YB-Schlüsselfigur Fredy Bickel polarisiert

Für die einen ist Fredy Bickel der beste Sportchef der Schweiz, für andere ein Geldvernichter. Der 50-Jährige profitiert vom fragilen Vereinskonstrukt, wird kaum kontrolliert und hat sich eine gefährliche Machtfülle erarbeitet.

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Fabian Ruch

Geht es um YB, regieren die Gefühle. Die Diskussionen werden hochemotional geführt, es gibt 1000 Meinungen, der Strauss an Standpunkten ist kunterbunt. Und läuft es dem Verein nicht gut (was vorkommen soll), entpuppen sich viele als ausgesprochen scharfe Kritiker. Es ist schick, über YB vom Leder zu treten.

Besonders umstritten in den Foren und Leserkommentaren, an den Stammtischen und Bierständen ist Fredy Bickel. Für die einen ist der Sportchef ein Heilsbringer, für andere ein Scharlatan. Mit dem «Blick» steht Bickel seit langem auf Kriegsfuss, die Fehde landete vor Gericht, die Kampagne der Boulevardzeitung war und ist heftig. Bickel lässt sich nicht beirren, er geht seinen Weg. Meistens spricht er leise, manchmal wirkt er fast zart. Die meisten wären ob des Drucks zerbrochen. Bickel ist hart. Und sensibel.

Bickel ist eine kontroverse Figur. In jeder Beziehung.

Manipulativ und herzlich

Mit dem YB-Schreibenden der Berner Zeitung sprach Bickel nach dessen erster Amtszeit in Bern jahrelang nicht, die Artikel über das Gebaren des Sportchefs bei den Young Boys vor über 10 Jahren sorgten für Funkstille. Der «Blick» wärmte die Vorwürfe bezüglich Amtsmissbrauch, Urkundenfälschung und ungeklärter Geldflüsse immer wieder auf.

Also: Fredy Bickel hat Fehler gemacht, nicht nur harmlose, er gab und gibt gerne viel Geld aus als Sportchef. Jene, die es böse mit ihm meinen, nennen ihn manipulativ, intrigant, hinterlistig. Jene, die ihn mögen, sagen, er sei liebenswürdig, smart, herzlich. Mal wird er als Geldvernichter verschrien, mal als «bester Sportchef der Schweiz» gepriesen, wie kürzlich von YB-Besitzer Andy Rihs in der «SonntagsZeitung».

Messias und Mischler

Bickel kann den Leuten den Schmus bringen, wie man sagt. Menschenfreund? Menschenfänger? Vielleicht beides. Er ist ein Vollprofi, immer beim Team und beim Training, bei jedem Test und jeder Hotelübernachtung dabei, er ist stets erreichbar, nimmt sich Zeit für Angestellte, Berater, Journalisten. Er ist ehrlich, authentisch, freundlich, hört man vom Engelchen, während das Teufelchen auf der anderen Schulter ruft, Bickel lüge, verführe, hintertreibe.

Der «Fall Dzemaili» war so ein Beispiel vor wenigen Wochen. Der «Blick» schrieb, Bickel habe Blerim Dzemaili einen Zehnjahresvertrag bei YB angeboten, 5 Saisons als Spieler, 5 Jahre in noch zu definierender Funktion im Anschluss an die Karriere. Der Aufschrei nicht nur bei YB war riesig, Bickel dementierte, Dzemaili twitterte, das stimme nicht – und doch heisst es weiter hartnäckig, Bickel habe Dzemaili dieses Versprechen gegeben.

Dabei wäre es gar nicht so dumm, Dzemaili auf diese Weise nach Bern zu locken. Es wäre halt bloss abenteuerlich. Bickel ist ein Meister der vielen kleinen Deals, exzellent vernetzt, und er ist, auch wenn es andere Voten geben mag, ein ausgezeichneter Kaderbauer, vorbereitet auf Abgänge. Diese Qualität stellte er beim FC Zürich unter Beweis, als er mit Trainer Lucien Favre (Nörgler sagen: dank Lucien Favre) eine Meistermannschaft aufbaute, die drei Titel gewann. Und bei YB ist er seit zweieinhalb Jahren mit Kompetenz dabei, ein Team zu formen, das endlich einen Pokal holen kann.

Der schöne Dreijahresplan

Bickel ist ein Schnelldenker, oft einen Schritt voraus. Unbestritten ist, dass er YB nach schweren Zeiten in ruhigere Gewässer geführt hat. In der «Phase 3» wurden teure Spieler dank den Rihs-Millionen konzeptlos engagiert, unter Bickel machen die Transfers dank den Rihs-Millionen oft Sinn. Es ist ihm einzig noch nicht gelungen, einen stilprägenden zentralen Mittelfeldspieler, wie es Dzemaili ist, als Veredelung des Kaders zu engagieren.

Der Zürcher hat auch im Nachwuchsbetrieb vieles in die Wege geleitet, er arbeitet hart und ist in seinem schönen Dreijahresplan auf Kurs, 2016 soll ein Titel folgen. 2013/2014 gelang der Sprung von Rang 7 auf 3, letzte Saison der Aufstieg auf Position 2 – und vor dieser Spielzeit setzte auch diese Zeitung das prächtig besetzte YB in der Prognose auf Rang 1.

