YB: Früher – oder eben viel, viel später

Die Young Boys bekunden gegen Lugano Mühe, verschiessen einen Elfmeter, ein zweiter bleibt ihnen verwehrt. Und doch kommen sie dank eines Treffers in der 94. Minute durch unverhofft noch zum 1:0-Sieg.

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Mit dem Kopf, da war Ulisses Garcia schon im Tor. Zumindest sah es von aussen so aus, komisch und athletisch zugleich, weil der Hüne der Young Boys – erst seit zehn Minuten im Spiel – bei seinem beeindruckenden Sprint über gute 70 Meter ständig den Ball zurückzulassen drohte und mit dem Oberkörper schon am Ziel schien, im Strafraum Luganos, wo er das späte YB-Siegtor in der 94. Minute mit seinem Konter möglich machte.

Jean-Pierre Nsame vollstreckte, natürlich er, wie auch anders, in einem Spiel, das in Abwesenheit spielerischer Attraktivität dann eben von solchen Geschichten lebte: Der klägliche Penaltyschütze Nsame wird zum Helden in der Nachspielzeit.

Wüthrichs Strohfeuer

Es fehlte tatsächlich wenig, und die Young Boys hätten ihre seit 52 Spielen anhaltende Serie von mindestens einem Tor pro Partie reissen sehen. Lugano war ein ebenbürtiger, in gewissen Phasen auch besserer Gegner. Die Tessiner spielten mit Emotionen, die sie lange mithalten liessen – und sich nach dem turbulenten Finale entluden.

Vehement monierten sie ein angebliches Foul an Alexander Gerndt, Mijat Maric sah die Rote Karte, es waren laute Beschwerden, bei denen vergessen ging, dass Fabio Daprelà zuvor im eigenen Strafraum Roger Assalé unbehelligt umgerissen hatte.

Überhaupt waren Hände und Füsse an diesem Nachmittag im Tessin selten dort, wo sie beim Fussball vorgesehen sind. Gregory Wüthrich stieg schon nach sechs Minuten überhart ein, ebenso Mattia Bottani gegen Steve von Bergen. «Sie vereinen viel Kraft in der Defensive, spielen mit italienischen Werten: clever und körperbetont», sagte YB-Trainer Gerardo Seoane später.

Mit einem massierten Zentrum in einer 4-1-4-1-Formation begegnete er dem kampfstarken Lugano. Seine Mannschaft zeigte sich zwar bestimmend, liess aber nicht zum ersten Mal in den letzten Wochen Genauigkeit vermissen: Nsame scheiterte aus kurzer Distanz, nach Pingpong-Vorlage der Lugano-Abwehr.

Dann prallte mal wieder Fuss auf Fuss, jener von Jonathan Sabbatini traf den von Sow – Penalty. Nsame lief an – «kurz vor dem Schuss dachte ich plötzlich: Ich schiesse besser hoch!», wie er später lachend erklären konnte – und schoss stramm über die Latte. Es war sein zweiter Fehlschuss im dritten Versuch diese Saison – und für die Tessiner das Signal zur Gegenwehr.

Und diese Funken der Hoffnung nährten die Young Boys mit riskanten Zeuseleien zuweilen gleich selbst: Ein regelrechtes Strohfeuer legte etwa Abwehrmann Wüthrich, als er mit einem verunglückten Rückpass Luganos Gerndt lancierte – und auf Feuerwehrmann David von Ballmoos im YB-Tor zählen konnte.

Wenig später tanzte Carlinhos Dauerläufer Thorsten Schick aus, abermals konnte von Ballmoos parieren. Dann war es erneut Wüthrich, der für Verwirrung sorgte, als er irrtümlich seinen Captain von Bergen umrannte – von Ballmoos reparierte wieder den Schaden, diesmal gegen Bottani.

Es waren Momente, in denen den Young Boys die Partie hätte entgleiten können und man sich durchaus die erste Liga-Niederlage seit Oktober 2018 (2:3 gegen Luzern) des so souverän durch die Spielzeit fliegenden Champions hätte vorstellen können. Dass doch noch alles anders kam, war nebst der Geistesgegenwart von Keeper von Ballmoos eben auch diesem Konter in der 94. Minute zu verdanken, eine mannschaftliche Willensleistung und so etwas wie ein Bildnis der gegenwärtigen YB-Energie. Sie trägt die Young Boys durch diese Wochen, auch durch Partien, in denen sie spielerisch keine Stricke zu zerreissen vermögen.

Ein Hauch von Hauptprobe

Und sie trägt bei zu einer Meisterschaft, die auch die Verfolger mittlerweile als entschieden zu betrachten scheinen. Der FC Basel schonte am Samstag gegen Xamax diverse Stammspieler für die Cup-Partie vom Mittwoch in Sion – und siegte dennoch 2:0. Zieht Basel immer mit, muss YB noch achtmal gewinnen, dann ist der Titel im Trockenen.

Davon spricht bei den Bernern niemand. Seoane versäumte es nicht, die nächste Partie gegen Sion zu erwähnen, von Bergen sah im Kampfspiel eine gute Vorbereitung auf den Cup-Viertelfinal in Luzern nächste Woche.

Von Bergen übrigens war am Sonntag der Einzige in der Berner Startaufstellung mit einem 80er-Jahrgang. «Schick bemerkte, dass wir zwei die Ältesten seien. Ich musste lachen, weil ich sieben Jahre älter bin als er.» Die Gegenwart bei YB gehört den 90ern, die Zukunft den Jahrgängen darüber.

Es ist nur ein kurzer Blick zurück, wenn Nsame – geboren 1993 – lachend verneint, dass er dieses Lied von «Züri West» noch kenne. Dieses Lied, erschienen 1986, in dem ein Jean-Pierre, im Lied der Hanspeter, immer ­irgendwann aufkreuzt. Früher – oder eben viel, viel später.

Basler Zeitung

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