YB: Feiermodus schleunigst verlassen

Festhütte Stade de Suisse. So soll es am Sonntag aus YB-Sicht auch nach dem Cupfinal gegen Zürich sein. Dafür müssen die Young Boys den Partymodus verlassen.

84. Tor für 84 Punkte: Christian Fassnacht erzielt am Samstag in der 90. Minute das 2:1 bei GC – und beendet eine YB-Saison der Rekorde.

84. Tor für 84 Punkte: Christian Fassnacht erzielt am Samstag in der 90. Minute das 2:1 bei GC – und beendet eine YB-Saison der Rekorde.

(Bild: Keystone)

Fabian Ruch

Christian Fassnacht beendete diese famose Ligakampagne von YB standesgemäss. Der Flügel erzielte am Samstag in Zürich gegen GC in der 90. Minute das 2:1-Siegtor, nachdem der eingewechselte Jean-Pierre Nsame kurz zuvor den Ausgleich geschossen hatte. «Wir haben eine überragende Saison gespielt», sagt Trainer Adi Hütter. «Und wir haben auch gegen Ende nicht nachgelassen.»

Freistosskönige Europas

84 Punkte aus 36 Partien bedeuten Super-League-Rekord für YB (bisher 77), beinahe wären die Bestmarken Basels aus der ersten Spielzeit unter neuem Liganamen 2003/2004 (85 Punkte) sowie aus der letzten Saison (86) übertroffen worden.

Die Young Boys erreichten einen Punkteschnitt von 2,33 – und lagen damit knapp hinter den Meisterjahren 1960 (2,38) und 1958 (2,42). 1957 waren es gar 2,63 Punkte gewesen. Zudem ist YB laut Cies (International Centre for Sports Studies) das gefährlichste Freistossteam der 31 grössten Ligen Europas!

Das Team erzielte demnach diese Saison 12 ­Tore innerhalb von zehn Sekunden nach einem Freistoss – alle 277 Minuten. Dahinter folgen Girona (318 Minuten) und Xanthi (319).

All Stars mit Wunderwuzzi

Das Berner Publikum hatte der Sache längere Zeit nicht getraut, erst gegen Saisonschluss füllte sich das Stade de Suisse, am Ende steht ein Zuschauerschnitt von knapp 22'000. Vor acht Saisons, als YB den Titel am letzten Spieltag zu Hause gegen Basel verspielte (0:2), waren es 600 Menschen pro Partie mehr gewesen.

Derzeit allerdings ist die gelb-schwarze Euphorie grenzenlos. Dazu passt die Einschätzung, dass man ein All-Star-Team dieser Saison problemlos mit elf YB-Akteuren besetzen könnte. David von Ballmoos war der stabilste Torhüter im Herbst, Marco Wölf­lis Geschichte im Frühling ist ­unübertroffen.

In der Defensive agierten Kevin Mbabu, Steve von Bergen, Kasim Nuhu und Loris Benito (vor allem nach der ­Winterpause) überragend. Sékou ­Sanogo und Djibril Sow waren die besten Mittelfeldspieler, Miralem Sulejmani der stärkste und spektakulärste Techniker, Fassnacht hätte auch 25 Treffer erzielen können, Roger Assalés wirblige Spielweise ist in der Liga einzigartig – und Guillaume Hoarau gehört ohnehin in jede Ligaauswahl. Weil auch die Ersatzkräfte selten enttäuschten, resultiert für YB ein Rekordvorsprung von 15 Punkten auf den Zweiten FCB.

Bayern als Mahnmal

Und so wird Adi Hütter immer mit Stolz auf sein Engagement in Bern zurückblicken dürfen. Er ist, wie man in seiner Heimat Österreich so herrlich sagt, wirklich ein Wunderwuzzi. Drei Tage nachdem sein Wechsel zu Eintracht Frankfurt bekannt gegeben worden war, setzte sich sein nächster Arbeitgeber am Samstag im DFB-Pokalfinal sensationell und nach dramatischem Spiel 3:1 gegen den Giganten Bayern München durch.

Damit darf Hütter mit Frankfurt nächste Saison in der Europa League mitspielen. Eintrachts Coup müsste für die Young Boys auch eine Warnung sein. Die Bayern waren gegen Frankfurt der deutlich grössere Favorit, als es YB im Cupfinal am Sonntag in Bern gegen Zürich sein wird.

Witzigerweise holten die Young Boys genau gleich viele Punkte wie die Bayern (84), während der inkonstante Vierte FCZ wie Frankfurt 35 Zähler weniger totalisierte. «Cupfinals sind immer speziell», sagt Hütter. Auch die Young Boys haben in den letzten Jahrzehnten unliebsame Bekanntschaft mit den Pokalgesetzen gemacht.

Captain bleibt – Busse für YB

Für YB geht es nun nach wunderschönen Partywochen mit Zehntausenden von Gästen in erster und zweiter und jeder Linie darum, den Feiermodus schleunigst zu verlassen. Gelingt es den Young Boys nicht, Spannung aufzubauen, könnte die letzte Partie einer grossartigen Saison ernüchternd enden. «Ich habe keine Zweifel daran», sagt Adi Hütter, «dass wir bereit sein werden.»

Am Pfingstmontag erholten sich die Akteure vom meisterlichen Umzug, heute ab 15 Uhr beginnt die Cupfinalvorbereitung. Steve von Bergen, gegen GC ­wegen Rückenbeschwerden geschont, wird gegen den FCZ dabei sein. Seine erwartete Vertragsverlängerung um ein Jahr gab der bald 35-jährige Captain am Sonntag während des grossen Fests im Stade de Suisse unter lautstarkem Jubel der Anhänger bekannt.

Die legendären Feierlichkeiten nach dem 2:1 gegen Luzern am 28. April haben derweil ein Nachspiel für YB. Der Club wurde ­wegen des Abbrennens von Pyros durch Fans, des Platzsturms nach der Begegnung sowie einer Tätlichkeit eines Anhängers gegenüber dem Schiedsrichter von der Disziplinarkommission der Liga mit 25 000 Franken gebüsst.

Hunger ist nicht gestillt

Am Sonntag soll nun in Bern die dritte Freinacht in kurzer Zeit folgen. Der Hunger auf Erfolg ist ungestillt, Triumphe sind nicht wie in München Routine. Die Bayern blicken nach dem 1:3 gegen Frankfurt auf eine aus ihrer Sicht enttäuschende Saison zurück – trotz 21 Punkten mehr als Vizemeister Schalke. Zum Meisterempfang am Pfingstsonntag, einen Tag nach dem Pokalendspiel, erschienen in München gerade mal 5000 Leute.

YB dagegen steht vor weiteren historischen Wochen. Mit einem Cupsieg sowie dem Erreichen der Champions League Ende August könnten sie 2018 nach einer ­Saison der Superlative sogar zum ­erfolgreichsten und grössten Jahr der 120-jährigen Vereinsgeschichte veredeln.

Berner Zeitung

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