YB auf Wolke sieben

Die Young Boys besiegen Basel an einem denkwürdigen Nachmittag 7:1. Das Resultat ist das offensichtlichste Indiz, dass im Schweizer Fussball die Machtablösung vollzogen ist.

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Dominic Wuillemin

Wann gab es das schon einmal? Der FC Basel erzielt in Bern ein Tor, und niemand kümmert es.

Im Stade de Suisse läuft die 75. Minute, als Ricky van Wolfswinkel das 1:5 für den FCB gelingt. Es ist reine Resultatkosmetik, aus dem Gästesektor ist ein leises Raunen erkennbar, die YB-Fans singen ungestört weiter. Zu klar ist das Verdikt, zu gross sind die Unterschiede zwischen den beiden grössten Schweizer Clubs.

Kurz darauf erzielt der eingewechselte Leonardo Bertone das 6:1. Es ist jetzt ein Resultat wie im Tennis, an einem Nachmittag, an dem die YB-Fans nach einer Viertelstunde Dutzende Tennisbälle auf den Platz warfen, um gegen den Einzug des E-Sports im Schweizer Fussball zu protestieren. Wer hätte gedacht, dass die Aktion in der Schlussphase zeitweise wie eine Prophezeiung wirkt.

Kollers Eingeständnis

Doch beim 6:1 bleibt es nicht, der ebenfalls eingewechselte Roger Assalé erhöht noch auf 7:1, er ist der siebte YB-Torschütze an diesem surrealen Nachmittag im ­erneut ausverkauften Stade de Suisse. Am Ende ist es der siebte YB-Sieg im siebten Spiel, die Basler belegen derweil den siebten Tabellenrang.

Es gibt sieben Weltwunder, und es gibt nun dieses 7:1, dass in die Schweizer Fussballgeschichte eingehen wird. Auch weil es für viel mehr steht als die drei Punkte, die es auch dafür nur gibt. Es ist das offensichtlichste Indiz, dass im Schweizer Fussball die Machtablösung vollzogen ist. Am 23. September 2018 lässt sich nur mit sehr viel Fantasie vorstellen, dass die Berner Ende Saison nicht den zweiten Titel in Folge feiern werden. Sie haben nun schon zehn Punkte Vorsprung auf den Zweiten – Kantonsrivale FC Thun.

Basels Trainer Marcel Koller mag bei der Medienkonferenz die Meisterschaft zwar nicht abschreiben, er sagt aber: «Uns ist bewusst, dass wir aktuell nicht an YB herankommen.» Der Zürcher, als Spieler und Coach seit 40 Jahren im Geschäft, kann sich nicht erinnern, schon einmal so hoch verloren zu haben.

Der Spott war einmal

Die höchste Niederlage in der FCB-Vereinsgeschichte ist es hingegen nicht. Im Sommer 2001 hatten die Basler beim Saisonauftakt in Sitten 1:8 verloren, am Ende gewannen sie den ersten Meistertitel seit 22 Jahren.

Bis 2017 sollten elf weitere Folgen. Der FCB war eine Maschine, der Erfolge in Serie produzierte, potenter, grösser, leistungsstärker als die Konkurrenten. Als Basel im Herbst 2011 den Young Boys wieder einmal davongezogen war, spottete sein Verteidiger Aleksandar Dragovic: «YB ist eine kaputte Mannschaft.»

Gross und potent ist der FCB immer noch und doch ist vieles anders: Sinnbildlich dafür stehen die Worte Leonardo Bertones. Als er gefragt wird, wie das 7:1 vier Tage nach dem 0:3 in der Champions League gegen Manchester United zustande gekommen sei, sagt er, die Königsklasse sei eine Liga für sich. «Da zu bestehen, ist viel schwieriger. In der Schweiz wissen wir, was es braucht, um zu gewinnen.» So einfach ist das derzeit als YB-Akteur. Und nein, meint Bertone noch, Mitleid mit dem FCB habe er keines verspürt.

Nur zu Beginn bewegen sich die Teams auf Augenhöhe, YB wirkt müde, der FCB steht so kompakt, wie es seine Form zulässt. Die ersten drei YB-Tore fallen nach Standard­situationen. Miralem Sulejmani trifft mit einem abgefälschten Freistoss direkt, er bereitet mit Eckbällen auch die Kopfballtreffer von Christian Fassnacht und Mohamed Ali Camara vor. Diese Tore lassen YB-Trainer Gerardo Seoane später von Wettkampfglück sprechen. «Danach spielten wir uns in einen Rausch.» Dabei hilft, dass Eder Balanta nach einer Stunde und übler Grätsche die Rote Karte sieht. Im Grossen und Ganzen sei der Sieg zu hoch ausgefallen, sagt Seoane. Es ist eine mit grosser Freundlichkeit vorgetragene Interpretation der Geschehnisse.

Denn während Goalie David von Ballmoos nur einmal gegen Albian Ajeti ernsthaft eingreifen muss, vergeben die Young Boys auch Chancen, der Sieg könnte höher ausfallen. Guillaume Hoarau trifft nach der Pause die ­Latte.

Die Bank als Beleg

Dass bei YB der stärkste Einzelspieler, Kevin Mbabu, nach einer halben Stunde beim Stand von 0:0 mit einer Verstauchung am Fuss ausgewechselt werden muss, fällt nicht einmal ins Gewicht. Sein Ersatz Thorsten Schick vertritt den Rechstverteidiger so, als gäbe es nichts Leichteres: Das 1:0 leitet er sogleich ein, beim 6:1 lässt er sich einen Assist gutschreiben.

Die Einwechselspieler Schick, Bertone, Assalé, die alle an Toren beteiligt sind, stehen für den Klassenunterschied zwischen den Clubs. Die Tatsache, dass es jeder Basler schwer hätte, sich in Bern einen Stammplatz zu erobern, ebenso.

Die Differenz ist so gross, dass den Baslern auch die Historie nicht Hoffnung geben wird: 2009 waren sie nach sieben Runden 10 Punkte hinter YB gelegen und hatten trotzdem den Titel geholt. «Wir dürfen nicht auf die Vergangenheit blicken», sagt Koller. «Wir müssen schauen, dass wir uns in der Zukunft wieder anders präsentieren.»

Das 1:0 durch Christian Fassnacht in der 33. Minute:

(Video: SRF)

Das 2:0 durch Miralem Sulejmani in der 41. Minute:

(Video: SRF)

Das 3:0 durch Mohamed Camara in der 52. Minute:

(Video: SRF)

Das 4:0 durch Guillaume Hoarau in der 60. Minute:

(Video: SRF)

Das 5:0 durch Michel Aebischer in der 70. Minute:

(Video: SRF)

Das 1:5 durch Ricky Van Wolfswinkel in der 75. Minute:

(Video: SRF)

Das 6:1 durch Leonardo Bertone in der 80. Minute:

(Video: SRF)

Das 7:1 durch Roger Assalé in der 89. Minute:

(Video: SRF)

Berner Zeitung

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