Als Orlando für Ehrfurcht sorgte

Mit einem Sieg über Rapperswil-Jona können die SCL Tigers am Donnerstag in der ausverkauften Ilfishalle in die NLA aufsteigen. Es wäre die vierte Promotion in die höchste Spielklasse. Ein Rückblick.

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Andreas Beutler erzählt von diesem Spiel, als wäre es gestern gewesen: «Ich lief nach vorne, spielte die Scheibe Gaetano Orlando zu, der passte weiter zu Marc Bühlmann, und der traf. Nach diesem Tor sind im Stadion alle Dämme gebrochen.» Der frühere Verteidiger und heutige Trainer des 1.-Liga-Klubs Brandis spricht über den Treffer, der Langnau im Frühjahr 1998 nach zehn Jahren in der NLB und gar der 1. Liga zurück in die höchste Spielklasse führte. 3:2 nach Verlängerung gewannen die Emmentaler gegen Herisau und verdrängten die Appenzeller in die Zweitklassigkeit.

Für Beutler war erwähntes Spiel Derniere und Premiere zugleich: Nach dem Aufstieg mit Langnau beendete der Stadtberner seine von Erfolg gekrönte Karriere – dreimal hatte er mit dem SCB den Meistertitel gewonnen. «Jedoch hatte ich das Pech, dass ich zweimal in Lugano und einmal in Freiburg Meister wurde», sagt er und schmunzelt. Deshalb habe er die Stimmung 1998 in Langnau umso mehr genossen.

Orlando als Transfercoup

Dabei hatte Langnau die Qualifikation lediglich auf Platz 4 beendet, steigerte sich in den Playoffs allerdings gewaltig. Beutler nennt zwei Schlüsselsituationen, die für einen entscheidenden Ruck in der Mannschaft sorgten: Im Playoff-Halbfinal waren die Emmentaler im 5. und letzten Spiel in Chur nach 40 Minuten 0:2 hinten gelegen, ehe Kevin Schläpfer (2 Tore) und der Frankokanadier Mario Doyon für die Wende sorgten. «Wenn du so etwas erlebst, glaubst du nur noch ans Gewinnen», sagt Beutler.

Und dann sorgten die Emmentaler vor der Aufstiegsrunde gegen Herisau und La Chaux-de-Fonds für einen Transfercoup: Vom in den Playoffs ausgeschiedenen SCB verpflichteten sie Gaetano Orlando, einen leidenschaftlichen Vorkämpfer, der weder den Gegner noch sich schonte. Als der Italokanadier erstmals die Langnauer Kabine betreten habe, seien einige Spieler vor Ehrfurcht erstarrt, erzählt man sich heute. «Gates hatte unglaubliches Leadership, man musste ihn nach dem Training vom Eis jagen», erzählt Beutler, der heute vor dem TV mitfiebern wird.

Wechselvolle Jahre

Siegen die SCL Tigers heute gegen Rapperswil-Jona, steigen sie zum 4. Mal in der 69-jährigen Klubgeschichte in die NLA auf. Es werden Erinnerungen an das Langnauer Team der Saison 1986/1987 wach: Dieses gewann in der NLB-Qualifikation 29 von 36 Spielen und realisierte zwei Jahre nach dem erstmaligen Abstieg in die Zweitklassigkeit den Wiederaufstieg. Als Stars figurierten Merlin Malinowski und Spielertrainer Paul-André Cadieux.

Stefan Hutmacher, der von 1978 bis 1991 für Langnau spielte, sieht Parallelen zwischen dem jetzigen Team und jener Equipe. «Es lief damals vieles für uns, und die Mannschaft war gut.» Allerdings war das Glück von kurzer Dauer: Ein Jahr später mussten die Emmentaler wieder den Gang in die Zweitklassigkeit antreten, und in der Folge stiegen sie gar zweimal in die 1. Liga ab. «Wir haben damals kaum neue Spieler geholt, die NLA-Equipe war nicht viel stärker als jene, welche aufgestiegen war», sagt Hutmacher.

Anders lief es für die Langnauer nach der erstmaligen NLA-Promotion 1961: Sie hielten die Klasse 24 Jahre lang, feierten mit dem Meistertitel 1976 den grössten Erfolg in der Vereinsgeschichte. Man darf gespannt sein, welches Kapitel die Emmentaler der Historie am Donnerstagabend hinzufügen werden.

Tinu Heiniger will neuen Song komponieren

Bernerzeitung.ch/Newsnet hat mit vier Emmentaler Persönlichkeiten über ihre Beziehung zu den SCL Tigers gesprochen:

Tinu Heiniger, Mundartsänger: «In Langnau ist es so: Wenn die SCL Tigers gewinnen, sind die Leute glücklich. Verliert die Mannschaft, gehen die Leute am Montag unmotiviert zur Arbeit. Für mich war der Abstieg vor zwei Jahren eine Katastrophe. Ich fuhr damals mit dem Zug von Langnau nach Burgdorf, die Stimmung war wie während einer Beerdigung. Jetzt ist die Euphorie riesig; auch ausserhalb des Emmentals drücken uns viele die Daumen. Es ist noch fast intensiver als 2011, als wir die Playoffs erreichten. Zuletzt habe ich wenig Spiele im Stadion gesehen. Am Montag war ich beim Wandern, ein Journalist musste mich mit SMS vom Geschehen in Rapperswil informieren. Mein Puls war ziemlich hoch – aber nicht wegen der sportlichen Betätigung.

Ich bin im Dorf aufgewachsen, als Bub stand ich mit der Treichel hinter dem Tor. Mit Meisterspielern wie Simon Schenk und Fritz Lehmann ging ich zur Schule. Nach dem Titelgewinn 1976 schrieb ich den Song «Hopp Langnou». Ich verspreche: Steigt die Mannschaft auf, versuche ich, ein neues Lied zu komponieren. Wenn es gut kommt, nehme ich es auf.»

