Die B-Lizenz als Schlupfloch für die A-Klubs

Seit zehn Jahren kennt das Schweizer Eishockey die B-Lizenz. Was als Beitrag zur Nachwuchsförderung gedacht war, dient den Klubs aus der NLA längst dazu, ihr Kader für die wichtigste Saisonphase zu ergänzen.

Das Schweizer Eishockey und die Transfers – da hat schon manch einer die Stirn krausgezogen. Erinnert sei etwa an den Last-Second-Transfer des Italokanadiers Bruno Zarillo. Er stiess 1997 für den Playoff-Final von Köln zum SC Bern, war in der Serie gegen Zug mit drei Toren in zwei Begegnungen sogleich entscheidend am Titelgewinn beteiligt.

Der Transferbasar in der National League A ist fast das ganze Jahr über geöffnet. Über allem steht das Grundrecht auf freie Arbeitsplatzwahl. In den vergangenen Jahren wurde so manche Reglementlücke geschlossen. So gibt es Fälle wie jenen von Zarillo nicht mehr: Die Ligaversammlung hat den Transferschluss für Ausländer längst jenem des Weltverbands angepasst (15. Februar).

Für die NLA-Vereine existiert aber ein Schlupfloch, dank dessen sie auch nach dieser Frist ihr Team für die Playoffs verändern können; vorausgesetzt, sie haben für die entsprechenden Spieler bis Ende Januar eine sogenannte B-Lizenz gelöst.

B-Lizenz. Der Begriff ist dieser Tage in vieler Munde. Mal wieder haben sich die NLA-Klubs im Hinblick auf die Playoffs mit zahlreichen B-Lizenz-Spielern eingedeckt. Die Geschichte der B-Lizenz ist auch die Geschichte einer Zweckentfremdung.

McSorleys «Missbrauch»

Im Frühling 2007 ersetzte das ­sogenannte Zwei-Spielerkarten-System die starren Partnerteamverträge. Neu konnte ein Spieler, der bei seinem Stammklub die ­A-Lizenz gelöst hat, mittels B-Lizenz bei einem beliebigen Klub aus der nächsttieferen oder nächsthöheren Liga eingesetzt werden. Die Reglementänderung sollte in erster Linie dem Nachwuchs dienen, den Talenten dank der Zweitlizenz das Sammeln von Spielpraxis erleichtern.

Findige Sportchefs machten sich das Modell anderweitig zunutze. Vor allem Servettes Chris McSorley deckte die Schwächen im Reglement auf. So schickte er den Finnen Tony Salmelainen 2010 mittels B-Lizenz während der Olympiapause für einen Match zum B-Ligisten Lausanne. Lausanne lag im Viertelfinal gegen Ajoie mit 1:3 zurück, Salmelainen traf zweimal, stand am Ursprung der Wende in der Serie, kehrte danach nach Genf zurück.

Derlei Missbrauch vorzubeugen, dazu wurden die Vorschriften verschärft und die muntere Wechslerei eingedämmt. Seither dürfen NLB-Spieler mit Playoff-Einsatz erst nach Saisonende in die NLA wechseln. Und wer ab NLB-Playoffstart in einem NLA-Match auf dem Matchblatt figuriert, darf nicht in die NLB wechseln.

Das Regelwerk schützt Ausnahmen, setzt Grenzen, unterscheidet nach Alter (siehe Kasten). Allein: Dass die NLA-Klubs Ende Januar weiterhin B-Lizenzen hamstern, entspricht kaum der ursprünglichen Idee des Förderinstruments für Talente. Im Frühling zum Beispiel bestritt der 27 Jahre alte Roman Schla­genhauf die NLB-Playoffs mit Rapperswil und tauchte plötzlich im Meisterkampf als Center beim HC Lugano auf.

Visps Sandro Wiedmer (28) durfte sich im Viertelfinal in Zürich als SCB-Torschütze feiern lassen. Nicht allen passt dieses Gebaren. Der Verband Swiss Ice Hockey verweist darauf, bei den B-Lizenzen keine Handhabe zu haben: Er wendet die Reglemente an, die von den Klubs bestimmt werden.

