Zeit für mehr «Bam, bam, bam»

Nabil Bahoui trat in Hip-Hop-Videos auf, wurde von Christian Gross in die Wüste gelockt und sucht nun bei GC nach alter Stärke.

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Florian Raz@razinger

Da muss ein Missverständnis vorliegen. Hat nicht Thorsten Fink eben erst von einem «ruhigen, jungen Mann» gesprochen, an den es «nicht so einfach ­heranzukommen» sei? Hat der Trainer der Grasshoppers nicht gemeint, dieser Nabil Bahoui sei ihm «zu sehr in sich gekehrt»? Knappe zehn Minuten später sitzt ein 27-Jähriger da – und erzählt und sprudelt fast über, als er seine Geschichte schildert. «Bam, bam, bam», sagt der Schwede jeweils, wenn er schnelle Sprünge in seinem Leben untermalen will.

Wie damals, als Bahoui mit seinen Kumpels als Teenager im Winter in Turnhallen einstieg, um Fussball spielen zu können: «Wenn der Alarm losging, rannten wir.» Einer durchs Fenster rein, Tür auf, kicken – fliehen. «Bam, bam, bam.»

Er erzählt vom Aufwachsen in einem Aussenquartier Stockholms, in dem 60 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund mitbringen. Wie Bahoui selbst, der ein Sohn marokkanischer Einwanderer ist: «Ich sage nicht, dass es eine harte Gegend ist. Aber es ist dort sicher einfacher, auf die schiefe Bahn zu geraten, als den richtigen Weg zu wählen.»

Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen: Bahoui ist dem Ort treu geblieben. Hier besitzt er eine Wohnung, in der nun seine Schwester wohnt, ein paar Meter Luftlinie entfernt von seinen Eltern. Auf seinen Schuhen ist das Wort «Guldish» eingestickt: der von Rappern geprägte Slang-Name des Quartiers.

Abhängen mit 50 Cent

Sowieso Rap. Beiläufig erwähnt er, wie er in zwei Videos der schwedischen Hip-Hopper Ison & Fille aufgetreten ist, und wie er in Stockholm Backstage mit dem US-Rapper 50 Cent abhing.

Und wie passt das nun alles dazu, dass ihn Trainer Fink als jemanden beschreibt, der zu wenig aus sich herauskommt? ­Bahoui blickt nur kurz überrascht. Dann sagt er: «Das passiert häufiger. Leute schauen mich an und denken, ich sei verärgert oder abweisend, obwohl ich das gar nicht bin.»

2016 ????

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Nabil Bahoui feiert mit 50 Cent Sylvester. Quelle: Instagram

Alles also tatsächlich bloss ein Missverständnis? Sie sind jedenfalls nicht so selten in Bahouis Leben, die Missverständnisse und Fehleinschätzungen. Er sagt: «Wäre ich nicht Fussballer geworden, hätte ich gerne mit Kindern gearbeitet, die Probleme bekommen, weil sie missverstanden werden.» Bahoui kennt dieses Gefühl. Auch er fühlt sich häufig nicht verstanden.

Und weit entfernt davon, sich bei der Arbeitsvermittlung zu melden, war er auch nicht. Er war in die 3. schwedische Liga versetzt worden, als er 2011 bei einem Flügellauf über ein Kind stolperte. Zwei Jahre zuvor hatte er als 17-Jähriger nach seinem ersten Tor in der höchsten Liga noch getönt, er werde der nächste Zlatan Ibrahimovic – eine dieser Fehleinschätzungen. Und jetzt trat er auf Plätzen an, über die während der Partie fröhlich spielende Kinder tollten?

Plötzlich neben dem Idol

Das ist der Moment, in dem sich Bahoui entschied, noch einmal alles in den Fussball zu legen. Er erkämpft sich in der zweithöchsten Liga einen Platz – und vor ­allem schiesst er als Flügelspieler Tor um Tor. 15 sind es Ende Saison.

Danach wieder: «Bam, bam, bam.» Der Vertrag bei Schwedens populärstem Club AIK Solna, Stammplatz, die Berufung ins Nationalteam: «Meine zwei Vorbilder sind Ronaldinho und Ibrahimovic. Und da stehe ich plötzlich mit meinem Idol in der gleichen Garderobe.»

Bahoui ist der Shootingstar, im Nationalteam gilt er mit Emil Forsberg als Flügelzange der Zukunft. Nur etwas klappt nie so richtig: der Wechsel ins Ausland. Mal rufen nicht die richtigen Clubs an, mal verlangt AIK eine zu hohe Ablöse. Bis im Sommer 2015 Christian Gross in Stockholm auftaucht.

Der Zürcher will Bahoui unbedingt nach Saudiarabien zu al-Ahli holen. Er verspricht, sich um ihn zu kümmern: «Auf und neben dem Platz.» Er unterstreicht die monetären Vorteile: «Er sagte, ich solle daran denken, was ich für meine Eltern tun könnte. Er versprach, dass ich nach einem Jahr ablösefrei gehen dürfe.» Der ehemalige GC-Trainer überzeugt Bahoui, al-Ahli überweist drei Millionen Dollar an AIK.

Gross hält Wort, er lebt Tür an Tür mit Bahoui. Und wenn Real Madrid ein Tor erzielt, dann eilt er mit dem Laptop hinüber, um die Laufwege von Gareth Bale aufzuzeigen. Aber zehn Liga­spiele und null Tore später ist das Abenteuer am Roten Meer beendet. Wieder so ein Missverständnis.

Das nächste folgt sogleich. Der HSV holt ihn ablösefrei im Winter. Danach steht er in eineinhalb Jahren bloss 277 Minuten auf dem Feld. In Hamburg erzählen sie von einem talentierten Spieler, der aber irgendwie nie den nötigen Biss entwickelt. Bahoui schildert verpasste Chancen und Trainerwechsel zum falschen Zeitpunkt.

Yakin kritisierte ihn

Darum also der Wechsel zu GC im letzten Sommer. Und wieder: Missverständnisse, falsche Erwartungen, schlechte Kommunikation. Trainer Murat Yakin sortiert ihn aus, kritisiert seine taktische Ausbildung, sucht nach kleinen Fehlern. Bahoui meint: «Es war nicht korrekt. Mehr mag ich dazu nicht sagen.»

Immerhin, dank seiner Flucht zu AIK im Winter spielt er regelmässig. Er sammelt in elf Spielen fünf Skorerpunkte. Entsprechend fühlt er sich bei seiner Rückkehr zu GC im Sommer erstmals seit drei Jahren im Rhythmus und erzielt in den ersten fünf Ligaspielen drei Tore. Er weiss selber, dass es an der Zeit war, dass es mal wieder «bam, bam, bam» macht.

Wenn er in Schweden ist, wird er manchmal gefragt, ob er nicht gescheitert sei. Nabil ­Bahoui hat seine Antwort ­gefunden: «In meinem Block waren wir 15 Freunde, die alle Fussball gespielt haben. Ich ­hatte sicher nicht das meiste Talent. Aber ich bin der Einzige, der sein Geld mit Fussball verdient.» Das nächste Mal am Sonntag in Luzern.

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