Matthias Sempach, Schwingerkönig: «Ich habe sämtliche Spiele in dieser Ligaqualifikation gesehen und sage gerne: Diese Langnauer gefallen mir. Das Team harmoniert und hat mit Chris DiDomenico eine richtige Kampfsau in den eigenen Reihen. Die Kampfkraft der Mannschaft ist auffällig, jeder Spieler wirft sich in Schüsse, ohne Rücksicht auf Verluste. Diesen absoluten Willen habe ich bei den Rapperswilern bisher nicht gesehen. Das hat nach den vielen Niederlagen in dieser Saison wohl auch mit einem mentalen Problem zu tun. Vielleicht hat den SCL Tigers die Zeit in der NLB sogar gutgetan. Sie haben sich ans Siegen gewöhnt, das ganze Umfeld strahlt Selbstvertrauen aus. Früher war das anders: Spielte das Team schlecht, dachten im Stadion alle negativ.

Vor drei Jahren absolvierte ich mit der Langnauer Mannschaft ein Schwingtraining. Die Moggi-Zwillinge sind meine Freunde und Mitglieder meines Fanclubs. Am Donnerstagabend werde ich im Stadion sein, das «Tiger-Hemmli» anziehen. Steigt das Team auf, werde ich mitfeiern. Ich hätte doppelt Grund dazu – am Freitag werde ich nämlich 29.»

Michael Horisberger, Meisterspieler 1976: «Ich habe in Langnau vieles erlebt. Ich wurde Meister, stieg auf, war Junioren- und Assistenztrainer. Eine Zeit lang nahm ich etwas Abstand vom Klub, jetzt aber verfolge ich das Geschehen wieder intensiver. Vor einigen Wochen sah ich ein Heimspiel gegen Thurgau, damals war die Leistung noch himmeltraurig. Zuletzt aber hat sich das Team quasi von Spiel zu Spiel gesteigert – ein gut funktionierendes System ist ersichtlich. Es macht wieder so richtig Freude, Fan dieser Mannschaft zu sein.

Als wir Meister wurden, bestand das Team fast ausschliesslich aus Einheimischen. Nach einem schwachen Spiel ging man tags darauf mit einem sehr mulmigen Gefühl ins Dorf – da kriegte man einiges zu hören. Das ist heute natürlich etwas anders. Aber ein Aufstieg würde der ganzen Region guttun und bei vielen Emmentalern sogar das Selbstwertgefühl stärken. Als Metzgermeister mit eigenem Geschäft ist für mich klar: Kehren die Langnauer in die NLA zurück, werde ich eine spezielle Aufstiegswurst kreieren.»

Mario Schöni, Kultfan «Zöggeler»: «Ich bin sicher: Wir schaffen es! Ein richtiger Fan glaubt an sein Team, ein richtiger Fan hat keine Angst. Ich unterstütze die Langnauer seit 40 Jahren. Früher war ich an jedem Match dabei. Einmal zog ich meine Holzzoggeln aus, nahm sie in die Hände und klatschte; es ging mir darum, die Jungs auf dem Eis wachzurütteln. Irgendwie wurde das zum Kult, und mich nannte man «Zöggeler». Ich bin zwar nicht mehr so ein wilder Hund wie früher, gehe aber immer noch mit. In den letzten Spielen habe ich so laut geschrien, dass meine Stimme den Geist aufgegeben hat.

Als die Tigers vor zwei Jahren abgestiegen sind, ist für mich keine kleine, sondern eine grosse Welt zusammengebrochen. Dass der Klub nicht auseinandergefallen ist, verdient Respekt. Den einen oder anderen Spieler kenne ich gut, ich versuche, allen bei jeder Gelegenheit Mut zu machen. Ich hoffe, dass Langnau das vierte Spiel gewinnt – und es in der Schlussphase nicht wieder unnötig spannend macht. Denn dieses Mitleiden und Mitzittern tut meinem Herz nicht gut. Nicht nur die Spieler, auch ich brauche Ferien.»

SCL Tigers - Rapperswil: Verfolgen Sie am Donnerstagabend ab 19.45 Uhr unseren Liveticker. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.04.2015, 11:59 Uhr

Ligaqualifikation

Die SCL Tigers absolvierten gestern in Langnau eine 45-minütige Einheit. Kein Witz: 20 Kilometer entfernt trainierten die Rapperswil-Jona Lakers, die St.Galler waren am Dienstag nach Burgdorf gereist, um sich aufs vierte Spiel vorzubereiten. Übernachtet wurde im Hotel auf der Moosegg. Bei den Lakers geht es drunter und drüber: Am Montag war es zu Fan-Ausschreitungen gekommen, Präsident Lucas Schluep verliess das Stadion unter Personenschutz. Im Internet wurde er bedroht. «Zum Schutz seiner Person und mit Rücksicht auf seine Familie tritt Lucas H. Schluep rück. Wo persönliche Integrität nicht gewahrt wird und Familienangehörige verleumdet werden, ist die Grenze des Zumutbaren überschritten», teilte der Verein gestern mit. In einem Interview mit «Radio Central» dementierte Verwaltungsrat Konrad Müller das Gerücht, Schluep sei gegenüber einem Sponsor handgreiflich geworden.

Bei den Rapperswil-Jona Lakers – Ex-SCB-Stürmer Nicklas Danielsson sitzt seine letzte Sperre ab – liegen die Nerven blank. In Langnau herrscht derweil Euphorie. Die Partie ist seit Tagen ausverkauft, im Internet werden Stehplatztickets für 120 Franken angeboten. phr

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