Das Debüt der Doppelbürger

Wenn die Schweiz an der Arosa Challenge gegen Norwegen antritt (Freitag, 20 Uhr, SRF2), werden der gebürtige Kanadier Cody Almond und der gebürtige Amerikaner Dan Fritsche ihren Einstand in Rot-Weiss geben.

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Es war einmal im Spätherbst: Die junge Martha aus Olten reiste nach Kanada, kam dort im Rahmen einer Halloween-Party mit einem Einheimischen ins Gespräch. Die beiden verliebten sich, schliesslich wanderte die Schweizerin nach Nordamerika aus. Martha ist die Grossmutter von Cody Almond – und mitverantwortlich dafür, dass der Eishockeyprofi heute in Arosa gegen Norwegen sein Debüt im Schweizer Nationalteam gibt. «Ich bin aufgeregt, freue mich sehr, will aber nicht zu viel Druck aufsetzen, sondern die Partie einfach geniessen», sagt Almond am Donnerstag nach der Trainingseinheit mit der helvetischen Auswahl.

Noch vor einigen Jahren hätte der Stürmer aus Calgary nie damit gerechnet, dereinst das Schweizer Trikot überzustreifen. Er träumte gewiss von einem rot-weissen Nationaldress, jedoch vielmehr von jenem mit dem Ahornblatt. Sein Vater aber sollte Weitsicht beweisen, indem er an Codys 18.Geburtstag die bürokratischen Schritte für die doppelte Staatsbürgerschaft seines Sohnes einleitete; 2012 erhielt dieser den Schweizer Pass.

Wartefrist von zwei und vier Jahren

So richtig mit dem Heimatland seiner Grossmutter in Berührung kam Almond, als ihn Servette-Manager Chris McSorley vom Wechsel nach Genf überzeugen wollte. Zuvor hatte der Stürmer versucht, sich in der NHL zu etablieren. 2007 von Minnesota gedraftet, tingelte er zwischen AHL (meistens) und NHL (nur 25 Partien) umher. Als sich für Almond auch in Minnesotas Farmteam Houston die Perspektiven nicht mehr als günstig erwiesen, tätigte er den Schritt nach Europa.

Im vergangenen Sommer unternahm Almond nochmals einen Versuch in Übersee, verpasste im Herbst bei Minnesota aber den Cut und kehrte in die Romandie zurück. «Die Schweiz ist meine zweite Heimat, hier fühle ich mich sehr wohl», sagt der 25-Jährige. Weil er nie für eine kanadische Auswahl gespielt hat, ist Almond jetzt, nach zwei Saisons in der NLA, für die Schweizer Nationalmannschaft spielberechtigt. Er spricht von einem «Highlight in meiner Karriere», ergänzend, er werde das Schweizer Trikot «mit Stolz» tragen.

«Highlight» und «Stolz», diese Begriffe verwendet auch Dan Fritsche. Der gebürtige Amerikaner aus Ohio steht wenige Meter neben Almond; er wird heute ebenfalls für die Schweiz debütieren. Bei Fritsche hat das Warten etwas länger gedauert. Der 29-Jährige ist zwar dank seiner aus Appenzell stammenden Ur-Grosseltern seit längerem im Besitz des helvetischen Passes, bestritt aber in der Vergangenheit einige Ernstkämpfe mit amerikanischen Nachwuchsequipen. 2004 war er Teil der U-20-Weltmeistermannschaft.

Gemäss Reglement des Internationalen Eishockeyverbands IIHF musste der Ex-NHL-Spieler (256 Partien) deshalb vor dem Nationenwechsel mindestens vier Saisons in der Schweiz aktiv sein. «Seit 2010 spiele ich in der Schweiz», sagt Fritsche, der ebenfalls von McSorley in die NLA gelockt wurde. «Ich habe lange auf den Tag gewartet, dieses Land vertreten zu dürfen», sagt er. Sein Onkel John Fritsche wechselte 1983 als einer der ersten Kanadaschweizer in die NLA (siehe Zweittext); der gleichnamige Cousin steht in Freiburg unter Vertrag.

Vor seinem Länderspieldebüt begab sich Dan Fritsche auf Spurensuche, war mit seiner Frau in Appenzell zu Besuch. «Genau so, wie Appenzell ist, stellt sich ein Nordamerikaner die Schweiz vor», sagt Fritsche. Er erwähnt die Häuser, den Dorfcharakter «und das Wahlverhalten der Einheimischen». Auf dem Friedhof sah er 15- bis 20-mal seinen Nachnamen – «das ist verrückt, in Amerika findest du diesen Namen nirgends».

