Der unscheinbare Titelsammler

Verteidiger Andri Stoffel wird seine Karriere nach 25 Jahren in der ZSC-Organisation beenden und auf Weltreise gehen. Nach einem letzten Höhepunkt im Playoff-Final?

Bart, aber herzlich: Andri Stoffel (30) war stets ein wertvoller Defensivarbeiter im Teamgefüge der ZSC Lions. Foto: Doris Fanconi

Bart, aber herzlich: Andri Stoffel (30) war stets ein wertvoller Defensivarbeiter im Teamgefüge der ZSC Lions. Foto: Doris Fanconi

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«Stay at home» werden in Übersee jene Verteidiger genannt, die kaum einmal die Mittellinie überqueren. Die stattdessen absichern, vor dem eigenen Tor aufräumen, sich in die Bandenkämpfe stürzen und in die Schüsse werfen. Andri Stoffel ist ein solcher Verteidiger, der daheimbleibt. Und er verkörpert diesen Typ über die gängige Definition hinaus: Seit der Stadtzürcher vor 25 Jahren als Knirps mit dem Eishockey begann, blieb er den ZSC Lions stets treu.

Seine 12. Saison als NLA-Profi wird für den 30-Jährigen nun allerdings die letzte sein. Erstmals erhielt Stoffel keine neue Vertragsofferte. Die Abwehr der Zürcher soll verjüngt werden, aus Nordamerika kehrt im Sommer Phil Baltisberger zurück. Für Stoffel ist da kein Platz mehr. «Ich war schon enttäuscht, dass man nicht mehr auf mich setzte», gibt er zu. Er hätte beim Stadtclub gerne noch eine Saison angehängt. Beleidigt oder gar wütend zeigt er sich ob des Entscheides aber nicht; das würde auch nicht zu seinem aufgeräumten Gemüt passen. Angebote von zwei anderen Clubs schlug er aus, wie schon in früheren Jahren, als man ihn weglocken wollte. «Ich fühlte mich hier immer wohl. Der Reiz war nie da, wegzuziehen», sagt Stoffel, «mein Herz gehört dem ZSC und Zürich.»

NLA-Auftakt an Streits Seite

Aufgewachsen im Kreis  11, erklomm Stoffel als Junior Stufe um Stufe. Die ersten ZSC-Titel der Neuzeit 2000 und 2001 erlebte er noch als Fan im rauchgeschwängerten Hallenstadion. In der letzten Saison vor der Renovation 2003/04 durfte er dann selbst mit den Helden jener Zeit auflaufen – mit Zeiter, Micheli und Salis. Besonders beeindruckt war er von Streit, neben dem er als Neuling oft verteidigte, bevor dieser in die NHL auszog. «Seine Einstellung zum Sport und sein Wille prägten mich», sagt Stoffel.

Nach einem Umbruch im Kader entwickelte sich ein neuerlicher Meisterkern um Seger und Blindenbacher. Mit den beiden, die er als enge Freunde bezeichnet, feierte er drei Titel (2008, 2012 und 2014). Trotzdem stand der 1,88 Meter grosse Verteidiger stets in ihrem Schatten. Sein unaufgeregter Spielstil und seine defensive Rolle bergen kein Potenzial für Spektakel, und die grossen emotionalen Eruptionen überlässt er anderen. In über 500 NLA-Spielen erzielte Stoffel bloss 15 Treffer. In dieser Saison wartet er nach wie vor auf einen erfolgreichen Torabschluss. «Ich kann es halt auch einfach nicht», sagt er und lächelt. «Man muss wissen, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen.»

Anerkennung erfährt er anders: von Teamkollegen, die sich bei ihm für seinen aufopferungsvollen Einsatz bedanken. Captain Seger etwa rühmt seine verlässlichen Leistungen und seine Clubtreue. Oder von Trainer Crawford, der ihm so viel Eiszeit schenkte wie noch kein ZSC-Coach zuvor. «Natürlich habe ich nicht die Publizität eines Seger. Ich bin ja auch kein Rekordmann wie er», sagt Stoffel. «Aber ich habe nicht das Gefühl, dass man mich nicht kennt.»

«Knie werden dankbar sein»

Bekannt ist Stoffel dafür, dass er stets über den sportlichen Horizont hinaus dachte. Sein schulischer Werdegang hebt ihn ab von den meisten Spielern. So absolvierte er die Matur und studierte Betriebspsychologie. Seit 2013 arbeitet er Teilzeit bei der Lebensversicherung Swiss Life in der Personalabteilung, wo er seine eigenen Projekte vorantreibt. So hat er den Führungskräften ein interaktives Lerntool vorgestellt, dessen Daten er nun analysiert und auswertet.

Beruflich ist er also vorbereitet auf das Leben danach. Nach dem negativen Entscheid über eine Weiterbeschäftigung bei den Lions habe er relativ früh gespürt, dass die Zeit reif für etwas Neues sei. Sein Körper hat ihm ebenfalls schon Signale gesendet: Stoffel erlitt schon einen Kreuzbandriss, Hand- und Fussbrüche, Gehirnerschütterungen sowie mehrere Schulterverletzungen, die Operationen nötig machten. Er sagt: «Meine Knie werden mir dankbar sein, wenn ich sie nicht mehr derart belaste.»

Gedanken ans Ende verdrängen

Er wisse noch nicht, was er nach dem Rücktritt am meisten vermissen werde, sagt Stoffel. Aber vermutlich würden es die Mitspieler sein. Den Kontakt will er aufrechterhalten. Aber natürlich wird der Umgang nicht mehr mit dem Kabinenleben zu vergleichen sein. Während des Finals versucht er die Gedanken ans baldige Karriereende auszublenden. Ganz verdrängen kann er sie zwar nicht. Aber ein anderer Gedanke ist ohnehin dominanter – jener an den Titel: «Ich habe die Chance, auf dem Höhepunkt aufzuhören. Was gibt es Schöneres?»

Nach der Saison will er noch bis Ende Sommer weiter bei Swiss Life arbeiten, um dann mit seiner Freundin zu einer Weltreise aufzubrechen. «Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich länger als zwei Wochen Ferien machen.» Zielort? Noch unbekannt. Aber die Reise wird Stoffel, den Daheimgebliebenen, für einmal weit wegtragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2015, 23:10 Uhr

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