«Es gibt noch andere verwirrte Sportler»

Der frühere Eishockeyprofi Martin Plüss sortiert sein Leben neu – die alten Macken aber sind geblieben.

Auch nach dem Rücktritt fit wie ein Spitzensportler: Martin Plüss.

Auch nach dem Rücktritt fit wie ein Spitzensportler: Martin Plüss.

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Martin Plüss legt den Artikel beiseite, schüttelt den Kopf, greift zum Handy und wählt die Nummer von Marc Lüthi. ­Soeben hat Plüss gelesen, mit welchen ­Argumenten der Geschäftsführer des SC Bern für die Erhöhung der Ausländerzahl im Schweizer Eishockey weibelt. Seine Meinung teilt der langjährige SCB-Captain dem früheren Chef mit – deutsch und deutlich und ausführlich. So, wie er das immer getan hat.

«Es war ein Gespräch mit bahnbrechendem Erfolg», sagt Plüss und lacht. Er hatte nicht damit gerechnet, Lüthi überzeugen zu können. Er versuchte es trotzdem. Weil einer wie Plüss nicht aus seiner Haut kann. Weil er anspricht, was ihn stört. Direkt, ohne Umweg. «Plüss hat immer mit offenem Visier gespielt, nie hintendurch», sagt Lüthi. «Ich schätze ihn sehr. Aber er kann ein sturer ‹Cheib› sein.»

Sternstunde in Stockholm: Martin Plüss ist an der WM 2013 Teil des Schweizer Silberteams. Foto: Keystone

303 Tore hat Plüss in 956 NLA-Partien für Kloten und Bern erzielt. 56 in 236 Länderspielen für die Schweiz. Neben dem Eis waren Schnellschüsse selten. Weil Kopfmensch Plüss überlegt, abwägt, ­erneut überlegt, nochmals abwägt, ehe er entscheidet. Und weil er von der Sache überzeugt sein muss. Vertragsverhandlungen konnten sich über Monate hinziehen. Kompliziert sei Plüss, sagten die Sportchefs. Konsequent sei er, sagte der Spieler. «Seit meinen ersten Verhandlungen in Kloten habe ich immer gleich argumentiert. Integrität, Glaubwürdigkeit und Handlungskongruenz waren mir stets wichtig», sagt Plüss. «Wenn dann etwas Grundlegendes nicht stimmt, bleibe ich konsequent. Deshalb habe ich in Bern meinen Vertrag nicht mehr verlängert.»

In anderthalb Jahren um zehn Jahre gealtert

Zum Abschied feierte er im ­April 2017 mit 40 Jahren die ­vierte Meisterschaft mit dem SCB. ­Sieben Monate und reichlich Bedenkzeit später trat er zurück. Heute sagt Plüss: «Sportlich betrachtet, hätte ich wahrscheinlich zwei weitere Jahre auf diesem Niveau spielen können. Aber ich bereue den ­Entscheid nicht. Ich habe dadurch viel gewonnen.» Mehr Flexibilität, mehr Zeit für die Familie, mehr Freiheiten. «Klar: Ab und an ­vermisse ich den Spitzensport, das Eishockey und die damit verbundenen Emotionen. Sie sind das Einzige, was ich nach dem Rücktritt nicht kompensieren kann.»

Der letzte Streich: Martin Plüss feiert im Frühling 2017 den Titel mit dem SCB. Foto: Keystone

Martin Plüss geht vom Zytglogge durch die Münstergasse zur Münsterplattform. Von einem Passanten wird Plüss erkannt; nicht als Person, aber als Spitzensportler. Obwohl er kein Spitzensportler mehr ist. Doch wer ihn ansieht, die auffallenden Muskeln unter dem unauffälligen Shirt, der ist überzeugt: Körperlich könnte Plüss noch immer in der National League mithalten.

Vor wenigen Jahren ergab ein Fitnesstest bei Plüss ein biologisches Alter von 12. In den letzten anderthalb Jahren ohne Eis­hockey sei er wohl um zehn Jahre gealtert, sagt Plüss. «Würde ich den Test jetzt absolvieren, wäre das biologische Alter wahrscheinlich 25.»