Stärkung der Mittelachse

Dank der Wurzeln in Olten respektive Appenzell stehen Almond und Fritsche nun also dem Schweizer Nationalcoach Glen Hanlon zur Verfügung. Dass die Debütanten vorzugsweise auf der Centerposition spielen, macht sie für die Auswahl umso wertvoller. Auf der Mittelachse mangelt es der Schweiz seit Jahren an Breite. Während Almond in der Offensive über beachtliche Qualitäten verfügt, war Fritsche im Frühling als wertvoller Defensivstürmer ein wichtiges Teilchen im Meisterpuzzle der ZSC Lions. «Ich interessiere mich sehr für die Geschichte meiner Familie. Deshalb ist es umso spezieller, darf ich jetzt für das Land meiner Vorfahren antreten», sagt Fritsche. Neo-Mitspieler Almond spricht gar von der «Erfüllung eines Traums» – für ihn hat sich als Glücksfall erwiesen, was einst ausgerechnet in der Nacht des Horrors begonnen hatte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.12.2014, 11:51 Uhr

Die Schweizermacher

Am Ursprung der Welle steht ein Mann: Danny McCann, Kanadier, Spielervermittler aus Montreal. Er ist es, der in den frühen Achtzigerjahren mittels Inseraten in Nordamerika nach Eishockeyspielern mit Schweizer Wurzeln sucht. Es melden sich zahlreiche Nachfahren ausgewanderter Handwerker, Farmer – McCann bietet diese zu Sichtungstrainings auf. Der Kanadier belässt es nicht bei Zeitungsannoncen, er durchstöbert auch Telefonbücher nach Namen, die auf einen Schweizer Bezug schliessen lassen. Dabei stösst er zum Beispiel auf Doug Honegger, den Grossneffen des Komponisten Arthur Honegger. Der Kanadier mit Schweizer Pass sollte später für das Schweizer Nationalteam spielen. Heute arbeitet er als Agent, betreut unter anderen SCB-Trainer Guy Boucher.

Ein Metzger als Pionier
Wer sich auf den Eisflächen in Nordamerika den Traum von der National Hockey League nicht zu erfüllen vermochte, konnte dank der Schweizer Wurzeln in Europa seine zweite Karriere starten. Es ergab sich eine Win-win-Situation: Die Schweizer Klubs konnten Ausländerlizenzen sowie Geld für Transfersummen sparen und die Zuzüge dadurch gut bis sehr gut entlöhnen.

Dank Vermittler McCann fanden viele Nordamerikaner den Weg in die Schweiz, zu Beginn vorzugsweise in die Leventina – auch, weil der grosse Ambri-Sympathisant Edy Inderbitzin in seinem damaligen Amt als Gemeindeschreiber von Altdorf die Mühlen der Justiz jeweils geschickt beschleunigte, wenn es um die Beschaffung der roten Pässe für mögliche Ambri-Verstärkungsspieler ging.

Als erster Kanadaschweizer machte sich Steve Metzger einen Namen. Er spielte aber nicht für Ambri, sondern in Arosa, war 1982 Mitglied des Meisterteams, trug später auch das Biel-Dress. Ihm folgten Dutzende, die wegen des Eishockeys aus Nordamerika in die Heimat ihrer Vorfahren reisten: John Fritsche, Rick Tschumi, Keith Fair, Pat Schafhauser, Steve Aebersold, Misko Antisin, Chad Silver – die Liste liesse sich beinahe beliebig erweitern.

Dank der Liebe zu Olympia
Die Zahl der aus Nordamerika verpflichteten Doppelbürger sank nach dem Boom der Achtziger. Schrittweise führte der Trend zu sogenannten Lizenzschweizern. Es handelt sich um Akteure aus dem Ausland, die ihre erste Lizenz in der Schweiz gelöst haben, deshalb das Ausländerkontingent der Klubs nicht belasten, für das Nationalteam aber nicht spielberechtigt sind: Christian Dubé ist wohl der bekannteste Vertreter. Die dritte Gruppe der Zuzügler aus Übersee, welche nicht (mehr) als Ausländer gelten, umfasste jene der Eingeheirateten: Spieler wie Jan Alston, Hnat Domenichelli und Paul di Pietro. Sie erhielten im Verlauf ihrer Karriere dank der Heirat mit einer Schweizerin den helvetischen Pass.

Die Liebe sorgte so für ein Kapitel Schweizer Eishockeygeschichte: An den Olympischen Spielen 2006 in Turin war es ausgerechnet der gebürtige Kanadier di Pietro, welcher im Vergleich mit Titelverteidiger Kanada beide Tore zum sensationellen 2:0-Erfolg der Schweiz erzielte.

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