Handball-Zürich steht vor einem Neustart

Morgen beginnt in der Schweiz die Meisterschaft. GC Amicitia startet mit neuer Führung und neuer Hoffnung in die Saison.

«Coming Home»: Präsident Philip Hohl will die Zürcher Handball-Familie reaktivieren. Foto: Reto Oeschger.

«Coming Home»: Präsident Philip Hohl will die Zürcher Handball-Familie reaktivieren. Foto: Reto Oeschger.

Der letzte Schritt war klar: «Du musst Präsident werden», sagten die Kollegen, die zur Mitarbeit bereit waren. «Dich kennt man.» Weil Philip Hohl selber bei GC Handball gespielt hat, aber vor allem, weil der Name Hohl mit den ganz grossen Zeiten von GC eng verbunden ist. Philips Vater Jürg Hohl (72) war als Spieler des Rekordmeisters bei 15 Titeln als treibende Kraft dabei.

Also wurde Philip Hohl, einst NLA-Linksaussen, am 5. Juni dieses Jahres zum Präsidenten von GC Amicitia Zürich gewählt. Er wird unterstützt von Simon Massari, Sascha Schönholzer und als Sportchef von Gian Grundböck. Alles Leute, die eine Vergangenheit im Zürcher Handball haben. Nun sollen sie dafür sorgen, dass diese Sportart in Zürich auch eine Zukunft hat.

Noch 2016 war das NLA-Team in den Fängen von Carlo Häfeli, der den FC Biel in Grund und Boden wirtschaftete und auch bei den Handballern kaum etwas von dem hielt, was er versprochen hatte. Der Nächste, der die erste Mannschaft präsidieren und führen sollte, trat – kaum hatte er sein Amt angetreten – wieder zurück (Beat Anliker).

In der letzten Saison war die erste Mannschaft gar ohne Präsident – und stand am Abgrund. Im Playoff gegen den Abstieg lagen die Zürcher gegen den TV Endingen in der Best-of-five-Serie 0:2 zurück. Eine Niederlage mehr – und zum ersten Mal in der Geschichte des Schweizer Hallen-Handballs hätte Zürich keinen Club mehr in der NLA gehabt. Die Zeit und ein Trainerwechsel sprachen doch noch für GC Amicitia, das sich mit drei Siegen in Folge rettete.

Ein Budget von 650'000 Franken

Über 1300 Zuschauer kamen zum entscheidenden Match in die Saalsporthalle, was zeigte, dass Handball in Zürich durchaus eine Chance hat.

Die wollen nun Philip Hohl (40) und seine Mitstreiter nützen. «Keiner von uns bringt eine Million mit, wir machen das alles ehrenamtlich.» Massari zum Beispiel ist in St. Gallen Leiter der United School of Sports, Hohl Mitinhaber einer Onlineagentur, die sich auf das Platzieren von Werbung in redaktionellem Umfeld spezialisiert hat. «Das Budget für die 1. Mannschaft beträgt 650'000 Franken, daran werden wir uns halten», sagt Hohl.

Zusammen mit andern Handballern hat er schon einmal höchst erfolgreich einen Club positioniert. Handball in Küsnacht gibt es nur dank früherer NLA-Spieler, die etwas und sich selber bewegen wollten. Sie gründeten den HC und machten als Plauschmannschaft Furore, die sich 2016 als Drittligist im Cup für die Viertelfinals gegen den TV Endingen aus der NLB qualifizierte. Dass die Küsnachter dann an ihre Grenzen stiessen, war keine Überraschung.

«Aber das Allmendli in Erlenbach war übervoll», erinnert sich Hohl. So um die 450 Zuschauer wurden gezählt. «So etwas könnte man doch auch in Zürich wieder erreichen», denkt er. 450 – das wären immerhin mehr als doppelt so viele wie in der letzten Saison von GC Amicitia und ein gutes Zeichen zum Neuanfang.

