«Es ging nicht darum, Schläpfer abzuwerben»

Raeto Raffainer ist seit Februar als Chef Nationalmannschaften bei Swiss Ice Hockey tätig. Vor dem Deutschland-Cup rechtfertigt der 33-Jährige die Aufgebotspolitik, spricht über die Causa Kevin Schläpfer und seine Zeit als SCB-Spieler.

Viel Balast: Wegen der Trainersuche und der Aufgebotspolitik steht Raeto Raffainer als Chef der Nationalmannschaften im Fokus. Er sagt: «Es ist nicht der Fall, dass die Klubs bestimmen und wir parieren.»

Viel Balast: Wegen der Trainersuche und der Aufgebotspolitik steht Raeto Raffainer als Chef der Nationalmannschaften im Fokus. Er sagt: «Es ist nicht der Fall, dass die Klubs bestimmen und wir parieren.»

(Bild: Freshfocus)

Reto Kirchhofer@rek_81

Wer betreut die Schweiz an der Weltmeisterschaft in Moskau?
Raeto Raffainer: Die Frage ist berechtigt, aber ich kann sie noch nicht beantworten. Wir wissen heute nicht, wer im Mai Trainer sein wird. Diese Situation ist für die Schweiz speziell, aber sie beunruhigt mich nicht.

Wie weit sind Sie bei der Suche nach Glen Hanlons Nachfolger?
Die Lösung mit Kevin Schläpfer hat sich bekanntlich nicht ergeben. Nun haben wir einen Schritt zurück gemacht. Zurzeit geht es darum, zu definieren, in welcher Form der Posten Headcoach des A-Nationalteams zu besetzen ist.

Wie sehen Ihre Vorstellungen aus?
Da will ich nicht vorgreifen.

Sie erwähnten, es sei mittelfristig das Ziel, einen Schweizer als Nationaltrainer zu haben.
Diese Aussage wurde falsch interpretiert. «Swissness» bedeutet nicht, dass der Trainer zwingend den Schweizer Pass besitzen muss. Er muss ein Herz fürs Schweizer Eishockey haben und den Willen, es zu entwickeln. Natürlich wäre es ein schönes Zeichen, mittelfristig einen Schweizer zu engagieren. Aber im Moment liegt der Fokus auf der WM in Moskau, dort brauchen wir die bestmögliche Lösung. Bei der Suche lassen wir uns nicht auf die Farbe des Passes beschränken.

Haben Sie seit Kevin Schläpfer jemanden kontaktiert?
Wir wurden kontaktiert.

Von wem?
Ich nenne keine Namen.

Wer hat bei der Wahl des Nationaltrainers das letzte Wort?
Ich mache einen Vorschlag, der Verwaltungsrat entscheidet.

Sie tauschen sich mit dem Nationalmannschaftskomitee aus.
Ich muss an dieser Stelle einmal betonen, dass das Nationalmannschaftskomitee ausschliesslich ein beratendes Gremium ist – beratend, nicht ausführend.

Dass Sie vor der Kontaktaufnahme mit Kevin Schläpfer mit SCB-Sportchef Sven Leuenberger diskutierten – er gehört zum Komitee –, haben Ihnen die Bieler übel genommen.
Das wurde von uns dementiert: Das Komitee wurde erst nach der Kontaktaufnahme informiert.

Sind Sie kritikfähig?
Ja. Als Spitzensportler musst du Kritikfähigkeit aufbauen können, schliesslich wird deine Leistung jeden Tag bewertet und kommentiert. Kritik ist wichtig. Sie sollte aber berechtigt sein.

War die heftige Kritik an Ihrem Vorgehen bei der Causa Schläpfer berechtigt?
Wir haben auch Fehler gemacht.

Zum Beispiel?
Im Nachhinein hätten wir Biel mindestens gemeinsam mit Schläpfer, wenn nicht gar in einem ersten Schritt alleine informieren müssen. Es war übrigens nie unser Ziel, Schläpfer aus dem Vertrag in Biel herauszulösen.

Sondern?
Anfang Oktober wussten wir, dass wir wohl ohne den aktuellen Nationaltrainer nach Moskau gehen werden. Wir fragten deshalb Kevin Schläpfer an, ob er sich vorstellen könne, nach dem Saisonende mit Biel das Nationalteam in Moskau zu betreuen. Es ging nicht darum, Schläpfer abzuwerben. Wir wollten ihn im Frühling quasi mit Biel teilen. Zu Beginn der Gespräche ging es nur um den Horizont WM 2016.

Was war eigentlich zuerst: die Trennung von Hanlon oder die Kontaktaufnahme mit Schläpfer?
Ich wollte dem Verwaltungsrat mit der Trennung von Hanlon eine Lösung präsentieren. Dies geschah gleichzeitig.

Stimmt es, dass die Trennung auch erfolgte, weil Hanlon im Gegensatz zu Ihnen vermehrt arrivierte Spieler für die Zusammenzüge aufbieten wollte?
Das kann ich so nicht bestätigen.

