch, brauchst du, um erfolgreich Eishockey zu spielen, physisch starke, harte Spieler wie Gerber, Krueger, Kamerzin, Scherwey und Rüfenacht. Doch wir brauchen keine Prügler, mein Team soll faires und gutes Eishockey zeigen – das ist meine Philosophie. Ich verstand nicht, wie sich die Genfer am Ende des ersten Viertelfinalmatchs gegen uns verhielten.

Bald stehen die Verhandlungen mit Leonardo Genoni an. Wie werden Sie ihn zum Bleiben überreden?
Leo ist der beste Goalie in der Liga. Klar, hoffe ich, dass er bei uns bleibt. Aber letztlich geht es ums Geschäft; und das Verhandeln ist der Job von Alex Chatelain.

Hätten Sie gern mehr Spieler?
Das wäre gut, aber ich weiss: Das Budget gilt, wir verfügen nicht über zusätzliches Geld. Aber fünfzehn Stürmer sind schon wenig, speziell in einer Olympiasaison.

«Strafen vermeiden ist eine Qualität, das versuche ich den Spielern ein­zutrichtern.»Kari Jalonen

Waren Sie enttäuscht, dass Mark Streit das Angebot ausschlug, Ihr Assistent zu werden?
Nein, gar nicht. Ich setzte mich mit ihm zusammen und erklärte ihm mein System und meine Philosophie. Aber ich verstehe die Entscheidung, nach einer langen Karriere sich etwas mehr Zeit für sich und die Familie zu nehmen. Vom Typ her denke ich aber, dass Mark früher oder später wieder im Eishockey arbeiten wird – in welcher Rolle auch immer.

Nun löst Mikko Haapakoski Ville Peltonen ab. Inwiefern wird das Ihre Arbeit verändern?
Ich kenne Mikko sehr gut; wir spielten noch zusammen, und in Oulu war er vier Jahre lang mein Assistent. Ein Vorteil ist, dass er schon in Bern tätig war. Er hat viel Erfahrung und ist taktisch hervorragend. Wir haben bisher aber noch nicht über die Rollenverteilung gesprochen.

Sie essen, trinken und schlafen Eishockey. Können Sie überhaupt Ferien machen und mal zwei, drei Wochen nicht an Ihren Job denken?
(schmunzelt) Jetzt habe ich ge­rade das Gefühl, eine Pause zu brauchen. Ich werde am Samstag nach Finnland zurückfliegen. ­Zuerst verbringe ich ein paar Tage zu Hause, dann machen meine Frau und ich noch Ferien.

Ist Ihre Gattin froh, hat die SCB-Saison zwei Wochen früher geendet als geplant?
(lacht) Natürlich nicht. Meine Frau will auch gewinnen; sie unterstützt mich immer. Übrigens hat der finnische Verband mich und andere Coachs an die WM nach Dänemark eingeladen. Dort werden wir ausführlich über die Zukunft des finnischen Eishockeys diskutieren. Diese Treffen finde ich jeweils äusserst interessant.

Allzu lange wird Ihre Pause vom Eishockey also nicht dauern.
Nein, allzu lange kann ich nicht auf Hockey verzichten (lacht). (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.04.2018, 22:17 Uhr

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