«Eine gute Sache»

Zweckentfremdung also? Alex Chatelain ist mit diesem Begriff nicht einverstanden. Der Sportchef des SC Bern verweist darauf, dass diese Saison bereits acht Berner mittels B-Lizenz eine Liga tiefer Spielpraxis gesammelt haben: Colin Gerber und Bernd Wolf in Langenthal, Yanik Buren, Tim Dubois, Dario Meyer, Joël Aebi und André Heim in Visp, Samuel Kreis in Olten.

«Wir wurden in der Qualifikation von Verletzungen verschont. Entsprechend waren wir froh um die Möglichkeit, diesen Spielern anderweitig Eiszeit bieten zu können.» Im Hinblick auf die Playoffs hat Chatelain drei Spieler mit einer B-Lizenz ausgestattet. «Die B-Lizenzen sind eine gute Sache.»

Die gleichen Worte verwendet Martin Steinegger. Der Sportchef des EHC Biel hat für die Playoffs sechs B-Lizenzen gelöst. «Es liegt in der Natur der Sache, werden bei einem Reglement alle Möglichkeiten ausgereizt.» Steinegger sagt, für Spieler, die nach Verletzungen zurückkämen, sei es sinnvoll, zuerst in der NLB Spielpraxis zu sammeln. Und er sieht auch für die B-Vereine Vorteile. «Hast du einen guten Jungen, kannst du ihn als Zückerli auch mal in die NLA schicken. Das ist eine grosse Motivation.»

Gian Kämpf, Geschäftsführer des B-Ligisten Langenthal, hat mit den B-Lizenzen ebenfalls «gute Erfahrungen» gemacht. So kann der SCL einerseits seinem Nachwuchs ohne viel Bürokratie eine Liga tiefer Einsätze ermöglichen, «anderseits ist es unsere Aufgabe, den Spielern auch Perspektiven nach oben zu bieten».

Meisteruhr statt -prämie

Eigentlich müsste es für einen NLB-Klub auch finanziell lukrativ sein, wenn möglichst viele seiner Akteure von A-Klubs mittels B-Lizenz gebunden werden. Kämpf verneint. Natürlich fliesse in vereinzelten Fällen Geld, wenn der A-Klub für den Rest der Saison den Lohn oder zumindest einen Anteil übernehme.

«Häufiger sind individuelle Abmachungen unter den Klubs. Es ist ein Geben und ein Nehmen – und es geht um Vertrauen», sagt Kämpf. Zu den NLA-Vereinen aus der Region unterhalten die Oberaargauer gute Beziehungen. Man kennt sich. «Mit ­anderen Klubs wie Genf würden wir die Angelegenheit wohl über das Finanzielle regeln.»

Der langjährige SCB-Sportchef Sven Leuenberger sagt, er habe je nach Situation Wochenpauschalen vereinbart, Fahrspesen und Übernachtung gezahlt. Dazu kamen Siegprämien, sofern der Spieler auf dem Matchblatt figurierte. «Solche Beträge tun nicht weh.» Eine Meisterprämie gibt es als B-Lizenz-Spieler beim SCB nicht zu verdienen. Doch der Klub pflegt als Erinnerung für die Spieler Uhren herzustellen. In den letzten Jahren haben auch die beteiligten B-Lizenz-Akteure eine Uhr erhalten.

B-Lizenz für A-Ausländer?

Das Thema B-Lizenzen könnte nächste Woche an der Versammlung der National-League-Klubs ein Traktandum sein. Der Hintergrund: Die Chance ist gross, dass die Zahl der spielberechtigten Ausländer für die Ligaqualifikation erhöht wird. Zurzeit sind deren zwei erlaubt. Einflussreiche Vertreter wie SCB-CEO Marc Lüthi möchten den Wert auf vier erhöhen; die wahrscheinliche Kompromisslösung beläuft sich auf drei.

Weil in der NLB nur zwei Ausländer spielberechtigt sind, existieren Gedankenspiele, wonach sich die B-Klubs mittels B-Lizenz die Dienste von Ausländern sichern könnten, die mit ihrem NLA-Verein aus den Playoffs ausgeschieden sind. Doch Kämpf hegt Zweifel: «Welcher NLA-Ausländer möchte nach dem Ausscheiden in den Playoffs die Saison mit einem B-Klub beenden? Zudem wären die Lohnvorstellungen schwer vereinbar.»

