Der EV Zug wagt den Spagat

Die Zentralschweizer wollen vermehrt junge Spieler einbauen, dabei aber mit der Spitze konkurrenzfähig bleiben. Der Sportchef sagt, wie das gelingen soll.

Ein Trio für grosse Aufgaben: Zugs Trainer Dan Tangnes mit den Assistenten Stefan Hedlund (links) und Josh Holden (rechts). Foto: Freshfocus

Ein Trio für grosse Aufgaben: Zugs Trainer Dan Tangnes mit den Assistenten Stefan Hedlund (links) und Josh Holden (rechts). Foto: Freshfocus

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Viel Zeit für Smalltalk blieb ihm nicht. In einem der ersten Gespräche als neuer EVZ-Trainer musste Dan Tangnes gleich unangenehme Nachrichten überbringen, Tobias Stephan war der Adressat. «Ich musste ihm mitteilen, dass wir auf übernächste Saison mit Leonardo Genoni einen anderen Goalie verpflichtet haben», blickt der Norweger zurück. Transfers, welche die fernere Zukunft betreffen, kannte er vorher nicht. Weder aus seiner Heimat, noch aus Schweden, wo er den grössten Teil seiner Coachingjahre verbracht hatte. «Ja, es ist speziell, aber für mich auch Teil des Abenteuers und des Lernprozesses», sagt er in den Katakomben der Bossard-Arena, «und Tobias hat es sehr professionell aufgenommen.»

Nach 15 Jahren kommt nun der Unbekannte

Dan Tangnes soll den Strukturwandel der Zentralschweizer vorantreiben. Nach fünfzehn Jahren kanadischen Schaffens unter Sean Simpson, Doug Shedden und Harold Kreis soll nun die ­Jugendförderung mit dem ersten Skandinavier seit Rauno Korpi 1999 verstärkt werden. Obwohl hierzulande ein unbeschriebenes Blatt, scheint der 39-jährige Tangnes, der seine Spielerkarriere einst mit 26 wegen Rücken- und Motivationsbeschwerden beendete, hierfür der richtige Mann zu sein. Bei Rögle und ­Linköping in Schweden hatte er stark auf den eigenen Nachwuchs gesetzt.

Und das ist es, was auch in Zug passieren soll. Dereinst soll die Hälfte des National-League-Teams aus Eigengewächsen bestehen, hervorgegangen aus der Academy und dem neuen Leistungszentrum, dessen Bau Präsident Hans-Peter Strebel finanziert. Sportchef Reto Kläy sagt, was er vom neuen Mann erwartet: «Er muss unsere Philosophie mittragen, daran glauben und sie auch umsetzen.» Was Kläy nicht sagt: Genau das war Kreis letztlich zum Verhängnis geworden. Der Deutschkanadier setzte, wenn es eng wurde, immer wieder auf die gleichen Kräfte, im Playoff waren etliche Leistungsträger ausgebrannt. Noch heute zucken manche EVZ-Supporter beim Gedanken an die Auftritte im Viertelfinal gegen die ZSC Lions zusammen.

Denn bei aller Jugendliebe – in Zug will man auch Erfolge sehen. Mit der Ankündigung der Verpflichtung Genonis hat der Verein ein Zeichen gesetzt, dass man im Kampf um die grossen Namen nicht länger abseits ­stehen will. Kläy erläutert, wie man den Spagat zwischen beiden Vorgaben schaffen will: «Die eigene Basis auf allen Stufen ist extrem wichtig. Punkto Tiefe ­haben wir nicht die Möglichkeiten des ZSC oder Berns, aber für die entscheidenden Positionen wollen wir die Besten holen. In Kombination mit den Jungen ist das der richtige Weg, davon bin ich überzeugt.»

Letztmals war beim EVZ 1997/98 ein Triumvirat am Werk. Es war die einzige Meistersaison.

Es sind Worte, die gern gehört werden: Die Finalqualifikation 2017 hat in der Zentralschweiz Lust auf mehr gemacht, der Verkauf von Saisonkarten wurde bei 6000 gestoppt. Ein Freifahrtschein kann die Clubphilosophie für die jungen Spieler also nicht sein, Tangnes nimmt sie in die Pflicht: «Sie müssen sich ihren Platz verdienen. Wir werden ­ihnen aber immer wieder helfen, wenn sie umfallen, und ihnen die nötige Zeit gewähren.» Besonders zufrieden ist der neue Chef mit Livio Stadler und Sven Leuenberger. Bei der Förderung will er sich aber nicht nur auf die ­Jugend beschränken: «Wir wollen alle Spieler weiterbringen.»

Zur Seite stehen dem Norweger die Assistenten Josh Holden und Stefan Hedlund. Der Kanadier, dessen lange Spielerkarriere im Frühling leise endete, kümmert sich primär um die Stürmer, der Schwede, bisher für das Academy-Team in der Swiss League verantwortlich, um die Verteidiger und das Unterzahlspiel.

Eine Chargenverteilung, die wohlige ­Erinnerungen weckt

In der Schweiz ist es selten, dass ein Trio ein Team führt, für Tangnes aber normal: «Ich sagte den Verantwortlichen sofort: Wenn es uns ernst ist mit der Entwicklung jedes einzelnen Spielers, dann müssen wir mehr Zeit in den Einzelnen investieren. Mit zwei Coaches geht das nicht.» Auf einen Trainer kommen so knapp zehn Spieler. Es ist eine Chargenverteilung, die in der Zentralschweiz wohlige ­Erinnerungen weckt. Letztmals war 1997/98 mit Sean Simpson, Bob Leslie und Beat Lautenschlager ein Trainer-Triumvirat am Werk. Es war die bisher einzige Meistersaison.

Das Kader ist eher etwas besser geworden. Mit den Verteidigern Miro Zryd und Jesse Zgraggen sowie den Stürmern Yannick-Lennart Albrecht und Dario Simion kam ein Quartett aus dem erweiterten Kader der ­Nationalmannschaft. Die vier sollten die alternden Timo Helbling und Robin Grossmann sowie die Center Nolan Diem und Timothy Kast mehr als nur ersetzen. Auch von ihnen erwartet Kläy viel: «Sie sollen noch mehr zu Führungsspielern werden.»

Elf Verträge laufen aus

Die aktuelle Saison hat Priorität, aber parallel dazu läuft die Zukunftsplanung. Da kommt viel Arbeit auf den Sportchef zu, denn elf Verträge laufen aus. ­Zudem dürfte Zug durch die Verpflichtung Genonis als Adresse zusätzlich an Attraktivität gewinnen. «Ich erwarte mir schon eine gewisse Sogwirkung von diesem Transfer», sagt Kläy.

Ab Sommer 2019 gilt dann für die Mehrheit der Eishockeyfans sowieso eine simple Rechnung: Dank Genoni zählt der EV Zug automatisch jedes Jahr zu den Kandidaten für den Meistertitel. So einfach sei die Gleichung aber nicht, sagt Tangnes: «Einen ­Titel kann man nicht kaufen, ein Spieler allein kann nicht alles verändern.» Er lacht. Ihn stört diese Tatsache nicht. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 20.09.2018, 13:28 Uhr

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