Wohin mit all der Sehnsucht?

Jahrelang war YB vor allem von den Erinnerungen an alte Meister umgeben. Am Wochenende könnten sich endlich neue ins Fan-Gedächtnis einbrennen.

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In den Händen der Kinder soll ja die Zukunft liegen, entsprechend gross waren die Augen dieses kleinen Jungen. Doch er sprach deutlich, er hatte sich vorbereitet für diesen Donnerstag im April, vor ihm seine Idole, Fussballer der Young Boys, auf ihren Schultern die Last der letzten 32 meisterschaftsfreien Jahre, und er, Nino sein Name, also fragte: «Wer wird eigentlich Meister?» Eigens für seine jüngsten Anhänger hatte YB eine Art Pressekonferenz einberufen, den Fragen stellten sich die Spieler Sow, Fassnacht, Benito und Wüthrich. Es ergab sich ein ausgelassener, köstlicher Dialog zwischen den frisch von der Leber weg fragenden Kindern und den jungen Spielern, doch diese eine Frage des kleinen Nino sorgte für einen kurzen Moment der Ernsthaftigkeit in der Veranstaltung. Um so mehr, als die Frage an den Buben zurückging, was er denn denke. Nino überlegte, drei, vier, fünf Sekunden lang, und sagte dann mit abermals grossen Augen: «Ich weiss es auch nicht.»

Seit Wochen stehen die Young Boys an der Schwelle zu einem der grössten Momente in ihrer Vereinsgeschichte. Mit traumwandlerischer Sicherheit eilen sie dem ersten Meistertitel seit 1986 entgegen, bereits heute, nach dem Heimspiel gegen Luzern, könnte es soweit sein. Doch was das mit ihnen macht, das wissen sie noch nicht, vor allem aber wissen es die Leute nicht, die sie dabei beobachten werden. Man weiss nicht mal, wie viele es sein werden, wenn es denn klappen sollte, klar, knapp 32 000 im Stadion – aber wie viele davor? Und was dann? Was passiert in den Köpfen und mit Körpern, in denen sich Emotionen aus drei Jahrzehnten entladen? Wohin mit all der Sehnsucht, die diesen Verein in den letzten Jahren vielleicht mehr mitgeprägt hat, als ihm lieb sein kann? Diese Sehnsucht, sie ist erwachsen geworden, 31 ist sie heute, oder 32, je nach Gewichtung von Cupsieg 1987 und Meisterschaft 1986. YB war ihr eine gute Mutter und was bleibt, ist eine komplizierte Mélange aus Tradition und Erfolg, aus Vergangenheit und Zukunft. Die Bedeutung der Historie führt zu Hysterie, wer darf eigentlich feiern und wer nicht, es sollen ja gefälligst viele, aber bitteschön die richtigen kommen zu diesem grossen Tag. Die Young Boys sind wieder richtig en vogue, das passt nicht allen. Gelegenheit macht YB. Wie alt warst Du bei deinem ersten Spiel? Aha, das war schon im neuen Stadion! Es scheint, als würden alle ein letztes Mal verzweifelt diese Erinnerungen hervorkramen. Ab heute könnten sich neue einbrennen. Das ist ungewohnt.

Dabei hat alles zaghaft begonnen, in dieser Saison rund um YB. Und jetzt, plötzlich, zur Stunde Null, dreht sich alles ganz schnell, es ist ein lautes Fanal geworden, eine hysterisch-euphorische Spirale. Der Schwarzmarkt ist wie immer Grauzone, im Internet kursieren Karten für 500 Franken, und die Young Boys hätten bedeutend mehr als die 31 120 Tickets verkaufen können. «Die Spieler sind heilfroh, können sie den Deckel endlich selber draufmachen», sagt ein Staff-Mitglied am Mittwoch vor der Partie. Hin und wieder ist Sport, ist Fussball ein Zerrspiegel, in dem sich unsere Gesellschaft ins Übermenschliche vergrössert. Auch die kleine Stadt Bern wird gerade gross und grösser gemacht, sie sieht sich konfrontiert mit Erwartungen an diesen einen Moment aus der lokalen Sporthistorie. Eine Zeitung aus dem Aargau versucht dem Stadtpräsidenten über 200 Zeilen hinweg verzweifelt zu entlocken, dass ganz bestimmt mehr als 100 000 Menschen an die Meisterfeier kämen. Eine andere will von ihm hören, dass es die fehlende Dynamik in der Berner Wirtschaft gewesen sein musste, ohne die der Grossclub YB Jahr um Jahr den Titel verpasste. Es wird gemutmasst und erdichtet, der Finanzausgleich lähme, die Beamtenstadt lahme. Der Zerrspiegel zerrt herzhaft, und es dürstet einen nach Vernunft, nach der Rückschrumpfung in menschliche Masse. Und wer geht da beispielhaft voran? YB.

Es ist Montag, T-5 bis zur Stunde Null, der ältere Herr steht auf, fährt sich durchs Haar und sagt: «Die Verpflegung im Stadion, sorry, aber die ist himmeltraurig.» Die Young Boys halten ihre Generalversammlung im Stade de Suisse, von etwa 13 000 stimmberechtigten Mitgliedern sind 285 gekommen, so viele wie sonst nie in den letzten Jahren. Es gibt echte Zuwendung, später Wurst und Bier und vorab starren alle auf das Rückenmark Schweizer Vereinskultur: die Traktandenliste. Auf der geht es unter «Varia» zu den Wortmeldungen. Es wird gesagt, was gesagt werden muss, es zieht in Sektor C, ein neues Einlauflied muss her, die Wurst zu kalt, das Bier zu warm. Einer entschuldigt sich beim anwesenden Cheftrainer Adi Hütter aufrichtig, dass er ihm an der Versammlung vor zwei Jahren in einer ebensolchen Wortmeldung offenbar unrecht getan habe – der Mannschaft fehle es ja gar nicht am Mittagsschlaf und überhaupt, er könne nur gratulieren. Für das zahlende Vereinsmitglied braucht es ein Ventil, selbst in diesen Wochen des Triumphes. Und es ist irgendwie passend, wenn Sportchef Christoph Spycher später ins Mikrofon sagt: «Am Samstag darf auch alles raus, was sich angestaut hat.»

Die Young Boys erleben auf diesen letzten Saison-Metern mehr Emotionen als zuvor während so mancher durchschnittlichen Spielzeit insgesamt. Gestern prallt auf heute prallt auf morgen; fünf Tage nachdem die Zukunft an der Kinderpressekonferenz ihre die neuen Helden befragte, stirbt eine der wichtigsten Figuren der YB-Gegenwart. Andy Rihs erliegt seiner schweren Krankheit, der Verein – auf der Zielgeraden, kurz vor der Jubelparade – hält inne, gedenkt und dankt dem Mitbesitzer und Investor. Aus Freude wird Trauer und später nach einem 4:1 über Lausanne wieder Freude, und so passt es, dass YB ausgerechnet im April, als Monat so etwas wie die Pubertät des Kalenderjahres, Meister werden könnte.

Es sind authentische Gefühle, weil darin, ähnlich wie in den melancholischen Berner Stadionhymnen, immer auch die Ungewissheit der Leidgeprüften mitschwingt. Aber wer zurückblickt, erkennt: In dieser Geschichte war alles drin, Wut und Enttäuschung, Entbehrung und Trauer, und wenn alles mit irdischen Dingen zugeht, so kommt heute oder morgen oder in den nächsten Wochen die versöhnende Erfüllung hinzu und komplettiert es: das grosse Einmaleins der YB.

Berner Zeitung

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