Hamburger? Niemals

Plüss ist 41 und richtet sein ­Leben neu aus. Er hat sich in den Bereichen Leadership und Teamführung weiterbilden lassen. Zudem absolviert er in Zürich den Masterlehrgang in Kommunikation, Prozessanalyse und Coaching. Der Sport ist ein wichtiger Teil geblieben. Eishockeyspiele hat er sich zwar nur noch drei vor Ort angesehen – das letzte beim Abschied Mathias Segers. Doch Plüss hält sich mit Krafttraining fit. Er geht joggen. Und natürlich achtet er auf die Ernährung. Er tat es als Profi, er tut es noch immer. Weil er nie nur des Spitzensports wegen auf ungesunde Dinge verzichtet habe, «sondern aus Überzeugung».

SCB-Verteidiger Eric Blum hat einst über allfällige Macken von Plüss gesagt: «Er ernährt sich übergesund. Ich habe ihn noch nie einen Hamburger essen sehen. Wenn das keine Macke ist.» Prompt gab es für die Berner Spieler einmal nach einem Match nur Hamburger als Verpflegung. Plüss verzichtete und ging zum Auslaufen. Zum 40. Geburtstag brachte er der Mannschaft zwei Kuchen mit. Der erste war gekauft, der zweite selbst gebacken, unter anderem ohne Zucker, angeschrieben mit: «Cake with no added nonsense.» Die Spieler amüsierten sich, griffen dann aber gerne zu. ­«Lustigerweise bin ich am Ende auf dem gekauften Kuchen sitzen ­geblieben.»

Ein spezielles Geschenk an seine drei Kinder

Mit seiner professionellen Einstellung, seinen Erfolgen und den Führungsqualitäten hat Plüss das hiesige Eishockey geprägt. Selbstlob lag ihm fern, Selbstironie liegt ihm durchaus nah. Er zog eine ­klare Grenze, trennte Sportliches und Privates. Zweimal lud Plüss das Team nach Hause ein, als es im Playoff in Rücklage war. Beide Male holte Bern danach den Titel. Ansonsten gab er wenig preis, blieb freiwilligen Teamanlässen zuweilen fern. «Es war mein Recht, auch einmal andere Leute zu priorisieren. Ich habe während meiner Karriere grossen Wert auf das soziale Leben neben dem Eishockey gelegt. Einige hat das irritiert, aber mir hat es nach der Karriere den Übergang erleichtert.»

Im Januar 2018 wird Plüss geehrt und seine Nummer 28 unters Dach der Postfinance-Arena gezogen. Foto: Keystone

Plüss lebt mit seiner Familie in Bern, nahe des Rosengartens. Die Eigentumswohnung in Zürich ist vermietet. Die Namen seiner drei Kinder möchte er noch immer nicht in der Zeitung lesen. «Weil ich sie nicht ohne ihr Einverständnis in die Öffentlichkeit ziehen will. Es ist ein Geschenk an meine Kinder, sie später entscheiden zu lassen, wie sie das handhaben möchten.» Nach dem Gespräch schickt er den Auszug eines Artikels über Skifahrer Marcel ­Hirscher, der den Namen seines Sohnes nicht öffentlich machen will. Plüss’ Kommentar dazu: «Es gibt noch andere verwirrte Sportler.»

In seiner Rücktrittserklärung hielt der Zürcher fest, das Beste komme erst noch. Ein Jahr später sagt er: «Ich habe mich noch nicht definitiv entschieden, was ich ­machen werde.» Im Zentrum steht der Abschluss des Studiums. Im August 2019 soll es so weit sein. Und danach? «Team- und Spielerentwicklung, Sportmanagement, als Coach im oder ausserhalb des Sports arbeiten: Vieles ist vorstellbar», sagt Plüss.

Wer ihm zuhört, wie er mit Verve gegen die ­Erhöhung der Ausländerzahl im Schweizer Eishockey argumentiert, der denkt: Eher früher als später wird sein Weg zurück ins Eishockey führen. «Das ist möglich», sagt er. Relativiert aber sogleich: «Ich möchte flexibel bleiben. Der Schritt muss gut überlegt sein.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.11.2018, 14:28 Uhr

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