Kriselnd in der Festhütte

Die Young Boys jubilieren, die Lage beim FC Thun bleibt kompliziert.

Vorgeführt: Kevin Bigler und der FC Thun erleben in Bern einen bitteren Nachmittag. Foto: Christian Pfander

Vorgeführt: Kevin Bigler und der FC Thun erleben in Bern einen bitteren Nachmittag. Foto: Christian Pfander

Fabian Ruch

Während die YB-Fussballer nach einem Auftritt im Stade de Suisse mal wieder minutenlang mit den euphorisierten Fans feiern, schleichen die Thuner am Sonntag schwer geschlagen in die Kabine.

Das 1:5 ist für sie ein Debakel, vor der Pause erhielten sie vier Gegentore, am Ende könnten es zehn sein. «Eine Katastrophe», nennt Stefan Glarner die Leistung seines Teams in der ersten Halbzeit. Die Thuner überzeugen seit Wochen nicht mehr, aber sie halten sich in dieser schwachen Super League auf Rang 3.

Dennoch sei die Frage erlaubt: Steckt der FC Thun nach drei Punkten aus sieben Spielen mit 17 Gegentoren in der Krise?

«Nein», findet Nicola Sutter. Weil: «Vor der Saison dachten alle, wir würden gegen den Abstieg spielen.» Nun sind die Thuner nach über drei Vierteln Dritter, es ist eine hervorragende Zwischenbilanz, für die sie im letzten Sommer unterschrieben hätten. Auf Hochglanzpapier und mit goldenem Kugelschreiber.

System erlitt Schiffbruch

Aktuell aber ist der Status des FC Thun kompliziert. Beim Blick auf die Aufstellung der Oberländer am Sonntag stellt man sich ohnehin die Frage, wie dieses Team ohne besonders herausragende Einzelspieler hinter den Giganten YB und Basel die beste Spielzeit absolvieren kann. Es ist seit Jahren das Thuner Rezept des Erfolgs, das Optimum aus den Möglichkeiten herauszuholen.

In Bern liessen die Gäste vor der Pause jedoch all das vermissen, was sie in guten Phasen auszeichnet: Solidarität, Kampf, Leidenschaft. «So kann man nicht auftreten, wir standen viel zu weit von den Gegenspielern weg und kamen gar nie in die Zweikämpfe», sagt der frühere YB-Junior Kevin Bigler.

«Die Young Boys haben derart viel Klasse, dass sie das halt ausnutzen.» Die Thuner Idee, mit einer Dreierkette zu verteidigen, erlitt Schiffbruch. «Das haben wir nicht gut gemacht», sagt Sutter, «vielleicht hätte man auch früher umstellen können. Aber es stand ja bald 2:0.» Und dann gelingt ihm unbeabsichtigt ein Bonmot, als er sagt: «Wahrscheinlich wollten wir YB mit diesem System überraschen.» Nun gehe es darum, sagt Bigler, «dass wir konsequent und konzentriert spielen. Wir haben oft bewiesen, dass wir das können.»

YB auch Zuschauerkrösus

Die Thuner treten die kurze Heimreise am Sonntagabend deprimiert an. Andererseits hat niemand von ihnen erwartet, in der Ergebniskrise ausgerechnet beim souveränen Champion und Leader zum Befreiungsschlag anzusetzen. Die Young Boys bestreiten ja eine Saison der Superlative und Rekorde.

Mit für vor kurzem noch für undenkbar gehaltenen Begleiterscheinungen. Erstmals seit 1995 jedenfalls ist ihr Zuschauerschnitt seit Sonntag höher als jener des Rivalen FC Basel (25135 zu 24975).

Als die Stadtberner Akteure nach den Feierlichkeiten mit dem verzückten Publikum in den Katakomben erscheinen, sind sie selbstredend prächtig gelaunt. Sie haben gegen Thun ein beeindruckendes Zeichen gesetzt nach eher mühevollen Vorträgen in den Wochen zuvor. Und vor der Pause vielleicht sogar die beste Halbzeit dieser Meistersaison dargeboten. «Das war richtig stark», sagt Captain Steve von Bergen.

Rechnen aber, das mögen sie bei YB immer noch nicht, selbst jetzt nicht, so kurz vor dem Triumph. «Wir spielen nun in Luzern, nur darum geht es», sagt von Bergen. Goalie David von Ballmoos genoss derweil die Gala seiner Vorderleute und meint, es sei schade, habe Thun noch ein Tor erzielt. Es gibt immer etwas zu verbessern.

Meister vor dem TV?

Den Young Boys bietet sich nun die Gelegenheit, mit Siegen am Mittwoch in Luzern und am Sonntag beim FC Zürich aus eigener Kraft Meister zu werden. Möglicherweise feiern sie die Titelverteidigung aber vor dem TV, sollten sie in Luzern gewinnen und Basel am Samstag zu Hause gegen den Letzten GC nicht. Es würde die YB-Partygemeinde kaum ernsthaft stören. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Wie am Sonntag im Derby.

Berner Zeitung

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