YB darf den Herausforderungen mit Optimismus begegnen

Der Kommentar von Sportredaktor Fabian Ruch nach der Niederlage der Young Boys im Cupfinal.

Fabian Ruch

Adi Hütter verlässt die Schweiz als Meister. Aber nicht wie sein Heimatland Österreich als Doublesieger. Mit Salzburg war er zum Abschied auch Cupsieger geworden, mit YB verlor der Trainer gestern den Final gegen Zürich 1:2.

Hütter hat vieles verändert und verbessert bei den Young Boys, er hat Team und Club eine Siegermentalität vermittelt und die Berner Genügsamkeit aus dem Stade de Suisse vertrieben. Aber auch ein Wunderwuzzi stösst an seine Grenzen. Vor dem Endspiel gegen den FCZ gelang es Hütter nicht mehr, genügend Leidenschaft im Team aufzubauen.

Das Gemisch aus Partymarathon und Auslandangeboten hat den einen und anderen YB-Spieler in letzter Zeit zu stark absorbiert. Gegen Zürich fehlte es den Young Boys an Entschlossenheit und Spielfreude – und so warten sie weiter seit 1987 auf den siebten Cupsieg der Vereinsgeschichte.

Der Spannungsabfall gestern kam angesichts der ausgelassenen Feierlichkeiten nicht überraschend – und ist nachvollziehbar. Genauso wie das Verlangen der besten Kräfte, wie ihr Trainer in eine Topliga weiterzuziehen.

Im kleinen Fussballland Schweiz können sie kaum mehr erreichen als zuletzt, den Stellenwert der Super League illus­triert nichts besser als die Tatsache, dass Christian Fassnacht lieber zum HSV in die 2. Bundesliga gehen würde als mit YB die Champions League anzupeilen. Sportchef Christoph Spycher steht nach dieser grossartigen Saison vor sehr intensiven Wochen – der Verlust von mehr als der Hälfte aller Stammkräfte droht.

Hütter geht, Spycher bleibt, und weil Hütter geht, hat Spycher ein Problem.Schon oft sind Nachfolger von erfolgreichen Trainern gescheitert, weil sie fast keine Chance hatten, nicht zu scheitern.

Die Ansprüche an den YB-Coach sind gestiegen, und so gesehen ist der verlorene Cupfinal für den nächsten Fussballlehrer in Bern keine schlechte Nachricht. In den nächsten Tagen, wohl gegen Ende Woche, werden die Young Boys den neuen Trainer präsentieren, das Kandidatenfeld hat sich auf ein paar wenige Namen reduziert.

Pierluigi Tami wäre einer, der die zwei wichtigsten Kriterien erfüllt: Er würde mit seiner ruhigen und angenehmen Art menschlich ins gefestigte YB-Gefüge um Baumeister Spycher passen – und hat bewiesen, talentierte Fussballer ausbilden zu können.

Der langjährige U-21-Nationaltrainer besitzt aber wenig Erfahrung auf Vereinsebene und wurde zuletzt nach vielversprechenden Starts bei GC und Lugano entlassen. René Weiler wiederum wäre die logische Wahl, er ist jung, dynamisch, erfolgreich, gilt aber als einer, dessen Ego anstrengend sein kann.

Den perfekten Trainer gibt es nicht. Als der in der Schweiz relativ unbekannte Hütter 2015 engagiert wurde, schüttelten viele den Kopf. Heute besitzt er in Bern den Status des Heilsbringers.

Doch ab heute ist der 48-Jährige bei YB Vergangenheit. Und die Zukunft der Young Boys verspricht gleichfalls interessant zu werden. Branchenprimus Basel wird nächste Saison eingespielter sein als der Meister – und ganz bestimmt sehr hungrig. Der FCZ wiederum hat im Cupfinal bewiesen, mit seiner Philosophie, auf junge Fussballer zu setzen, ein ernsthafter Konkurrent für die mit dem gleichen Geschäftsmodell operierenden Giganten aus Basel und Bern sein zu können.

Ihr junger Trainer Ludovic Magnin hinterliess am Sonntag im Stade de Suisse dank des mutigen Auftritts seines Teams eine beeindruckende Visitenkarte. Bleibt zudem Sions Präsident Christian Constantin für einmal ein bisschen ruhiger, ist seinem ausgezeichnet besetzten Team viel zuzutrauen.

YB darf den Herausforderungen trotz erheblichen Veränderungen mit Optimismus begegnen. Der Höhenflug hat für zusätzliche Sponsoren, VIP-Gäste und Dauerkartenbesitzer und reichlich Glaubwürdigkeit gesorgt, zudem dürften durch die zu erwartenden Spielerverkäufe im Sommer mindestens 30 Millionen Franken eingenommen werden.

Und im Europacup sind mit der Teilnahme an der Europa League in der nächsten Spielzeit auch rund 10 Millionen Franken garantiert – gelingt gar der Sprung in die Champions League, kann sich dieser Betrag locker verdreifachen.

Den Young Boys geht es sportlich und wirtschaftlich ausgezeichnet. Nun gilt es, in den nächsten Wochen die Meistermannschaft sinnvoll umzubauen. Trotz den ausserordentlichen Einnahmen wird das keine einfache Aufgabe.

Berner Zeitung

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