Hoeness bellt noch mal live im TV

Nach dem 4:0-Sieg gegen Dortmund ruft der Bayern-Boss im Fussballtalk «Doppelpass» an und beschwert sich über die Expertenrunde.

Ein letztes Mal «Abteilung Attacke»? Uli Hoeness macht per Telefonanruf ins TV-Studio seinem Ärger Luft. (Video: Sport1)
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Die Sendung heisst «Doppelpass», sie läuft am Sonntagmorgen auf Sport1 und ist ein gefilmter Stammtisch. Manchmal ist sie unterhaltend, manchmal belanglos, und es kann auch vorkommen, dass sich Uli Hoeness über die Diskussion aufregt, wenn er daheim auf dem Sofa in seinem Haus über dem Tegernsee sitzt.

Am Sonntag ärgert sich der Noch-Präsident von Bayern München so, dass er sich live in die Sendung verbinden lässt. «Uli», fragt Moderator Thomas Helmer, er spielte in den Neunzigerjahren selbst für die Bayern und gewann mit ihnen dreimal die Meisterschaft, «Uli, was liegt dir auf dem Herzen?»

«Ich habe Folgendes auf dem Herzen», bellt Hoeness durchs Telefon zurück, «dass sich grosse Teile der Runde total despektierlich über Hasan Salihamidzic äussern.» Salihamidzic ist als Sportchef sein Schutzbefohlener, und darum verteidigt ihn Hoeness durch alle Böden. Salihamidzic habe einen guten Job gemacht, sagt er, die Transfers von Pavard, Hernandez und Davies seien «auf seinem Mist gewachsen». Eigentlich bedeutet es das Gegenteil von dem, was er sagen will, also nichts Positives. Aber gut, Hoeness ist halt gerade so in Fahrt zur Stammtischzeit.

Weil es in seiner Tirade etwas untergeht und der Zuhörer nicht darauf kommen könnte, fügt er noch bei: «Seit gestern bin ich total euphorisch.»

Mit gestern meint er den Samstag, als sich die Bayern in der Bundesliga daranmachen, ihren Gegner zu zerlegen. Und weil der Gegner Borussia Dortmund heisst, ist das von Bedeutung. 4:0 steht es am Ende, nach zwei Toren von Robert Lewandowski, einem von Serge Gnabry und einem Eigentor von Mats Hummels, dem früheren Bayern-Verteidiger. Das Resultat tönt nach dem, was es ist: nach einem Klassenunterschied. Wenn es dumm läuft für die Dortmunder, kriegen sie zwei, drei Tore mehr.

Die Erkenntnis von Hummels

«So doof es klingt», sagt ebendieser Hummels, «es ist nur eine Niederlage bei einer Mannschaft, bei der man auch einmal verlieren kann.» Die Einschränkung liegt in der Luft, und sie kommt auch: «Nichtsdestotrotz ist es für uns ein Zeichen, dass wir keine Top-top-Truppe sind. Wir können eine sein, an guten Tagen, aber eine Top-Mannschaft ist das auch an schlechten Tagen.»

Hummels ist ein so eleganter wie eloquenter Verteidiger, sein Wort hat Gewicht, und darum wählt er es nicht unbedacht. Wenn er sagt, dass Dortmund keine «Top-top»-Mannschaft sei, ist das eine deutliche Botschaft.

Immerhin ist dieses Dortmund mit dem Anspruch in die Saison gegangen, erstmals seit 2012 wieder Meister zu werden. 130 Millionen Euro haben die Verantwortlichen dafür im Sommer investiert, um neben Hummels auch Julian Brandt, Nico Schulz sowie Thorgan Hazard zu verpflichten und dazu Paco Alcacer fest an den Verein zu binden. Dann aber kommt in der Münchner Allianz-Arena etwas zustande, was Sportchef Michael Zorc zur Erkenntnis bringt: «Das war überhaupt kein Fussball. Das war eine Nicht-Leistung.»

Das Eingeständnis von Müller

Die Bayern zeigen, was eine Mannschaft in einem solchen Spiel zeigen muss. Sie sind aggressiv, laufbereit, zweikampfstark, sie sind hungrig, weil sie wissen, dass sie nach den letzten stürmischen Tagen und Wochen mit der Trennung von Trainer Niko Kovac in der Pflicht stehen.

«Die Spieler waren durch den Trainerwechsel noch mehr gefordert», sagt Thomas Müller, «das Alibi war weg.» Müller war unter Kovac zur Randfigur geworden, unter dem interimistischen Nachfolger Hansi Flick geniesst er auf einmal wieder den Vorzug gegenüber Philipp Coutinho. Auch Hoeness, noch bis am Freitag der Präsident, hat eine Meinung zum Thema. Darum sagt er: «Die Spieler, die dafür sorgten, dass Niko Kovac nicht mehr da ist, wussten, dass sie liefern müssen.»

Am Sonntag im «Doppelpass» spricht Moderator Helmer ihn auf seine Aussage an, dass Teile der Mannschaft gegen Kovac gewesen seien. Hoeness sagt: «Wenn ich das so gesagt habe, habe ich das auch so gemeint.»

Ein dramatisch schlechter Auftritt

Die Bayern sind 90 Minuten lang auf einer Mission. Die Dortmunder dagegen legen einen dramatisch schlechten Auftritt hin. Sie bringen nicht einen Schuss direkt aufs Tor zustande. Jadon Sancho muss schon nach einer halben Stunde Platz machen. Dabei könnte es jeden treffen, weil jeder, abgesehen von Hummels, ein Totalausfall ist.

Von dieser Wertung ist auch Lucien Favre als Trainer nicht verschont. Wieder einmal kommt er auf die Idee, Mario Götze als Sturmspitze aufzustellen, Götze ist vieles, nur das nicht. Entsprechend unwohl ist ihm in dieser Rolle. Auf der Bank lässt Favre dafür mit Alcacer seinen einzigen Spieler schmoren, der dafür geeignet ist.

Der Romand ist eine Schlüsselfigur im Dortmunder Meisterprojekt. Das Problem dabei ist, dass er eine höchst wackelige Schlüsselfigur ist. Er strahlt nicht im Ansatz das Selbstverständnis aus, das nötig wäre, um in der Bundesliga den Titel zu gewinnen. Die Chefs sagen: Wir wollen Meister werden, die Spieler sagen: Wir wollen Meister werden. Und der Trainer? Er setzt auf Bayern als Meister.

Nach der Demontage in München erklärt Favre: «Ich habe seit langem gesagt: Wir haben viel zu tun.» Er tut ganz so, als wäre er fast froh, dass er recht hat.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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