Der Hüne findet die Balance

Matthias Gerlich hat sich beim BSV Bern schnell akklimatisiert. Der 2,04 Meter grosse deutsche Rückraumspieler geniesst das Ambiente in der Schweiz und hat mit den Bernern hohe Ziele.

Ein Baum von einem Mann: BSV-Rückraumspieler Matthias Gerlich fühlt sich wohl in der Schweiz.

Ein Baum von einem Mann: BSV-Rückraumspieler Matthias Gerlich fühlt sich wohl in der Schweiz.

(Bild: Raphael Moser)

Adrian Lüpold

Als Matthias Gerlich 13 oder 14 Lenze zählte, stand sein rumänischer Turnlehrer Pate für die spätere Karriere als Leistungssportler. «Er meinte, ich solle es doch mit Handball versuchen, da hätte ich vielleicht das grösste Potenzial.» Der sportverrückte Gerlich, schon damals der Längste in seiner Schulklasse, offenbarte zu jener Zeit aber auch eine Begabung im Tennis, überdies wusste er durchaus behände mit dem Fussball oder dem Eishockeypuck umzugehen.

Jene polysportiven Veranlagungen kamen Gerlich zupass, als er den Rat seines Lehrers befolgte, sich im Handball versuchte und schon in den ersten Einheiten spürte, wie natürlich das sich für ihn alles anfühlte. «Leistungsmässig ging es nirgends so schnell vorwärts wie im Handball. Ich schaffte es relativ schnell von der Bezirksklasse bis in die Landesauswahl», sagt der 2,04-Meter-Hüne.

Im Sportgymnasium gereift

Gerlich entpuppte sich gar als derart begnadet, dass er als 16-Jähriger an ein Sportgymnasium wechseln durfte. Er verliess seinen Heimatort Landsberg am Lech, zog vom Allgäu im Süden Deutschlands ins etwa 500 Kilometer entfernte Magdeburg, die Hauptstadt von Sachsen-Anhalt. «Als schüchterner Junge lernte ich schnell, selbstständig zu werden und ab und zu auch die Ellbogen einzusetzen. Das war gut für mein Selbstbewusstsein», sagt Gerlich. Nach dem Abitur diente er als Sportsoldat, ehe die Karriere Fahrt aufnahm.

Via TUSEM Essen (2. Bundesliga) und Hüttenberg (1. Bundesliga) landete der wurfgewaltige Rechtshänder 2012 beim europäischen Spitzenclub Rhein-Neckar Löwen. «Ich wollte nie den bequemen Weg gehen, sondern suchte neue Her­ausforderungen», erklärt der neben dem Sportplatz sanft wirkende Riese. Bei den Löwen mutete die Konkurrenzsituation indes brutal an. Die Einsatzzeiten waren spärlich, Gerlich stiess an seine sportlichen Grenzen. Anfang 2014 ging er deshalb eine Stufe zurück in die 2. Bundesliga, welcher er in den letzten vier Jahren den Stempel aufdrückte. Ob in Leipzig, Coburg oder zuletzt in Eisenach, die Torquote war immer überdurchschnittlich – Gerlich warf im Schnitt 175 Treffer pro Saison.

«Ich hatte Lust, meine Komfortzone zu verlassen.»Handballer Matthias Gerlich

Das Abenteuer BSV

Ein Fakt, den BSV-Bern-Coach Aleksandar Stevic kannte. Stevic, der als Aktiver selbst in Deutschland gespielt hatte, fragte beim ehemaligen Gegenspieler nach, ob er sich ein Engagement in der Schweiz vorstellen könne. «Dieses Abenteuer reizte mich. Ich hatte Lust, meine Komfortzone, die 2. Bundesliga, für etwas Neues zu verlassen», sagt der 30-Jährige. Er wagte den Schritt, heuerte beim BSV an, wo er im linken Rückraum auf Anhieb eine Schlüsselrolle einnahm, als Referenz in den ersten sieben Meisterschaftsspielen 37 Tore warf und seine Equipe auf den zweiten Zwischenrang führte.

«Ich fühle mich wohl im Team, geniesse die bergnahe Region und die Freundlichkeit der Menschen», sagt Gerlich, der mit seiner Freundin in Boll-Vechigen wohnt. Auch die Tatsache, in einer ersten Liga eine gute Rolle zu spielen und auf europäischem Parkett agieren zu dürfen, sei reizvoll, sagt der Musterprofi, der in Bern einen Kontrakt über drei Jahre unterzeichnet hat. «Ich will etwas erreichen. Es wäre doch was, wieder einmal einen Titel, zum Beispiel jenen im Cup, nach Bern zu holen», sagt Gerlich.

Dafür lebt er, dafür stellt er sich in den Dienst des Teams: «Du bist ein guter Handballer, wenn du den Blick für den Nebenmann hast und auch hart für ­deine Mitspieler arbeitest», sagt Gerlich, der diese Balance auf dem Parkett meistens spielend hinkriegt. Mit seiner Routine, der Wurfkraft und seinem sympathischen, ruhigen Wesen ist Gerlich eine im wahrsten Sinn des Worts grosse Bereicherung für den BSV.

Berner Zeitung

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