Auch SCB-Sportchef Chatelain ist von der Idee nicht überzeugt: «Die Lizenzen müssen bis Ende Januar gelöst werden. Ich würde mich davor hüten, zu diesem Zeitpunkt einen unserer Ausländer zu fragen: ‹Sollten wir in den Playoffs früh ausscheiden, hättest du Lust, zu einem B-Klub zu wechseln?›»

Was schwer vorstellbar ist, war früher Realität. Im Emmental – Tigers-Sportchef Jörg Reber wollte sich zum Thema B-Lizenzen übrigens nicht äussern – verziehen sich noch heute die Wolken hinter die Höger, wenn der Frühling 1998 zum Thema wird. Damals verpflichtete der B-Ligist Langnau vor der Aufstiegsrunde Gaetano Orlando, welcher in den Playoffs mit Bern ausgeschieden war. Der Italokanadier führte die Emmentaler zum Aufstieg. Selbst wenn es mit der sportlichen Glaubwürdigkeit nicht weit her war: Zarillo und Orlando – ach, das waren noch Zeiten! (rek/mob)

Held für ein paar Wochen
«Seit es B-Lizenzen gibt, hat uns keiner so viel gebracht wie Jeff Campbell», sagt der frühere SCB-Sportchef Sven Leuenberger. 2013, im Playoff-Final gegen Gottéron, erzielte der kanadische Leihspieler zwei Tore.
Unverhofft kommt oft: Langenthals Kanadier Jeff Campbell wurde 2013 für den SCB im Playoff-Final zur wichtigen Stütze. Bild: Andreas Blatter

Jeff Campbell und der SC Langenthal sind quasi untrennbar miteinander verbunden. Seit 2010 spielt der Kanadier für die Oberaargauer, Saison für Saison gehört er zu den produktivsten NLB-Spielern. Zweimal hat er am meisten Tore geschossen, zweimal ist er der fleissigste Punktesammler der Liga gewesen.

In der Meisterschaft 2012/2013 resultierten 71 Zähler aus 47 Partien, der Playoff-Halbfinal aber bedeutete Endstation. Und doch stand Campbell 24 Stunden nach dem Ausscheiden bereits wieder im Einsatz – in der NLA, für den SCB. Die Berner hatten für den Stürmer zwecks Absicherung eine B-Lizenz gelöst. Und weil die Tschechen Jaroslav Bednar und Petr Sykora verletzt ausfielen, kam Campbell sofort zum Zug.

Zu Beginn war die Leihgabe ein Mitläufer, nahm wenig Risiko. Ihn rückblickend als Garderobenfüller zu bezeichnen, wäre aber deplatziert. Der damalige Sportchef Sven Leuenberger sagt: «Seit es B-Lizenzen gibt, hat uns keiner so viel gebracht wie Jeff Campbell.» Zwei Tore und zwei Assists buchte er im Final gegen Gottéron, auf einmal wurde er in der ersten Formation neben Byron Ritchie und Joël Vermin eingesetzt.

Nach seinem Premierentreffer meinte der Temporärheld im TV-Interview, er werde den Puck seiner Mutter schenken. Die Meistermedaille hängt jedenfalls im Elternhaus in Kanada. Und Campbell (35), der auch schon mit B-Lizenz für Kloten und Langnau stürmte, spielt bis mindestens 2019 für Langenthal. (phr)

Wenn alle Wünsche in Erfüllung gehen
Der Neuenburger Michaël Loichat ist 2013 dank B-Lizenz innert 67 Tagen vom NLB-Spieler zum Schweizer Meister mutiert.Meisterheld: Michaël Loichat wird gefeiert. Bild: Andreas Blatter

Oft sind B-Lizenz-Spieler nur im Training dabei, doch Michaël Loichat war im April 2013 mittendrin im Geschehen, und das im Playoff-Final: Im fünften ­Duell zwischen Gottéron und dem SC Bern gelangen ihm sogar zwei Treffer. Das 3:0 für die Mutzen, das er nach einem Pass Daniel Rubins erzielte, war beim 3:2-Erfolg das Game-Winning-Goal.

