Auf das Patt folgt das Hurra-Hockey

Der SC Bern hat den ersten Matchpuck nicht verwertet. Die Berner unterlagen im Heimspiel Gottéron 1:2 nach Penaltyschiessen. Die Gäste sorgten zu Beginn für ein Novum auf Schweizer Eis – und ein Pfeifkonzert.

Gottéron Goalie Christobal Huet schaut entspannt über die Schulter: Shawn Heins (links) und Simon Gamache haben es sich hinter dem Tor gemütlich gemacht; sie haben nicht im Sinn, einen Angriff zu lancieren.

Gottéron Goalie Christobal Huet schaut entspannt über die Schulter: Shawn Heins (links) und Simon Gamache haben es sich hinter dem Tor gemütlich gemacht; sie haben nicht im Sinn, einen Angriff zu lancieren. Bild: Andreas Blatter

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Ein Team, welches in einer Playoff-Serie 0:3 in Rückstand liegt, kann auf zweierlei Arten zur vierten Partie antreten: Entweder erklären Spieler und Trainer im Vorfeld gebetsmühlenartig, es müsse etwas ändern, obwohl sie das Weiterkommen gedanklich ad acta gelegt haben. Oder aber: Spieler und Trainer sprechen nicht bloss über Änderungen, sondern setzen diese auch mit Überzeugung um. Der HC Fribourg-Gottéron verinnerlichte Zweitgenanntes. Team und Trainer änderten, und siegten – 2:1 nach Penaltyschiessen in Bern.

Was dem Publikum am Samstag in der ausverkauften Postfinance-Arena während der ersten Minuten geboten wurde, war auf Schweizer Eis noch nie gesehen worden. Die Gäste spielten «Eis-Schach» mit überraschender Eröffnung, passten sich in der eigenen Zone den Puck geduldig zu, ohne einen Schlittschuh in das Berner Drittel zu setzen. Mehr noch: Der Puck überquerte über vier Minuten lang nie die Mittellinie. Es entstand eine Art Pattsituation, weil der SCB auf das Forechecking verzichtete und stattdessen an der Mittelzone wartete und wartete und wartete.

NHL und Basketball

In der National Hockey League hatte sich im vergangenen November zwischen Tampa Bay und Philadelphia ähnliches ereignet: Tampa Bay praktiziert ein defensives, auf Konter ausgerichtetes 1-3-1-Spielsystem, zieht sich nach Scheibenverlusten in die neutrale Zone zurück und wartet darauf, den Gegner bei dessen Auslösung abzufangen. Die Flyers vermieden diese «Konterfalle», indem sie Angriffe gänzlich verweigerten. Und da Tampa Bay den Gegner nicht unter Druck setzte, mussten die Schiedsrichter wegen Spielverzögerung eingreifen. In der Folge wurde in Nordamerika angeregt und mit Besorgnis über das Vorkommnis diskutiert, verbunden mit der Hoffnung, wonach solch eine Verweigerungstaktik nicht Schule machen werde. «Vielleicht müssen wir bald Basketballregeln einführen», sagte Antti Törmänen und nahm Bezug auf die Regel im Basketball, wonach jene Mannschaft, die Ballbesitz erlangt hat, ihren Angriff innert 24 Sekunden abschliessen muss. «Freiburg hat gewonnen, die Taktik ist aufgegangen», ergänzte der SCB-Trainer. Captain Martin Plüss sagte derweil, er sei überrascht gewesen, «wie jeder im Stadion. Aber wir nahmen das so hin und hätten den ganzen Abend warten können.»

So weit kam es glücklicherweise nicht. Mit dem ersten konsequenten Nachsetzen war das Heimteam prompt erfolgreich: Jean-Pierre Dumont traf in der 7. Minute. Auf dem Papier hatte die Freiburger Taktik also nicht funktioniert – vorerst nicht. Denn je länger das Spiel dauerte, desto mehr schien es, als könnte die Partie im Gegensatz zu manch einer Playoff-Begegnung zuvor nicht zu Berner Gunsten ausgehen. Törmänens Auswahl agierte nicht so diszipliniert, nicht so effizient. Das Schussverhältnis von 48:45 für den SCB – allein im zweiten Drittel betrug es 20:15 zugunsten Gottérons – dient als Beleg für das zeitweilige Hurra-Hockey. «Es war ein Auf und Ab, vorwärts und zurück, so, wie es die Freiburger mögen», sagte Törmänen.

Hipp, hipp, Huet

Der Umstände zum Trotz stand das Heimteam gerade in der Verlängerung dem Sieg näher: Doch der oft kritisierte Freiburger Torhüter Cristobal Huet zeigte über die volle Distanz eine grossartige Leistung, stoppte in der Überzeit 17 Schüsse sowie fünf Penaltys. Weil der Ex-Berner Simon Gamache im abgekürzten Entscheidungsverfahren als Einziger reüssierte, verlor der SCB zum zweiten Mal in diesen Playoffs eine Partie. Bei der 0:3-Niederlage gegen Kloten hatten die Berner zwei Tore in Überzahl kassiert; auch am Samstag mussten sie dem Gegner einen Shorthander zugestehen. «Wir müssen uns im Powerplay cleverer verhalten», forderte Plüss.

Im Hinblick auf das fünfte Spiel vom Dienstag sagte Törmänen lapidar: «Wir liegen weiterhin in Führung.» Schmunzelnd ergänzte er: «Wer weiss, vielleicht warten wir in Freiburg einfach mal ab?» Die Spieler der ZSC Lions jedenfalls dürften das Treiben morgen genüsslich vor dem Fernseher verfolgen. Das Team Bob Hartleys hat sich auf schnellstmöglichem Weg für den Playoff-Final qualifiziert und wartet nun geduldig auf seinen Gegner – so, wie es Gottéron am Samstag in Bern gemacht hat. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.03.2012, 08:01 Uhr

Betretene Gesichter: Etienne Froidevaux (links) und Caryl Neuenschwander können ihre Enttäuschung nicht verbergen. (Bild: Andreas Blatter)

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