Die Jünger des Sportchefs

Im Kader der Young Boys hat es Talente wie Yvon Mvogo, Florent Hadergjonaj, Renato Steffen oder Grégory Wüthrich, die einmal teuer verkauft werden können. Und selbst die sechs Millionen Franken, die für Loris Benito und Miralem Sulejmani ausgegeben wurden, sind keineswegs verloren – selbst wenn die beiden als Reservisten von Benfica Lissabon und mit erheblicher Verletzungsgeschichte geholt wurden und nicht fit sind. Im überhitzten Tagesgeschäft Fussball wird schnell ein Urteil gefällt, der Stammtisch kennt keine Geduld.

Am meisten diskutiert wird die Machtfülle, die sich Bickel bei YB aufgebaut hat. Befürworter finden, es sei das gute Recht, habe der 50-Jährige zahlreiche langjährige Wegbegleiter in wichtigen Funktionen angestellt. Kritiker monieren, das sei gefährlich. Assistent Harald Gämperle, Konditionstrainer Martin Fryand, Torhütercoach Paolo Collaviti, Nachwuchschef Ernst Graf, die Nachwuchscoaches Erich Hänzi, Joël Magnin und André Niederhäuser sowie Scoutingchef Stéphane Chapuisat beispielsweise kennt Bickel wie mehrere Fussballer seit Jahren. Die Vertragsverlängerung mit Alain Rochat, schon früher bei YB und dem FCZ unter dem Sportchef, verstanden viele nicht. Aber ist es nicht normal, stellt ein Sportchef Leute ein, denen er vertraut?

Das kann zu Betriebsblindheit führen. Keiner widerspricht, der mächtige Bickel ist schier allmächtig. Läuft es, wird all das nicht gross thematisiert. Menschen, die Bickel näher kennen, schwärmen von dessen menschlicher Art, er sei bodenständig, leutselig, interessant, trinke gerne guten Wein und möge (nicht für alle gute) Musik. Für einen wie Uli Forte aber, den vorgestern entlassenen Trainer, war es schwierig im Bickel-Clan. Assistent Gämperle war vor Forte engagiert worden, das ist ein ungewöhnlicher Vorgang.

Manche sagen, Bickel habe von Anfang an geplant, Gämperle als Cheftrainer zu installieren, sobald dieser die Uefa-Pro-Lizenz habe. Der Sportchef bevorzugt eine Schweizer Lösung, bei einem ihm unbekannten Trainer wäre sein Einfluss geringer. Murat Yakin wäre eine logische Wahl als nächster YB-Trainer.

Wer kontrolliert Bickel?

Noch heikler ist das fragile Konstrukt im Stade de Suisse. Wer kontrolliert eigentlich Bickel? Es hat keine dominante Figur an seiner Seite. CEO Alain Kappeler hat genug Baustellen im Stadion, um die er sich kümmern muss. Kaum einer weiss, wer gemäss Organigramm Vorgesetzter Bickels ist – als Delegierter des Verwaltungsrats wäre das Hanspeter Kienberger. Dieser mischt sich intern nicht ein und öffentlich schon gar nicht. Werner Müller ist nur Präsident der Betriebs-AG, die anderen Verwaltungsräte sind zu weit weg vom Tagesgeschäft. Rivale Basel ist professioneller organisiert, mit Präsident Bernhard Heusler und Sportdirektor Georg Heitz als Protagonisten.

Fredy Bickel ist umgeben von Ja-Sagern. Auch das muss kein Problem sein – wenn die Ergebnisse stimmen. Bickel hat (in seiner zweiten YB-Amtszeit) mehr Gutes als Schlechtes gemacht. Und vermutlich würde man über all das Widersprüchliche heute gar nicht reden und schreiben, wenn Bickel im Frühling auf sein Gefühl gehört hätte. Da war er längst nicht mehr von Forte überzeugt, aber er tut sich schwer mit Trainerentlassungen. Da zeigt sich seine weiche Seite. Dabei hätte er längst Urs Fischer, bei Zürich ebenfalls ein Mitstreiter Bickels, als bestmöglichen YB-Coach auserkoren gehabt. Der bei Thun erfolgreiche Fischer ging zu Basel.

Bickel gab Forte noch eine Chance und der Verein selbstbewusste Ziele heraus, man sprach dank des starken Kaders von Titelgewinnen – obwohl es schwere Vorbehalte gegen den Trainer gab.

Angenehmes Arbeitsklima

Nun muss die Trainerwahl Bickels passen. Aber es ist nicht sein Problem, wie YB aufgestellt ist. Er hat die Situation nur blitzschnell analysiert und ausgenutzt. Und viele Angestellte schwärmen vom angenehmen Arbeitsklima, Kritiker nennen das Wohlfühloase.

Bickels Plan kann immer noch aufgehen. Seine Arbeit wird am Erfolg gemessen.

Berner Zeitung

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