Es versteht sich von selbst, will ein Trainer so oft wie möglich zumindest einen kleinen Kern gleicher Spieler haben. Sonst muss er bei jedem Zusammenzug von vorne beginnen.
In der Schweiz gibt es mittlerweile ein grosses Reservoir an Spielern, die wir als fähig erachten, in Zukunft an internationalen Anlässen eine wichtige Rolle einzunehmen. Sie benötigen Länderspielerfahrung, um besser zu werden. Wir haben Statistiken ausgewertet, wie viele Länderspiele ein Athlet benötigt, damit er an der WM eine gute Rolle spielen kann, und...

...ist das wirklich messbar?
Es handelt sich um Erfahrungswerte. Fakt ist: Ein junger Spieler braucht viel Erfahrung auf internationaler Ebene, um sich entwickeln zu können. Diese Möglichkeit wollen wir den Jungen bei den Zusammenzügen bieten, damit wir vor den Olympischen Spielen 2018 und vor der Heim-WM 2020 sagen können: «Jetzt verfügen wir über 30 bis 40 Kandidaten.» Es wäre in Anbetracht des Potenzials unverzeihlich, würden wir nicht darauf abzielen, den Pool an Spielern zu vergrössern. Das Nationalteam hilft mit, die Spieler zu entwickeln.

Ist es nicht so, dass hinter Ihrer Selektionspolitik die Klubs stehen, welche die besten Kräfte während der Saison nicht fürs Nationalteam freigeben wollen?
Das hat nichts mit den Klubs, sondern mit den geänderten Rahmenbedingungen zu tun – konkret mit der Zusatzbelastung durch Champions Hockey League und Cup. Nehmen wir das Beispiel Andres Ambühl: Mein Ziel ist es, an der WM auf Ambühl in bestmöglicher Verfassung zählen zu können. Mit dem Saisonhöhepunkt vor Augen dürfen wir ihn gar nicht mehr als einmal für einen Zusammenzug aufbieten: Er bestreitet Champions Hockey League, Schweizer Cup, Spengler-Cup, Qualifikation, Playoffs, erhält als Führungsspieler viel Eiszeit, was weniger Erholung bedeutet. Da brauche ich doch keinen Sportchef, der mir sagt, ich dürfe Ambühl nicht zu oft aufbieten. Es ist nicht der Fall, dass die Klubs bestimmen und wir parieren.

Mit dieser Aufgebotspolitik wird das Etikett Nationalspieler im Schweizer Eishockey beliebig.
Der Status Nationalspieler wurde längst neu definiert.

Inwiefern?
Als Nationalspieler gilt, wer die Schweiz an einer Weltmeisterschaft vertreten hat.

Trotzdem: Die Marke Nationalteam verliert an Identität.
Was Sie als Problem ansehen, erachte ich als eine Anpassung an die Rahmenbedingungen. Natürlich wäre es punkto Repräsentation interessant, einen Ambühl für jedes Länderspiel aufzubieten. Aber mit dem Blick auf das grosse Ziel dürfen wir das nicht mehr tun. Bei meinen Überlegungen geht es immer um den Spieler. Schliesslich war ich selbst Profi.

Sie haben unter anderem für den SC Bern gespielt, von 2005 bis 2008. Existiert noch ein Bezug?
(lacht) Franky Kehrli! (SCB-Materialchef Frank Kehrli, die Red.). Wir schreiben uns gelegentlich eine SMS, gratulieren zum Geburtstag. Generell ist es schön, sind im Umfeld des Teams noch immer viele Leute aus früheren Zeiten dabei.

2007 verloren Sie mit Bern im siebten Playoff-Finalspiel in Davos 0:1. Trauern Sie diesem Moment ab und zu nach?
Nachtrauern nein. Aber werde ich darauf angesprochen, gibts einen kleinen Stich ins Herz. Ich konnte mir im Playoff-Final den Platz neben Christian Dubé und Simon Gamache erkämpfen. Wir hatten viel Eiszeit, ich besass zwei gute Chancen. Nach dem 0:1 war die Enttäuschung riesig. Wunderbar und unvergesslich war die Wertschätzung der Leute, die wir nach der Rückkehr nach Bern erfahren durften.

Haben Sie den grossen Schritt vom Eishockeyprofi bei den GCK Lions zum Chef Nationalteams nie bereut?
Nein, nie.

Vermissen Sie die Aktivzeit?
Ich besitze diverse Anfragen für die Seniorenliga (lacht), konnte mich noch nicht zur Rückkehr aufs Eis motivieren. Aber die Tasche liegt im Keller bereit.

Sie haben elf Länderspiele, aber keine WM bestritten. Fühlen Sie sich als Ex-Nationalspieler?
Haben wir das Thema nicht zu Boden diskutiert? Nein, ich habe nicht das Gefühl, ich sei einmal Nationalspieler gewesen.

Berner Zeitung

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