Das 2:0 blieb aus einem anderen Grund in Erinnerung. Der damals 22-Jährige spedierte die Scheibe von hinter dem Gehäuse aufs Tordach. Ryan Gardner schlug mit dem Stock ins Netz, worauf der Puck über die Latte und via Bein von Gottéron-Goalie Benjamin Conz über die Linie flog. «Es war schon ein sehr komisches Tor», sagt er rückblickend.

Drei Tage später war Loichat Schweizer Meister. Davon hatte er gut zwei Monate zuvor beim Wechsel von den Basel Sharks, bei denen er in der NLB zweitbester Skorer gewesen war, zum SCB nicht zu träumen gewagt. Er habe damals Schritt für Schritt genommen, erzählt er. «Zuerst hoffte ich, ein Spiel machen zu dürfen. Dann hoffte ich, regelmässig eingesetzt zu werden. Später hoffte ich, mein erstes NLA-Tor zu schiessen. Erst als wir im Final standen, hoffte ich, den Titel zu gewinnen.»

Alle Wünsche gingen in Erfüllung, auch jener, sich für einen Vertrag aufzudrängen. Der flinke Flügel absolvierte alle zwanzig Playoff-Partien, schoss vier Tore und wurde vom SCB für zwei Jahre verpflichtet. Kein Wunder, spricht er von «vielen schönen Erinnerungen».

Heute spielt der 26 Jahre alte Flügel für den damaligen Finalgegner Gottéron. Momentan ist Loichat allerdings wegen Problemen mit dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr zur Untätigkeit gezwungen. In Zürich absolviert er eine Therapie – in der Hoffnung, noch in dieser Saison wieder Matchs zu bestreiten. Ob auch dieser Wunsch in Erfüllung geht? (ar)

Ferien im Februar? Nein danke!
2011 wollte Thomas Nüssli seine Karriere in der NLB ausklingen lassen. Dank B-Lizenz konnte er sich zweimal bei den SCL Tigers präsentieren. Nun ist er mit 15 Toren deren treffsicherster Stürmer.Dank der B-Lizenz ging für Thomas Nüssli die NLA-Türe wieder auf. Bild: Andreas Blatter

2011 dachte Thomas Nüssli ans Aufhören. Zum vierten Mal wurde der Angreifer am Rücken operiert; weil er starke Medikamente schlucken musste, fielen ihm Haare aus. Beim EHC Biel war der Appenzeller nicht mehr erwünscht, nach einer Pause entschied er, sich dem NLB-Klub Thurgau anzuschliessen.

Bei den Ostschweizern wollte er seine Karriere ausklingen lassen. Weil sich Thurgau rasch sämtlicher Playoff-Chancen beraubte, wurde Nüssli mit einer B-Lizenz nach Langnau ausgeliehen. Im Emmental war er nicht nur Trainingsgast, er wurde regelmässig eingesetzt. Karriere neu lanciert

Ein Jahr später, gleiches Szenario. Wieder griffen die SCL Tigers zu. Nicht weniger als 23-mal kam Leihspieler Nüssli zum Zug, den Langnauer Abstieg indes konnte auch er nicht verhindern. Entlöhnt worden sei er damals weiterhin von seinem Stammklub, erzählt der Stürmer. «Aber Thurgau erhielt von den Tigers natürlich einen finanziellen Zustupf.»

Dieser dürfte ansprechend ge­wesen sein. Nüssli jedenfalls sagt, die Thurgauer hätten ihn auf die Dringlichkeit des Wechsels hingewiesen. «Die Vereinsverantwortlichen sagten mir: ‹Kommt es nicht zum Transfer, gehen wir in Konkurs.›»

2014 stiess Nüssli, der seine Rückenbeschwerden dank Neuraltherapie und Pilates in den Griff bekommen hat, fix nach Langnau. Nicht wenige im Umfeld des Klubs meinen, dank der B-Lizenzen habe der bald 35-Jährige seine Karriere neu lancieren können. Der Profi allerdings mag dies nicht überbewerten. Mit 15 Saisontoren ist er derzeit die Nummer 1 bei den Tigers.

Er sagt, mit einer B-Lizenz könne sich ein Spieler eine Zeit lang in einem grösseren Schaufenster präsentieren. «Und bereits Anfang Februar will doch keiner in die Ferien gehen. Daher ist es toll, gibt es die Möglichkeit, einem anderen Klub zu helfen.» (phr)

Berner Zeitung

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