Die Handball-Familie im Vordergrund

Küsnacht-Präsident Patrick Hüppi, ehemaliger GC-Spieler und -Präsident, hatte den Anstoss gegeben, mit ähnlichem Elan wie beim HC auch in Zürich einzusteigen. Hohl und seine Kameraden hätten bei GC Amicitia auch übernommen, wenn der Verein in die NLB abgestiegen wäre. «Das hätte aber einen Neuaufbau der Mannschaft bedingt», sagt er.

So ging und geht es nun «nur» darum, die Skepsis aus den vergangenen Jahren zu beseitigen. «GC Amicitia hat an Ausstrahlung verloren. Der Club war lange führungslos. Und wo keine klare Aufgabenteilung vorhanden ist, herrscht Chaos», sagt der neue Präsident.

Die Strategie, die zur erfolgreichen Wende führen soll, heisst «Coming Home». Nicht nur in der Führung sollen Leute engagiert sein, die mit dem Zürcher Club verbunden sind. All die Handballer aus der Stadt und der Umgebung sollen den Weg wieder in die Saalsporthalle finden. «Es gibt die Leute, die bereit wären, zu kommen. Die wollen wir mobilisieren.» Nichts Verrücktes müsse man machen. Es geht darum, die Handball-Familie wieder zu aktivieren, sie erneut in den Vordergrund zu rücken.

Es verträgt keine Führung, die nach drei Monaten geht

GC Amicitia benötigt dazu aber auch eine Mannschaft, die besser auftritt als zuletzt. Und die Verantwortlichen im Verein müssen Geduld haben. «Es verträgt nicht noch einmal eine Führung, die schon nach drei Monaten abhaut», weiss Hohl.

Auf der sportlichen Seite haben die Zürcher trotz ihrer bescheidenen Mittel einige erstaunliche Verpflichtungen tätigen können. Mit Nikola Marinovic kam aus Schaffhausen ein 42-jähriger Goalie, der trotz seines Alters in der NLA zu den besten gehören dürfte; mit Albin Alili ein 22-jähriger Nationalspieler aus der Innerschweiz; mit Mathias Kasapidis (32) ein erfahrener Kreisläufer aus Winterthur, mit Jost Brücker eine Variante auf Linksaussen. Sergio Muggli hat sich definitiv von seinem Kreuzbandriss erholt. Das Team selber hat sich einen Platz unter den ersten sechs zum Ziel gesetzt. Die Konkurrenz aber scheint so ausgeglichen wie noch nie.

Nicht grossspurig wie in der Vergangenheit, sondern mit Engagement, fairer und offener Kommunikation will die neue Führungscrew ihre Ziele erreichen. Wenn Hohl sagt, dass jeder Spieler, der unter Vertrag ist, entweder arbeitet, studiert oder ein Praktikum ausübt, dann belegt das: Der Zürcher Handball steht wieder mit beiden Füssen fest auf dem Boden.

Perspektiven für eigene Talente wie Kai Klampt

Und bietet somit nicht zuletzt wieder Perspektiven für eigene Talente. Wie für den Doppelbürger Kai Klampt. Mit dem Linkshänder gewann Japan in diesem Sommer erstmals an einer Asien-Meisterschaft im Nachwuchs eine Medaille (Silber), die Japaner treten an der nächsten Weltmeisterschaft auf. Der noch nicht 20-jährige Klampt ist ein «Diamant» (Hohl), der unter Trainer Norman Kietzmann weitere Fortschritte machen soll. In den Partien gegen den Abstieg war Klampt bereits eine wichtige Stütze.

2005 spielte Hohl seine letzte NLA-Saison. «Wer hätte gedacht, dass ich 13 Jahre später wieder eine volle NLA-Saison vor mir habe. Ich freue mich riesig darauf.» Eine Pause allerdings wird er haben, kaum hat die Meisterschaft begonnen: Einen Tag nach dem Startspiel vom Sonntag gegen St. Otmar St. Gallen geht es ab in die Ferien – mit der anderen Familie: Mutter, Vater und Schwester.

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