YB: Grosses Los, stiller Genuss

YB-Sportchef Christoph Spycher ist begeistert vom Los in der Champions League. Aber er verliert deswegen gewiss nicht die Bodenhaftung.

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Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Es ist nicht so, dass Christoph Spycher nervös wirken würde, und wenn doch, versteckt er die Anspannung gekonnt. Es ist kein alltäglicher Anlass, der für den Sportchef von YB bevorsteht. Er sitzt am Donnerstagabend im Foyer des Grimaldi-Forums von Mona­co, hat ein Glas Wasser vor sich und sagt: «Dortmund, das wäre ein wunderbares Los – und ein spezielles für Stéphane Chapuisat.» Der Chefscout der Berner hat eine glanzvolle Vergangenheit als Spieler bei Borussia.

Am Morgen ist Spycher via Zürich an die Côte d’Azur gereist, er taucht ein in eine Welt, zu der in dieser Saison auch die Young Boys gehören. Die Gruppen der Champions League werden ausgelost, und wenn das der Fall ist, lässt sich die Prominenz blicken. David Beckham taucht auf, Figo ist da, Peter Schmeichel fehlt so wenig wie Edwin van der Sar, die Liste der Altmeister liesse sich fast endlos fortführen.

Für die grossen europäischen Clubs ist das jährliche Prozedere Routine: Ihre Vertreter verbringen den Tag im Fürstentum, um zu erfahren, wohin die Reisen im Herbst führen. Und die Besten der vergangenen Saison sind ­eingeflogen worden, um Awards entgegenzunehmen. Mohamed Salah wird in der ersten Reihe platziert – und gleich hinter ihm Sergio Ramos. Salah ist der Stürmer von Liverpool, der im Champions-League-Final von Real-Haudegen Ramos so gefoult worden ist, dass er verletzt ausschied.

Auf der riesigen Leinwand werden Bilder der vergangenen Saison gezeigt, Tore, Emotionen, Spektakel. Dann betreten zwei Grössen die Bühnen, welche die Gruppen auslosen: der Brasilianer Kaká und der Uruguayer Diego Forlán. Gut eine halbe Stunde dauert es, bis das erste Team gezogen ist: Paris Saint-Germain aus Topf 1. Spycher muss sich gedulden, bis YB aus Topf 4 an der Reihe ist.

Bis dahin werden Auszeichnungen verteilt: Keylor Navas wird als bester Goalie der vergangenen Champions-League-Spielzeit ausgezeichnet, Ramos als bester Verteidiger. Es folgen Luka Modric, der später auch als Europas Fussballer des Jahres geehrt wird, als bester Mittelfeldspieler sowie Cristiano Ronaldo als bester Stürmer.

Es ist genau 19 Uhr, als Kaká schliesslich die Kugel öffnet, das Zettelchen herauszieht und in die Kamera zeigt: Young Boys. Forlán übernimmt, holt eine Kugel aus dem Pot, zeigt den Buchstaben «H» – und in diesem Moment ist klar, was YB erhalten hat: eine Gruppe, die mit Juventus Turin, Manchester United und Valencia kaum an Attraktivität zu über­bieten ist. «Spektakulär! Fantastisch!», sagt Peter Gilliéron, der Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes und Mitglied des Uefa-Exekutivkomitees. «Das freut mich enorm für YB.»

Als die Veranstaltung zu Ende geht, atmet Christoph Spycher einmal durch: «Wir dürfen uns auf grosse Spiele freuen.» Er hatte auf einen attraktiven Gruppenkopf gehofft, jetzt sind es gleich drei Gegner geworden, die immense Ausstrahlung haben. «Juventus ist seit Jahren führend in Italien, der Verein schlechthin der Serie A», sagt er, «und jetzt hat der Verein mit Cristiano Ronaldo noch einmal einen grossartigen Fussballer bekommen.»

Manchester United mit seinem charismatischen Coach José Mourinho ist für den YB-Sportchef «einer der Vereine, die den englischen Fussball massgeblich prägen und zu den bedeutendsten Clubs der Welt gehören.» Und der FC Valencia? «Die Mannschaft steht in Spanien vielleicht im Schatten von Barcelona und Real Madrid, ist aber wieder im Aufwind und pflegt einen sehr attraktiven Stil.»

Nun ist Spycher aber nicht einer, der die Bodenhaftung verlieren könnte. Er freut sich, ja, er geniesst auch, ja, aber er tut das still. Ihm ist sehr wohl bewusst, dass es «grosse Herausforderungen» zu meistern gibt. Dass die Champions League Begehrlichkeiten weckt. Dass es darum geht, die richtige Balance zu finden und die Super League deswegen nicht zu vernachlässigen. Aber er ist überzeugt: «Wenn wir so konsequent weiterarbeiten wie bis anhin, wird uns das gelingen.»

Sorgen, dass kurz vor Transferschluss noch einer seiner begehrten Spieler abspringt, macht er sich nicht. «Nein», sagt er, schaut auf die Uhr und lächelt, «wir gehen mit diesem Team in die nächsten Monate.» Und wenn er noch ein paar letzte Argumente gebraucht hat, um den einen oder anderen zu überzeugen, hat er sie jetzt: Sie heissen Juventus, Manchester United und Valencia.

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