«Auch Drecksarbeit kann chic sein»

Die ZSC Lions sind auf der Suche nach Identität und Erfolg – dabei helfen soll Sven Leuenberger. Nach 28 Jahren beim SCB hat der 48 Jahre alte Uzwiler beim ZSC eine neue Herausforderung gefunden.

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Die Hoffnung klebt an den Wänden. Wer die Geschäftsstelle der ZSC Lions besucht, wird links wie rechts mit Skizzen der geplanten Eishockeyarena konfrontiert. 2022 soll der Klub in Zürich-Alt­stetten die neue Heimat beziehen, verbunden mit der Aussicht auf mehr Selbstbestimmung, mehr Prestige, mehr Profil, mehr Einnahmen durch Vermarktung und Gastronomie.

Derlei Perspektiven an den Wänden verführen die Sinne, doch der Istzustand drückt beim ZSC aufs Gemüt. Infrastruktur lässt sich planen, millimetergenau, wenn es sein muss, sportlicher Erfolg hingegen nur bedingt. Und sportlicher Erfolg ist, was die ZSC Lions gerade nicht haben. Diesen Umstand soll just einer ändern, der beim Rivalen SC Bern achtmal Schweizer Meister geworden ist; viermal als Spieler, dreimal als Sportchef, einmal als Elite-Trainer. Der Auftrag an Sven Leuenberger lautet: die ZSC Lions wieder gross zu machen.

Die Differenz auf dem Eis

Wobei: Gross sind die Lions bereits, mit über neunhundert Athleten auf jeder Stufe gar die grösste Eishockeyorganisation im Land und eine der grössten in Europa. Klein ist Leuenbergers Büro, welches er sich mit den zwei anderen Sportchefs der Organisation teilt: Patrick Hager (GCK Lions) und Richard Jost (Nachwuchs).

Ein weiter führender Beschrieb ist nicht notwendig, es reicht die Erkenntnis, dass die Räumlichkeit auf der Geschäftsstelle Puffbüro genannt wird. Dieses ist seit Mai Leuenbergers Heimat. Zuletzt feilte er in Bern nach seinem Rücktritt als Sportchef fernab des Tagesgeschäfts an der strategischen Sportentwicklung, nun ist er zurück in der Verantwortung – und spricht von einem Flashback.

Gemeinsamkeiten zwischen den mächtigsten Klubs im Schweizer Eishockey gibt es viele, von den professionellen Strukturen über den autoritären CEO bis hin zu den hohen Ansprüchen. Beim ZSC wird der Sport breiter gewichtet, dafür fällt das Standbein Gastronomie weg, welches bei der SCB-Holding rund die Hälfte des Umsatzes ausmacht.

Die Suche nach der grössten Differenz führt aufs Eis. Der SCB hat zuletzt zweimal den Titel geholt, die Lions schieden im Playoff-Viertelfinal aus. «Heute und jetzt ist der SCB die beste Mannschaft in der Schweiz», sagt ­Leuenberger. «Die Berner sind auf hohem Niveau gefestigt – wir nicht.» Und wie es so ist, wenn ein Titelkandidat schwächelt, wird rund um die Lions momentan viel debattiert. Trainer Hans Wallson sucht nach der Linie, das Team nach der Identität, und von zwei Torhütern spielt keiner wie eine Nummer eins. Führungsspieler sind gefragt, die das Ge­füge zusammenhalten wie Leim.

Zwei Klubs als Spiegelbild

Für Leuenberger mag das Umfeld neu sein, die Situation ist es nicht. Ehe der SCB 2010 zum Erfolg fand, hatte er in den Playoffs mehrfach enttäuscht. Der Sportchef baute Schritt für Schritt das Kader um, stellte den Kampf über die Gunst der Kunst. Solche Impulse möchte er auch beim ZSC setzen, zumal die Zürcher in erster, zweiter, dritter und vierter ­Linie für Talent und Technik ­stehen.

Der 48 Jahre alte Uzwiler öffnet den Raum für Interpretationen, sagt, der SCB und der ZSC seine Spiegelbilder der Gesellschaft. Was Leuenberger damit meint: Zur zuweilen hemdsärmligen Hauptstadt passt eine Mannschaft von Kämpfern, zur Finanzmetropole ein hippes Team wie der ZSC. «Aber wir müssen nicht diskutieren: Im modernen Eis­hockey bringen Gradlinigkeit und Präsenz vor dem Tor den Erfolg.» Und so formuliert er seine Mission in Zürich wie folgt: «Auf­zeigen, dass auch Drecksarbeit chic sein kann.»

Gradmesser und Genetik

Nun kehrt Leuenberger mit dem ZSC nach Bern zurück. Wobei er mittlerweile in beiden Städten zu Hause ist respektive eine Wohnung hat. Frau Claudia und Sohn Shane pendeln ebenfalls. «Das Ziel ist es, möglichst oft das Berufliche mit dem Gesellschaftlichen zu verbinden», sagt Leuenberger. Das kann er am Freitagabend tun, wird er doch in der Postfinance-Arena manch bekanntes Gesicht sehen.

Für den ZSC ist es das dritte von vier Spielen diese Woche, für ­Leuenberger vielleicht noch etwas mehr, selbst wenn er die Bedeutung relativiert. Die Rollen seien klar verteilt, der SCB als Tabellenführer der ideale Gradmesser. Nicht mehr, nicht weniger. Entscheidend wird für die Zürcher so oder so der Playoff-Frühling sein. Zwar kennt die Genetik kein Winner-Gen, die Sportsprache aber schon. Und so sagt Leuenberger: «Das Winner-Gen benötigen wir wieder. Dass es beim ZSC existiert, hat die Vergangenheit gezeigt.» Er steht auf, rückt auf dem Tisch die Agenda zurecht: schwarzes Leder, dazu das ZSC-Logo und die Inschrift «Schweizer Meister 2014». (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.10.2017, 10:27 Uhr

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