Wieder eine ivorische Rakete

Der kleinste bisher im Stade de Suisse eingesetzte YB-Spieler erwischt einen grossen Einstand. Roger Assalé versorgt die Young Boys gegen St. Gallen mit Energie und trifft zum 2:2.

Debütant Assalé trifft kurz nach seiner Einwechslung zum 2:2-Schlussstand.
Fabian Ruch

Trist ist die Ambiance im spärlich gefüllten Stade de Suisse am Samstagabend kurz vor 21.30 Uhr, 1:2 liegt ein schwaches YB gegen St. Gallen zurück – doch Roger Assalé versorgt die apathischen Young Boys nach seiner Einwechslung in der 68. Minute für den rätselhaft blassen Miralem Sulejmani sofort mit jeder Menge Energie.

Er sorgt gleich für Spektakel mit einem gelungenen Dribbling, präsentiert seine flinken Füsse, setzt Akzente, erobert Bälle, flitzt über den Kunstrasen, schiesst das 2:2 – und in der Nachspielzeit beinahe das 3:2. Der erst knapp eine Woche zuvor verpflichtete Ivorer setzt eine erste Duftmarke in Bern und bestätigt die Lobeshymnen seines Trainers. «Er wird uns mit seinen Qualitäten helfen können», sagt Adi Hütter, «und er ist in der Offensive vielseitig einsetzbar, kann am Flügel spielen, aber auch im Sturmzentrum oder dahinter.»

Gegen St. Gallen wieselt Assalé derart selbstverständlich um den einen Kopf grösseren Guillaume Hoarau herum, als würde sich das ungleiche Duo schon seit Jahren kennen. Die beiden produzieren den späten Berner Ausgleich. Und Hoarau bereitet auch jene Grosschance vor, die Assalé in der 92. Minute vergibt, als er mit dem Kopf aus rund zwei Metern an Goalie Daniel Lopar scheitert.

«Es wäre nicht mein erstes Kopfballtor gewesen», sagt Assalé, kleinster bisher im Stade de Suisse eingesetzter YB-Fussballer – vor Grössen wie Renato Steffen und Alberto Regazzoni.

Der «Zauberzwerg»

Roger Assalé ist in Bern angekommen. Er hat keine Anlaufzeit benötigt und firmiert auf dem Boulevard schon als «Zauberzwerg». Nur – je nach Quelle – 165 oder 167 Zentimeter misst der Afrikaner, und doch prophezeien ihm nicht wenige Beobachter eine grosse Karriere.

Der 23-Jährige spielte in den letzten zwei Jahren im Kongo für den Topklub TP Mazembe, schoss in 75 Partien 24 Tore, gewann 2015 die afrikanische Champions League als Stammspieler und den Afrika-Cup mit der Elfenbeinküste als Reservist. YB hatte sich seit Herbst intensiver mit dem dreifachen Nationalspieler beschäftigt und verpflichtete Assalé nach dem lukrativen Verkauf Yuya Kubos zu Gent kurzerhand als Vorgriff auf nächste Saison.

«Er ist ein sehr interessanter Fussballer mit einer tollen Persönlichkeit.»Sportchef Christoph Spycher

Die Young Boys besitzen eine Option, den Offensivspieler im Sommer fix zu übernehmen. «Er ist ein sehr interessanter Fussballer mit einer tollen Persönlichkeit», sagt Sportchef Christoph Spycher. «Und wir sind froh, hat er sich für uns entschieden, als er sich entschloss, nach Europa zu kommen.»

Mit Gott, ohne Kälteschock

Nach seinem Traumdebüt gegen St. Gallen und anschliessender Dusche und Pflege schlurft Assalé mit Landsmann Sékou Sanogo durch die Katakomben des Stade de Suisse, den Blick fix aufs Handy gerichtet. Der Ivorer ist ein stiller, schüchterner, bescheidener Kerl, so wird er von Mitspielern und Angestellten bei YB beschrieben, und so gibt er sich gegenüber dem Journalisten.

«Ich habe in Nordafrika, etwa in Marokko, auch bei solchen Temperaturen gespielt»Roger Assalé

Zögerlich, sehr leise, aber jederzeit freundlich gibt er Auskunft. Ein Traum sei sein Einstand gewesen, Gott habe ihm geholfen, er sei froh, den Teamkollegen und Fans und dem Verein mit seinem Tor etwas für die Unterstützung zurückgeben zu können. Es ge­falle ihm in Bern, die Integration werde ihm leicht gemacht, selbst wenn es in der Schweiz schon etwas kalt sei.

«Aber ich habe in Nordafrika, etwa in Marokko, auch bei solchen Temperaturen gespielt», erklärt Assalé. Er wohnt bereits nicht mehr im Hotel, weiss aber nach wenigen Tagen in Bern noch nicht genau, wo seine Wohnung liegt.

Fast wie damals Doumbia

Assalé hat das Appartement von Kubo im Obstberg übernommen. Und er sieht bei YB, wo ja schon einige Afrikaner ihre Karrieren lanciert haben, die Möglichkeit, den nächsten Schritt zu realisieren. Seine Traumliga ist die Premier League, Vorbild ist der grösste Floh höchstpersönlich, Lionel Messi (1,70 m), Lieblingsklub dessen Arbeitgeber Barcelona.

In den ersten knapp 25 Minuten Spielzeit in Bern hat Assalé angedeutet, das Potenzial zum Publikumsliebling zu besitzen. Es ist viel zu früh dafür, Parallelen zu ziehen, doch der Sprinter ähnelt von Art und Auftreten her dem früheren YB-Topskorer und Landsmann Seydou Doumbia. Am Samstag fühlte man sich an dessen ersten Auftritt im Stade de Suisse am OBI-Cup im Sommer 2008 gegen Wolfsburg er­innert, als Doumbia nach seiner Einwechslung wie eine fleischgewordene Rakete die Seitenlinie entlangflitzte.

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